Zertifikate

Die Geschäfte mit der Unwissenheit


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Zertifikate stehen bei deutschen Geldanlegern hoch im Kurs: Mehr als 320.000 verschiedene Papiere werden an den deutschen Börsen, insbesondere an der EUWAX in Stuttgart, gehandelt – Tendenz steigend. Doch die Vielfalt hat auch Nachteile.

Ob auf den DAX, den koreanischen Aktienmarkt oder den Ölpreis – mit Zertifikaten können Anleger auf nahezu jeden Basiswert setzen. Börsentäglich kommen zwischen 500 und 1.500 neue Produkte auf die Kurslisten, viele davon mit unbegrenzter Laufzeit. Das Problem jedoch: Ist ein Zertifikat erst einmal am Markt, finden sich nur wenige Interessenten für das Papier. Der Börsenhandel wird daher in erster Linie allein von den knapp drei Dutzend Emittenten gesteuert, die feste Preise für den An- und Verkauf ihrer Papiere in die Handelssysteme der Börsen eingeben.

Unproblematisch ist dies, wenn sich die Preisdifferenzen in einem vergleichsweise engen Rahmen halten. Bei Standardpapieren auf den DAX oder andere Indizes der Indus­trienationen liegt der Spread in der Regel bei weniger als 0,3 %, sind diese Papiere doch einem heftigen Konkurrenzkampf unterworfen. Hingegen kann sich der Spread bei Spezialtiteln etwa auf asiatische Indizes auf bis zu 3,0 % ausweiten – wobei auch hier immer noch die erforderliche Transparenz geboten wird. Bezieht sich das Zertifikat gar auf einen Aktienkorb oder ist sein Wert von ganz bestimmten Ereignissen abhängig, kann der Anleger ohnehin kaum noch feststellen, ob ihm neben dem Spread ein „fairer Preis“ abverlangt bzw. geboten wird. Dies gilt etwa bei „Knock-out-Papieren“: Ihr Wert verfällt, wenn der Kurs z.B. eine bei der Emission festgelegte Marke unterschreitet. Die Wahrscheinlichkeit dieses „Totalausfalls“ wird zwar im Kurs berücksichtigt, wie schwer sie jedoch zu gewichten ist, lässt sich zumindest von Privatan­legern kaum nach­vollziehen.

Keine Regulierung durch den Markt

Börsen wie Emittenten verweisen in diesem Zusammenhang auf den Wettbewerb des Marktes, der allzu „exotische“ Preisvorstellungen verbiete. Tatsache ist jedoch, dass sich die Konstruktionen der ausgegebenen Papiere oft um Marginalien unterscheiden, die einen konkreten Vergleich unmöglich machen. Erst mit einiger Erfahrung können Anleger zumindest ein „Gespür“ dafür entwickeln, welcher Emittent eher teuer und welcher eher preiswert anbietet.

Ein weiteres Problem des Marktes wurde Mitte Januar 2008 erkennbar, als die Kurse an den meisten Weltbörsen massiv auf Talfahrt gingen. Der Verkaufsdruck war so groß, dass einige Emittenten den Handel mit vielen oder sogar allen Titeln kurzerhand einstellten. Die Folge: Die Zertifikate waren unverkäuflich. Viele Sparer mussten sogar die Erfahrung machen, dass selbst ein Verkauf mit entsprechenden Preiszugeständnissen dadurch verhindert wurde, dass die genannten Limitkurse nicht in die Systeme der Börsenbetreiber übernommen wurden. Als Begründung wurde entweder auf „Systemfehler“ verwiesen oder auf „praktizierten Anlegerschutz“, habe man doch panikartige Verkäufe verhindern wollen.

Risikoarme Standardtitel wählen

Als Zertifikate-Anleger sollten Sie sich daher Papiere wie Emittenten sehr genau an­sehen. Die geringsten Risiken bestehen bei Standardtiteln ohne Nebenbedingungen, z.B. Index-Zertifikaten. Bei Zertifikaten auf weniger nachgefrag­te Produkte sollten Sie die angebotenen Preise und – vor allem – die Handelsspannen vergleichen. Auch bei Spezialpapieren mit Nebenbedingun­gen sollten Sie versuchen, via Internet-Vergleich – angeboten von vielen Banken und Sparkassen – die kundenfreundlichsten Papiere zu wählen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(07):13-13