Prof. Dr. Reinhard Herzog
Lange Zeit standen Genussscheine bei Anlegern hoch im Kurs: Eine überdurchschnittliche zuverlässige Verzinsung, geringe Kursrisiken und die Möglichkeit, durch geschickte Terminierung von Kauf und Verkauf ganz legal Steuern zu sparen, sorgten für eine hohe Nachfrage nach den rund fünf Dutzend in Deutschland handelbaren Papieren. Auch für die Emittenten brachten Genussscheine Vorteile: Die Refinanzierung war preiswerter als über vergleichbare Darlehen, zudem werden Genussscheine rechtlich als Eigenkapitalersatz eingestuft, was den Banken einen erweiterten Handlungsspielraum bei der Kreditvergabe sicherte.
Mit der Krise der IKB-Bank hat sich dieses Bild grundlegend gewandelt: Die Tatsache, dass ein grundsolides Institut durch hochspekulative Geschäfte an den Rand des wirtschaftlichen Ruins getrieben wurde und nur durch umfangreiche Stützungsmaßnahmen der Finanzbranche gerettet werden konnte, hat Anleger skeptisch werden lassen. Denn schließlich finden sich in den Emissionsbedingungen der meisten Genussscheine auch Passagen über die mögliche „Verlustbeteiligung“:
- Zum einen können die Ausschüttungen reduziert oder gar gestrichen werden, sollte der Emittent ein negatives Jahresergebnis ausweisen.
- Zum anderen ist aber auch die Rückzahlung teilweise oder sogar komplett gefährdet, wenn das Grundkapital des Emittenten durch Verluste herabgesetzt werden muss oder verbraucht ist.
Massive Kursverluste
Bereits Anfang August 2007 kam es bei Genussscheinen nahezu aller Banken zu massiven Kursverlusten. Kosteten die meisten Papiere vor dem Bekanntwerden der Bankenkrise durchweg noch mehr als 100% bis 110%, so fiel ihr Kurs binnen weniger Stunden auf unter 90% zurück. Gleichzeitig stieg der Spread – also die Kursdifferenz zwischen Angebot und Nachfrage – mangels Kaufinteressenten bei vielen Papieren auf über 20%. Für Genussscheine, für die man beim Kauf z.B. 90% bezahlen musste, wurden gleichzeitig dem Verkäufer lediglich 72% geboten. Besonders betroffen waren die Papiere der IKB: Sie waren praktisch nicht mehr handelbar, denn bei jedem auch noch so kleinen Verkaufsauftrag wurden die Ankaufskurse weiter zurückgenommen.
Bei den meisten Papieren hat sich die Lage mittlerweile wieder beruhigt. Entscheidendes Kriterium war – und ist – dabei die mögliche Involvierung des Emittenten in die Subprime-Krise: Papiere von Instituten, die sich nachweislich vom US-Markt ferngehalten hatten und somit auch von keinen Verlusten bedroht waren bzw. sind, konnten sich wieder deutlich erholen – selbst wenn die Kurse immer noch weit unter den einstigen Rekordpreisen liegen. Schon der leiseste Zweifel über mögliche Risiken sorgt jedoch für eine anhaltende Kursschwäche bzw. – wie bei der IKB – für heftige Verluste. So wurden einige IKB-Titel zum Höhepunkt der Krise für weniger als 15% gehandelt, mittlerweile stehen die Notierungen teilweise wieder im Bereich zwischen 30% und 40%.
Auch Fonds betroffen
Auch die auf Genussscheine spezialisierten Fonds konnten sich der Finanzkrise keineswegs entziehen. So büßte der von den Sparkassen präferierte „DekaGenüsse + Renten“ binnen Jahresfrist 8,0% ein, der „cominvest Genussscheinfonds“ verlor 9,1% und die beiden DWS-Fonds „Inter-Genuß“ und „Euro Spezial“ 14,8% bzw. 17,5%. Das Volumen dieser Fondskategorie ging von knapp 4 Mrd. € auf aktuell rund 1,5 Mrd. € zurück.
Die Kernfrage gilt jetzt der weiteren Entwicklung. Tatsache ist: Genussscheine haben insbesondere von privaten Anlegern den Stempel „Risiko“ aufgedrückt bekommen. Gehalten werden bestehende Engagements oft nur dann, wenn die Verluste für einen Verkauf aktuell zu groß sind – oder wenn sie bisher noch nicht bemerkt wurden. Neuengagements werden indes kaum noch eingegangen, obwohl die Renditen der meisten Papiere mittlerweile bei mehr als 8,0% liegen. Denn schließlich fürchtet man weitere Hiobsbotschaften aus der Finanzwelt – und damit Risiken für Genussscheine.
Bankenkrise ist bald ausgestanden
Allerdings kann sich diese Lage durchaus wieder ändern. Experten gehen davon aus, dass spätestens im zweiten Halbjahr 2008 alle Risiken aus der US-Subprime-Krise bekannt sind und keine neuen Überraschungen mehr drohen. Dann könnten insbesondere die Genussscheine finanzstarker Emittenten wieder an Boden gewinnen, locken die hohen Renditen doch vor allem institutionelle Investoren in neue Engagements.
Doch selbst wenn Verluste aus US-Engagements drohen, führen diese nicht zwangsläufig zu Zins- oder gar Tilgungsausfällen bei den Genussscheinen. Viele Geldhäuser sind zahlungskräftig genug, um Millionen- oder sogar Milliardenbeträge weitgehend problemlos abschreiben zu können und dennoch Gewinne auszuweisen. Im Übrigen ist keineswegs sicher, ob und inwieweit es überhaupt zu Zahlungsausfällen kommen wird: Die jetzt vorgenommenen Abschreibungen sind vorrangig bilanzrechtlicher Natur und gelten für den „Worst Case“.
Durchaus denkbar – und wahrscheinlich – ist jedoch, dass erhebliche Teile der heute abgeschriebenen Darlehensforderungen etwa an private amerikanische Immobilienkäufer in den kommenden Jahren weitgehend planmäßig zurückgezahlt werden, was zu entsprechenden Gewinnen bei den Geldhäusern führt.
Selbst bei Papieren mit grundsätzlich drohendem Totalausfall – zu denen etwa die IKB-Genüsse zählen – ist noch nicht alles verloren: Die Genussscheinbedingungen sehen vor, dass ausgefallene Zinszahlungen ebenso wie Verluste durch die Herabsetzung des Grundkapitals nachgeholt bzw. aufgefüllt werden müssen, sobald wieder Gewinne erwirtschaftet werden. Dieses Recht ist meist „vorrangig“, d.h., die Genussscheininhaber werden noch vor den Anteilseignern entsprechend begünstigt. Insbesondere Papiere mit langen Restlaufzeiten bieten daher durchaus die Chance, dass sie den Kurseinbruch der vergangenen Monate in den kommenden Jahren wieder aufholen. Nicht umsonst haben sich die Kurse dieser Papiere mittlerweile oft deutlich erholt, auch die Nachfrage ist durchaus gegeben.
Totalverlust denkbar
Allerdings – dies zeigen die massiven Kursausschläge in den vergangenen Monaten – sind gerade diese Papiere inzwischen als „hochspekulativ“ einzustufen. Ebenso wie die Tilgung zum vollen Nennwert möglich sein kann, ist auch ein Totalverlust denkbar. Anleger, die hier einsteigen wollen, sollten sich also der enormen Risiken bewusst sein und nur Gelder investieren, deren Verlust gegebenenfalls auch verschmerzt werden kann. Sollten Sie in entsprechenden Papieren engagiert sein, kann sich der Verkauf an Tagen mit angemessenen Kursen durchaus lohnen – insbesondere dann, wenn sie bei Ihren Geldanlagen eher auf Sicherheit setzen wollen.
Aber auch bei anderen Genussscheinen sollten Sie vor einem Neueinstieg zunächst so lange warten, bis alle Risiken aus der Subprime-Krise geklärt bzw. angemessen in den Kursen eingepreist sind. Bestehende Engagements kann man vor dem Hintergrund der aktuell gedrückten Notierungen und der damit verbundenen Renditechancen beibehalten. Allerdings sollten Sie die Wirtschaftsnachrichten auf entsprechende Meldungen zum jeweiligen Emittenten beobachten und die Papiere – falls sich Hiobsbotschaften abzeichnen – gegebenenfalls schnell verkaufen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(09):14-14