Prof. Dr. Reinhard Herzog
„Hasenpest auch beim Menschen“, „Zecken ganzjährig aktiv“, „Nachtfluglärm erhöht den Blutdruck“ oder „Täglich 20.000 Krebstote weltweit“ – dies ist nur eine kleine zufällige Auswahl an Nachrichten der letzten Zeit. Sie merken es selbst: Ob Sie die Tageszeitung durchblättern oder ein Fachjournal – Risiken allenthalben! Viele Meldungen widersprechen sich gar. Was gestern noch gut war, ist heute hochgradig mit Gefahren behaftet. Addiert man sämtliche Risiken dieser Meldungen, dann hätte beinahe jeder von uns mit Problemen zu kämpfen, die er kaum bewältigen könnte. Angesichts dessen verwundert es, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die nicht gestört, auffällig oder ernsthaft krank sind bzw. die nicht schon dreimal überfallen wurden.
Veränderte Risikowahrnehmung
Zugleich sprechen die objektiven Zahlen eine ganz andere Sprache. Um 1900 erreichten in Deutschland nur etwa 40% aller Menschen das 65. Lebensjahr, heute sind es rund 85% der Männer und über 90% der Frauen. Schon diese Tatsache, dass immer mehr Menschen die Chance haben, das Rentenalter zu erreichen oder dement zu werden, zeigt die Verschiebung des „Lebenszeit-Risikoprofils“.
Offensichtlich hat sich unsere Risikowahrnehmung verändert. Gerade, weil immer weniger passiert, gleichzeitig aber die Medien immer mehr die Restrisiken in den Vordergrund rücken, hat sich die Schwelle, ab der wir eine Bedrohung erkennen, stetig weiter gesenkt.
Apotheker sind besonders affin für eine überzogene Risikowahrnehmung. Traditionell stehen die Themen Sicherheit, Neben- und Wechselwirkungen sowie manchmal auch nur theoretisch konstruierte Probleme im Vordergrund. Viel zu wenig wird über Lösungen und Chancen diskutiert. Dem Patienten wird seltener gesagt: „In 80% der Fälle erreichen wir eine spürbare Besserung Ihrer Beschwerden.“ Viel öfter heißt es: „Falls Sie das Präparat XY nehmen, dann kann dieses und jenes passieren, überhaupt müssen Sie darauf achten, dass...“
Es soll hier nicht über das Für und Wider der Risikoaufklärung und eine wie auch immer geartete Patientenberatung gerichtet werden. Doch gehören die Apotheker offenbar zu einer Berufsgruppe, die schon eine gewisse Gefahr läuft, Risiken eher zu überschätzen bzw. falsch zu gewichten.
Oft falsche Einschätzung
Generell werden gerade die persönlichen Risiken häufig falsch eingeschätzt. So beträgt in Deutschland das allgemeine Sterberisiko im Alter von 40 Jahren noch 0,2% bzw. 0,1% je Jahr (männlich/weiblich), mit 50 Jahren sind es 0,5% bzw. 0,3% und im 60. Lebensjahr bereits 1,2% bzw. 0,6%. Das Krebsrisiko beispielsweise beläuft sich über die gesamte Lebenszeit („Lifetime“) auf rund 30%, etwa 25% aller Menschen hierzulande versterben an Krebs. Das Lebenszeit-Risiko einer Frau für eine Brustkrebserkrankung liegt bei rund einem Achtel.
Etwa ein Viertel der Berufstätigen scheidet vorzeitig wegen Berufsunfähigkeit aus dem Arbeitsleben aus, immer häufiger wegen psychischer Probleme. Bei Apothekern ist diese Quote freilich deutlich niedriger. Und rund 40% der heute geschlossenen Ehen werden wieder geschieden, oft mit finanziellen Folgen, die viele der sonst so angsteinflößenden Schadensereignisse weit übersteigen.
Pro Million gefahrene Pkw-Kilometer beträgt das Risiko, bei einem Verkehrsunfall getötet zu werden, über alles rund 0,7% bis 0,8%. Die Wahrscheinlichkeit, „nur“ schwer verletzt zu werden, liegt aber etwa zehnmal höher. Das meiste passiert nach wie vor im Stadtverkehr (2/3 aller Verletzten bei 30% der Kilometerleistung). Da sieht man den Botendienst vielleicht etwas anders...
Nur etwa 3 von 100.000 Einwohnern werden jedes Jahr Opfer von vollendetem bzw. versuchtem Mord und Totschlag, meistens Beziehungstaten. Die Zahl der öffentlichkeitswirksamen Kindermorde bewegt sich absolut um 100 Fälle pro Jahr, größtenteils durch die Eltern begangen – relativ betrachtet eine minimale Quote. Dagegen liegen die Zahlen für Raub mit 70 und für schwere Körperverletzung mit 180 je 100.000 Einwohner und Jahr weit höher. In etlichen Schwellen- und Entwicklungsländern können die Unfall- und Verbrechenszahlen ohne Weiteres zehnmal so hoch oder noch höher sein. Dies sind nur beispielhafte Daten. Das „gefühlte“ Risiko ist hingegen oft ein ganz anderes.
Was gerne übersehen wird: Diese persönlichen Risiken gelten natürlich auch für Ihre Mitarbeiter. Wer eine größere Zahl von Angestellten hat, wird also mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit mit solchen vorzeitigen schicksalhaften Ereignissen konfrontiert werden. Nicht jeder ist darauf vorbereitet bzw. hat einen Plan B in der Tasche – ein bisweilen schwerer Fehler.
Berufsrisiken
Schauen wir einmal, was in Apotheken passiert. Schwere berufsspezifische Unfälle z.B. im Labor oder Brände sind Einzelfälle. Einbrüche bzw. Einbruchsversuche in Apotheken sind schon wesentlich häufiger. Die Wahrscheinlichkeit, im gesamten Berufsleben einmal damit zu tun zu haben, ist vergleichsweise hoch.
Nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind mögliche Haftpflichtschäden, resultierend aus der Verletzung der beruflichen Sorgfaltspflichten z. B. bei der Rezepturherstellung oder der Arzneimittelabgabe. Vor allem bei Besonderheiten wie Zytostatikaherstellung, Verblisterung usw. kann nur dringend geraten werden, den Haftpflichtschutz zu überprüfen.
Die insgesamt höchsten Risiken in der Kombination aus möglicher wirtschaftlicher Bedeutung und Eintrittswahrscheinlichkeit lauern aber im Umfeld der Apotheke: Veränderungen in der Ärzteschaft, bei Frequenzbringern oder eine Konkurrenzgründung in der näheren Umgebung. Fast jeder Apotheker wird im Lauf der Jahrzehnte eines aktiven Berufslebens zumindest einmal mit einer solchen Thematik ernsthaft konfrontiert. Vorausschauende Kollegen stellen sich rechtzeitig auf absehbare Veränderungen ein und sorgen für eine Betriebsführung, die einen gewissen „Sicherheitspuffer“ für Unvorhergesehenes bietet.
Risikomatrix
Mit Risiken lässt sich am besten umgehen, indem man nach dem Motto „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ eine Matrix nach dem unten abgebildeten Muster aufstellt. Dabei müssen Sie viele Werte schätzen. Das ist ein gutes Zeichen, deutet es doch meist auf eine insgesamt geringe Wahrscheinlichkeit hin. Und nicht alle theoretisch möglichen Risiken werden Sie überhaupt erfassen können. Dennoch ist es sinnvoll, etwas Zeit zu investieren und sich einmal Gedanken zu machen, was privat und beruflich so alles passieren könnte und wie Sie Ihr persönliches Gefährdungspotenzial einstufen. Anschließend gehen Sie nach folgender Prioritätenliste vor:
- Bei allen schwerwiegenden möglichen Schadensereignissen ist grundsätzlich eine Ursachenanalyse vorzunehmen. Oft ist es möglich, durch ganz einfache und kostengünstige Maßnahmen eine deutliche Verbesserung der Gefährdungslage vorzunehmen (z. B. Unfallverhütung, Brandschutz, Umgestaltung von Arbeitsprozessen, Verhaltensänderungen).
- Schwerwiegende Ereignisse, die aber nur selten vorkommen (z. B. Brände, Haftpflichtschäden, persönliche existenzbedrohende Risiken) lassen sich für vergleichsweise wenig Geld absichern. Dies sollten Sie unbedingt in komfortabel ausreichender Höhe tun. Die Rechnung ist einfach: Zwar ist der Einzelfall bisweilen sehr teuer, da er aber selten vorkommt, ist er preiswert abzusichern.
- Am teuersten ist es, häufig vorkommende Allerweltsereignisse abzusichern. Deshalb gilt: Dinge, die zwar durchaus passieren, aber letztlich nicht allzu viel kosten (Glasbruch, Bagatellschäden am Auto, auf den überschaubaren Wert z.B. eines Gerätes beschränkte Schäden etc.) können Sie ohne Weiteres aus eigener Tasche begleichen.
Für alle anderen Ereignisse gilt es, eine Abwägung zwischen Absicherung, möglichen Risikominimierungsstrategien und unvermeidlichem Restrisiko zu finden. Eine 100%ige Sicherheit ist eine Illusion, genauso wie eine 100%ige Fehlerfreiheit. Zudem müssen die Fehler- und Risikovermeidungskosten betrachtet werden. In Verkennung der Tatsachen übersteigen sie nicht selten den möglichen Nutzen bei Weitem – siehe hierzu auch manches QMS-System. Ebenfalls ein gutes Beispiel sind die Schwimmwesten in Verkehrsflugzeugen. Obwohl damit kaum jemandem das Leben gerettet wurde, sind sie bis heute nicht wegzudenken...
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Eigene Gesundheit oft vernachlässigt
Abseits dieser eher abstrakten oder fernerliegenden Dinge steht der häufig sträflich vernachlässigte eigene Körper. Unzweifelhaft ist er mit zunehmendem Alter oft das schwächste Glied in der Kette – mit allen möglichen, eben auch betrieblichen Konsequenzen. Hier stoßen, vielen nicht bewusst, die Strategien der materiell ausgerichteten Absicherung rasch an Grenzen. Denn den wirklichen Schaden und Verlust an Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und Freude können Sie häufig mit Geld nicht wettmachen. Wen überkommt nicht ein Unbehagen, wenn er z. B. anhand eines Tests wie dem PROCAM erfährt, dass sein Herzinfarktrisiko in den nächsten 5 Jahren bei 20% liegt? Dagegen verblassen viele andere Lebensrisiken völlig, ohne dass man diese ganz aus den Augen verlieren sollte.
Es mutet daher schon kurios an, wenn jemand einerseits mit allen möglichen Alarm- und Sicherheitssystemen ausgestattet ist, aber andererseits hohe persönliche Risiken eingeht, indem er raucht „wie ein Schlot“ oder eine Hochrisikosportart betreibt. Viele Menschen haben Flugangst, obgleich das Hauptrisiko auf der Autofahrt zum Flughafen lauert. Der entscheidende Unterschied, neben der typischerweise den meisten Menschen fehlenden quantitativen Risiko-Differenzierungsfähigkeit, besteht darin, dass das Risiko eines Einbruchs oder eines Flugzeugabsturzes nicht in den eigenen Händen liegt, und das macht Angst. Beim Autofahren hat man ja immerhin das Steuer selbst in der Hand...
Fazit
Risiken werden oft völlig verzerrt wahrgenommen. Dabei lauern die wirklichen Bedrohungen meist an ganz anderer, scheinbar harmloser Stelle, z. B. im wirtschaftlichen Umfeld der Apotheke. Größter Risikofaktor bleibt freilich die eigene Lebensführung und das Haushalten mit den eigenen Energien. Hier liegen durch vernünftiges Verhalten die größten Risikominimierungspotenziale – eine Erkenntnis, die einem Gesundheitsberuf naheliegen sollte, die aber nicht unbedingt immer mit Leben erfüllt wird.
Dr. Reinhard Herzog,
Apotheker, 72076 Tübingen,
E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(17):6-6