Prof. Dr. Reinhard Herzog
Als die durchschnittliche Umlaufrendite im Herbst 2005 unter die 3-Prozent-Marke abgerutscht war, herrschte Einigkeit bei den Analysten: Die Zinsen werden wieder steigen. Und in der Tat war das Jahr 2006 von einem deutlichen Zinsanstieg auf zeitweise mehr als 4,0% geprägt. Aber auch im ersten Halbjahr 2007 setzte sich diese Entwicklung wei-ter fort und am 9. Juli 2007 erreichte die Renditelinie die Marke von 4,7%.
Was für Neueinsteiger erfreulich war, sorgte jedoch bei Anleihebesitzern für Verluste. Die Kurse der bereits ausgegebenen Papiere gaben nach – und dies umso mehr, je länger ihre Restlaufzeit war. So notierte etwa die 5,25%ige Bundesanleihe mit Laufzeit bis zum Jahr 2010 (ISIN: DE0001135150) im Sommer 2005 noch bei knapp 113%, hingegen war sie zwei Jahre später, also im Sommer 2007, nur noch 101,7% wert. Die 5,625%ige Bundesanleihe mit Laufzeit bis 2028 (ISIN: DE0001135069) gab sogar von 133,3% auf 109,3% nach – was einem Kursverlust von 18% binnen zwei Jahren entspricht.
Mitte 2007 kam jedoch die Trendwende: Nachdem erste Schieflagen europäischer Banken infolge der US-Immobilienkrise bekannt geworden waren, pumpte die Europäische Zentralbank (EZB) Milliardenbeträge in die Märkte, um so die drohende Finanzkrise abzuwenden. Die Auswirkungen ließen nicht lange auf sich warten: Im zweiten Halbjahr 2007 gingen die Zinsen in der Eurozone auf Talfahrt und erreichten mit rund 4,0% zeitweise wieder den Stand vom Jahresbeginn. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch den markanten Zinsrückgang in den USA.
Inflationsrate als Belastungsfaktor
Nun stellt sich die Frage nach der weiteren Entwicklung an der Zinsfront. Vor dem Hintergrund der deutlich steigenden Inflationsrate besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Europäische Zentralbank die Zügel wieder stärker anzieht und die Leitzinsen heraufsetzt. Dem steht allerdings die sich abschwächende Konjunkturentwicklung gegenüber, die durch höhere Zinsen nochmals forciert werden könnte. Unter Abwägung dieser Tatsachen ist in den kommenden Monaten fundamental allenfalls mit einem moderaten Zinsanstieg zu rechnen.
Aus charttechnischer Sicht rangiert die aktuelle Umlaufrendite im unteren Bereich des relativ steilen Aufwärtstrendkanals. Nach den Regeln dieser Analysemethode könnte die Umlaufrendite in den kommenden Monaten wiederum auf rund 4,5% ansteigen, auch ein weiterer Zuwachs in Richtung 5-Prozent-Marke ist charttechnisch keinesfalls auszuschließen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Chartanalyse im Zinsbereich wesentlich geringere Aussagekraft hat als bei Aktien.
Für Anleger bedeutet dies, dass bestehende Rentenwerte-Engagements grundsätzlich beibehalten werden können. Überlegenswert sind allerdings einige Depotoptimierungen, insbesondere bei zwei Titelkategorien:
- Kurzläufer mit hohem Nominalzins, d.h. mit bis zu drei Jahren Restlaufzeit und einem Nominalzins von mehr als 5,0%, notieren meist deutlich über ihrem Rückzahlungskurs von 100%. Ihre Vorsteuer-Rendite, also der Zinssatz abzüglich des programmierten Kursrückgangs, liegt zwar im Bereich marktgerechter 4,1%, nach Steuern sieht die Rechnung jedoch anders aus: Da der Zinsertrag steuerpflichtig ist, der Kursrückgang jedoch in der Regel steuerlich keine Auswirkungen hat, liegt die Nachsteuer-Rendite oftmals im negativen Bereich. Hier ist also ein Umtausch in andere Papiere durchaus sinnvoll.
- Anleihen mit extrem niedrigem Nominalzins, die so genannten Niezis, werden derzeit noch von Anlegern mit hoher Steuerprogression bevorzugt und bringen daher eine niedrigere Rendite als vergleichbare Papiere mit hohem Nominalzins. Mit Einführung der Abgeltungssteuer wird sich diese Situation jedoch umkehren, sind dann doch auch Kursgewinne steuerpflichtig. Damit kann es vorteilhaft sein, entsprechende Papiere bereits im Laufe des Jahres 2008 in normal bis höher verzinste Titel umzutauschen.
Neuanlagen hingegen sollten sich daran orientieren, ob das anzulegende Kapital zu einem bestimmten Termin komplett innerhalb der kommenden Jahre benötigt wird oder grundsätzlich unbefristet zur Verfügung steht. Im ersten Fall sollten Sie Anleihen auswählen, deren Tilgungstermin weitgehend mit dem Zeitpunkt des Kapitalbedarfs übereinstimmt. Damit sichern Sie sich die aktuelle Marktrendite, gehen aber keine Kursrisiken ein.
Bei unbefristet anzulegenden Geldern sollten Sie Laufzeiten zwischen vier und sieben Jahren den Vorzug geben, die eine marktgerechte Rendite mit überschaubaren Kursrisiken vereinen. Längerfristige Papiere bringen indes nur einen geringen Mehrertrag von maximal 0,3 %-Punkten, der angesichts des Kursrisikos derzeit zu niedrig erscheint. Aber auch im kurzfristigen Bereich lohnen sich Engagements angesichts der hier gebotenen 4,0% bis 4,3% nicht, bringen doch vergleichbare Festgeldanlagen bei Banken und Sparkassen ähnlich hohe Sätze – allerdings ohne Risiken oder Gebühren.
Bonität entscheidet
Stärker als in früheren Jahren sollten Sie jetzt auf die Bonität des Emittenten achten: Die Immobilienkrise hat gezeigt, dass selbst renommierte Institute in Bedrängnis geraten können. Im Fall einer konjunkturellen Abschwächung sind aber auch bei Industrieunternehmen durchaus Risiken vorhanden, die man sich – wenn man hier überhaupt investiert – mit entsprechend hohen Renditeaufschlägen bezahlen lassen sollte.
Gerade nach den kräftigen Kursgewinnen des Euro in den vergangenen Monaten sollten Anleger jetzt auch Fremdwährungspapiere in ihre Überlegungen einbeziehen. Insbesondere dem US-Dollar sagen einige Experten ein kräftiges Erholungspotenzial im Umfeld der US-Wahlen voraus. Am Markt wird eine große Vielzahl von Papieren auch renommierter deutscher Emittenten gehandelt. Bei der Laufzeitenwahl sollten Sie sich vorrangig im mittleren Laufzeitsegment – also im Bereich zwischen vier und acht Jahren – umsehen.
Durchaus interessant erscheinen aber auch einige andere Fremdwährungen. So bieten der australische und der neuseeländische Dollar Renditevorteile gegenüber dem Euro, während die Devisenkursschwankungen sich zunehmend in engeren Grenzen halten. Gern gewählt wird aber auch die Norwegische Krone und – für sehr risikofreudige Anleger – die Island-Krone, die einen kräftigen Kurssturz hinter sich hat. Schließlich werden auch immer wieder Papiere aus Südafrika empfohlen, wobei als Gründe für eine stabilere Entwicklung des Rand sowohl der Anstieg der Rohstoffpreise als auch das Interesse der Anleger im Umfeld der Fußballweltmeisterschaft genannt werden.
Vorsicht bei osteuropäischen Währungen
Vorsicht erscheint dagegen bei Währungen aus Osteuropa geboten, deren Renditen in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind. Die Euphorie im Zuge der EU-Aufnahme weicht zunehmend einer nüchternen Betrachtungsweise, sodass Währungsverluste nicht auszuschließen sind.
Doch ob US-Dollar, Südafrikanischer Rand oder Island-Krone: In keinem Fall sollten entsprechende Engagements übergewichtet werden. Sinnvoll ist lediglich eine Depotbeimischung im einstelligen Prozentbereich, auch sollten entsprechende Investments öfter kontrolliert werden als z.B. eine Anlage in deutschen Bundesanleihen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(02):15-15