Anlagestrategie

Sicherheit auch in der Baisse


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Bedingt durch die weltweite Finanzkrise ist die Tendenz der deutschen Börse weiterhin von erheblichen Unsicherheiten geprägt. Zunehmend gefragt sind daher jetzt Möglichkeiten, ein bestehendes Aktiendepot gegen Verluste abzusichern.

In den vergangenen Jahren konnte mit Aktien viel Geld verdient werden. Notierte der Deutsche Aktienindex DAX im Frühjahr 2003 nach der vor­angegangenen Baisse gerade einmal bei rund 2.200 Punkten, so überschritt er im Jahr 2007 zeitweilig die 8.000-Punkte-Marke. Mit zahlreichen Einzelwerten – etwa den Aktien von VW oder Continental – waren sogar Zuwachsraten von mehr als 500 % möglich. Sehr unterschiedlich sind jetzt allerdings die Meinungen über die weitere Entwicklung. Optimisten sehen den DAX in Richtung 8.000 Punkte klettern, Pessimisten rechnen indes nach dem mehrmaligen Scheitern an der Marke von 8.000 Punkten mit einem Rückschlag in Richtung 5.000 Punkte. Vor diesem Hintergrund erscheint es durchaus überlegenswert, bestehende Engagements zwar beizubehalten, das Depot jedoch gegen Rückschläge abzusichern.

Put-Optionsscheine auf Aktien

An der Börse wird heute eine breite Palette von Anlagein­strumenten gehandelt, die einen wirksamen Schutz darstellen können. Zu den bekann­testen Produkten zählen Put-Optionsscheine, die in erster Li­nie auf einzelne Aktien angeboten werden. Mit dem Kauf sichern Sie sich das Recht, den Basiswert – also die jeweilige Aktie – bis zum Laufzeit­ende des Optionsscheins zu dem in den Optionsscheinbedingungen festgelegten Kurs zu verkaufen bzw. einen entsprechenden Barausgleich zu erhalten. Das Bezugsverhältnis liegt meist bei 1:10, d.h., zur Absicherung einer Aktie benötigen Sie zehn Optionsscheine.

Geht der Kurs des Basiswerts an der Börse zurück, steigt die Notierung des Optionsscheins – und umgekehrt. Achten sollten Anleger darauf, Scheine mit möglichst langer Laufzeit zu kaufen, da hier die Absicherung nicht ständig erneuert werden muss. Auch sind über die Wahl des Basispreises unterschiedliche Strategien möglich, je nachdem, ob die Absicherung frühzeitig greifen oder erst bei wirk- lich erheblichen Kursverlusten zum Tragen kommen soll.

Optionen von der Eurex

Während ein Optionsschein von einem Finanzdienstleister emittiert wird, entstehen Optionen – und dies ist der wichtigste Unterschied – erst durch das Zusammentreffen von Käu­fern und Verkäufern über die Terminbörse Eurex. Bei Optionen bieten sich zwei Varianten der Absicherung an. So kann der Anleger eine Verkaufsoption auf eine Aktie oder einen Index kaufen, d.h., er bezahlt heute einen festgelegten Betrag dafür, den Basiswert zum Laufzeitende der Option zum vereinbarten Basispreis liefern zu können. Diese Strategie bietet einen ähnlichen Schutz wie der Kauf eines Put-Optionsscheins.

Weniger ausgeprägt ist die Sicherheit beim Verkauf einer Kaufoption. Hier erklärt sich der Anleger bereit, die Aktie zum Laufzeitende auf Wunsch zu einem festgelegten Basispreis zu verkaufen, der mehr oder minder deutlich über dem aktuellen Börsenkurs liegt. Geht der Kurs des Basiswerts nun zurück, wird der Optionskäufer sein Recht verfallen lassen. Die Folge: Der Aktienbesitzer hat die Optionsprämie erhalten und damit den Einstandskurs seiner Aktien entsprechend verbilligt, die Verluste fallen nicht mehr gar so schmerzlich aus. Steigt der Aktienkurs indes über den Basispreis der Option, muss der Anleger die Aktie zum Basispreis liefern, hat jedoch u.a. dank der Optionsprämie immer noch mehr erhalten als beim direkten Verkauf der Aktie an der Börse. Der Verkauf einer Kaufoption eignet sich als Depotabsicherung also nur dann, wenn Sie allenfalls mäßige Kursrückgänge erwarten, starke Kurssteigerungen jedoch eher ausschließen.

Vorsicht vor dem Knock-out

Gerade in jüngster Vergangenheit haben Finanzdienstleister zahlreiche Sonderformen der Put-Optionsscheine aufgelegt, unter denen die sogenannten Knock-out-Papiere derzeit besonders beliebt sind. Neben den Standardbedingungen wie Basiswert, Basispreis und Laufzeit sehen die Konditionen dieser Papiere auch noch eine „K.-o.-Schwelle“ vor, die mehr oder minder deutlich über dem aktuellen Börsenkurs des Basiswerts liegt. Hohe Gewinne sind dann möglich, wenn der Kurs des Basiswerts tatsächlich fällt, allerdings muss die K.-o.-Schwelle beachtet werden: Wird diese während der mehrmonatigen Laufzeit des Papiers erreicht, verfällt der Optionsschein ersatzlos. Dafür ist die Absicherungsstrategie jedoch wesentlich kostengünstiger möglich als bei klassischen Put-Optionsscheinen. Dennoch eignen sich Knock-out-Papiere vorrangig für erfahrene Börsianer, die ihre Strategie laufend beobachten können.

Reverse Zertifikate

Weniger risikoreich sind Reverse Bonus-Zertifikate sowie Reverse Discount-Zertifikate. Sie funktionieren ähnlich wie klassische Bonus- bzw. Discount-Zertifikate: Der Anleger erhält bei einer Kursbewegung des Basiswerts innerhalb einer festgelegten Bandbreite einen Bonus bzw. er kann via Zertifikat günstiger in eine Wertpapierstrategie einsteigen als mit einem Direktinvestment. Das Ganze läuft jedoch – dies signalisiert der Begriff „reverse“ – mit umgekehrten Vorzeichen, d.h., die höchsten Gewinne winken, wenn der Kurs des Basiswerts nachgibt. Leicht zu verstehen sind allerdings auch diese Produkte nicht, sodass ein Investment entweder die Beratung durch einen erfahrenen Bankmitarbeiter erforderlich macht oder der Anleger selbst über hinreichende Marktkenntnisse verfügen sollte.

Gegenläufig zum DAX

Wesentlich leichter geht das Geschäft schließlich mit In­dex­papieren auf den im Frühjahr 2007 von der Deutschen Börse geschaffenen ShortDAX, einen Index, der sich exakt gegenläufig zum DAX entwickelt. Steigt der DAX um 3%, gibt der ShortDAX um 3% nach – und umgekehrt. An der Börse werden mehrere Zertifikate auf diesen Index gehandelt, die sich in der Konstruktion nur marginal unterscheiden. Dabei sollten Sie sich allerdings darüber im Klaren sein, dass ShortDAX-Zertifikate ähnlich wie Put-Optionsscheine oder Verkaufsoptio­nen auf den DAX lediglich ein Depot absichern, das dem DAX nachgebildet ist. Je weiter die eigene Depotzusammensetzung jedoch vom In-dex abweicht, umso weniger schlagkräftig ist die Absicherungsstrategie.

Bei jeder Form der Absicherungsstrategie stellt sich die Frage nach den Kosten. Hier gilt es zu unterscheiden zwischen den Kosten des Produkts und den Kosten der Absicherung. Bei den Emittentenkosten sind die klassischen Put-Optionsscheine, Put-Optionen sowie Zertifikate auf den ShortDAX vergleichsweise kostengünstig, unterliegen diese Produkte doch einem harten Wettbewerb. Bei allen anderen Papiere müssen in der Regel höhere Kosten kalkuliert werden, auch mangelt es vielfach an der für Geldanleger wichtigen Transparenz. Zu den Produktkosten kann aber auch die Dividende zählen, die bei den meisten Papieren allein dem Emittenten zusteht.

Hinsichtlich der Kosten der Absicherung haben Sie mehr Gestaltungsspielraum:

  • Zum einen können Sie darüber entscheiden, ob das De­pot vollständig oder teilweise abgesichert wir­d.
  • Zum anderen können Sie wählen, ob die Absicherung bereits sehr früh in voller Höhe greifen soll, was aber teuer ist, oder ob das Sicher­heitsnetz erst bei markanten Verlusten aktiviert wird.

Keinesfalls sollten Sie eine vollständige Absicherung dau­erhaft betreiben, vergeben Sie sich damit doch die Chancen auf marktkonforme Kursgewinne – die an der Börse langfristig immer zu erwarten sind.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(17):13-13