Prof. Dr. Reinhard Herzog
Wenn in wenigen Wochen die Grippe-Saison wieder beginnt, herrscht bei den Wissenschaftlern Alarmstimmung. Nach Berechnungen des Lowy Institute for International Policy in Sydney könnte eine ernste Grippe-Pandemie weltweit bis zu 142 Millionen Menschen das Leben kosten und gesamtwirtschaftliche Schäden von 4,4 Billionen US-Dollar nach sich ziehen. Zum Vergleich: Bei der Spanischen Grippe zwischen 1918 und 1920 kamen rund 50 Millionen Menschen um, die Schäden werden heute – zurückgerechnet – auf rund 500 Milliarden US-Dollar veranschlagt.
Der Grund für den Anstieg ist vorrangig in der deutlich gestiegenen Mobilität zu sehen: Die Kontinente sind durch ein engmaschiges Flugnetz miteinander verbunden, Fernreisen haben längst ihren Ausnahmecharakter verloren. Und so können sich auch schwere Erkrankungen binnen Stunden rund um den Globus verbreiten.
Wie schnell sich das Weltbild verändern kann, haben die Lungenkrankheit SARS und die Vogelgrippe gezeigt: War man anfangs lediglich von Einzelfällen ausgegangen, so erstreckten sich die Infektionsgebiete bald schon fast über den gesamten Globus. Hinzu kommt das Problem der eingeschränkten Abwehrmöglichkeiten, da die Auswahl an antiviralen Medikamenten begrenzt ist und diese zudem nicht überall in ausreichen‑ den Mengen verfügbar sind. Experten gehen davon aus, dass es letztlich nur eine Frage der Zeit ist, bis es zum nächsten Ausbruch einer schweren Krankheit oder gar einer Pandemie kommt.
Schnelle Reaktion der Börsen
Für Anleger können damit allerdings auch erhebliche finanzielle Konsequenzen verbunden sein. Sowohl die SARS- wie auch die Vogelgrippe-Epidemie haben gezeigt, dass etwa Fluglinien, Transportunternehmen und Reiseveranstalter zu den ersten Leidtragenden einer weltweiten Pandemie zählen. In der zweiten Stufe sind es die Versicherungen und hier speziell die Anbieter von Kranken- und Lebensversicherungspolicen, deren Aktien damit unter Druck geraten. Hingegen können Krankenhausbetreiber, aber auch die Pharmaindustrie von entsprechenden Entwicklungen profitieren.
Im weiteren Verlauf kommt es auf den Umfang einer solchen Pandemie an. Erscheint er vergleichsweise überschaubar, wird die Börse bald schon zum Tagesgeschäft übergehen. Allenfalls Nahrungsmittelhersteller leiden möglicherwei-se unter dem Fortbestehen von Handelsbeschränkungen. Nimmt die Pandemie jedoch eine furchterregende Größenordnung an, ist ein Kurssturz an der Börse quasi programmiert. Keinesfalls überbewerten sollte man in diesem Zusammenhang die Chancen der Pharma-Aktien: Firmen, die passende Produkte am Lager haben, können zwar kurzzeitig profitieren, einem möglichen Börsenkrach können sie sich aber kaum entziehen.
Hysterie der Medien
Die stärksten Auswirkungen sind zweifellos in den Ländern zu erwarten, in denen die Pandemie die größten Schäden anrichtet. Schon bei SARS und der Vogelgrippe gerieten etwa die asiatischen Börsen besonders unter Druck. Durchaus denkbar sind vergleichbare Szenarien für Europa oder die USA, sollte es hier zu entsprechenden Ausbrüchen kommen. Dabei müssen es nicht einmal die Auswirkungen der jeweiligen Krankheiten sein – auch die Medienhysterie kann genügen, um die Kurse unter Druck zu setzen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2008; 33(19):13-13