Arzneiverordnungs-Report 2008

Gesetzliche Maßnahmen forcieren Anstieg der Arzneimittelausgaben


Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind 2007 deutlich gewachsen, eine wesentliche Ursache hierfür ist die Anhebung der Mehrwertsteuer. Allerdings lassen seltsame Berechnungen Zweifel an der Seriosität des Reports aufkommen.

Nachdem der Anstieg der GKV-Arzneimittelausgaben im Jahr 2006 überraschend moderat war, fiel er im Jahr 2007 umso deutlicher aus: Mit einem Plus von 6,7% auf 27,759 Mrd. € trug er kräftig bei zum Gesamtanstieg der GKV-Ausgaben um 3,7% auf 153,62 Mrd. €. Dabei zeigten die anderen gro­ßen Ausgabenblöcke durchweg ge­ringere Zuwächse: Die Krankenhauskosten stiegen um 0,6% auf 50,797 Mrd. €, die Ausgaben für ärztliche Behandlung um 3,3% auf 23,109 Mrd. € und für zahnärztliche Behandlung um 4,9% auf 10,716 Mrd. €. Damit hat sich im Jahr 2007 der Anteil der Arneimittelausgaben an den gesamten Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung von 17,5% im Vorjahr auf 18,1% erhöht.

Mehrwertsteuer als Kostentreiber

Der Umsatzanstieg im GKV-Fertigarzneimittelmarkt, der den Analysen des Arzneiverordnungs-Reports zugrunde liegt, fiel mit 4,8% auf 24,825 Mrd. € deutlich geringer aus, da hierbei sowohl der Sprechstundenbedarf als auch die Arzneimittelrezepturen (inklusive Zytostatikarezepturen) nicht berücksichtigt werden. Eine wesentliche Ursache für diese Steigerungen ist die Anhebung der Mehrwertsteuer von 16% auf 19% ab Ja­nuar 2007, die allein im Fertig­arz­nei­mittelmarkt zu Mehr­aus­­­­ga­ben der GKV von 626 Mio. € geführt hat.

Erhebliche Zusatzausgaben ent­standen auch durch die er­weiter­te Erstattung von Imp­fun­gen im Rahmen des GKV-WSG. Da Impf­stoffe in den oben genannten Statistiken aber nicht berücksichtigt werden, kann die Zunahme der Impfungen nicht zur Erklärung der Ausgabenzu­wächse herangezogen werden.

Weiterhin an der Spitze der am häufigsten verordneten Arz­neimittel stehen Angioten­sinhemmstoffe, gefolgt von An­tibiotika und Antiphlogistika/ Antirheumatika. Auffällige Zu­wachsraten von über 6% zeigen Ulkustherapeutika, Lipidsenker und Antiepileptika.

Generikapreise unter Beschuss

Im generikafähigen Markt stieg der Verordnungsanteil der Generika im Jahr 2007 erstmals auf über 80%, im Gesamtmarkt lag er bei 65,4%. Dabei beklagen die Autoren des Arzneiverordnungs-Reports, dass die Generikapreise „in Deutschland immer noch deutlich höher“ seien als in vielen europäischen Nachbarländern. Dies sei sowohl durch die hohen Herstellerabgabepreise als auch durch die Art der Preis­bildung bedingt.

Zweifelhafte Berechnungen

Bei der Begründung nimmt man es allerdings nicht allzu genau und führt am Beispiel von Loperamid reichlich merkwürdige Berechnungen durch: So wird bei dem rezeptpflichtigen Präparat Loperamid AL 2 10 Kapseln die Zuzahlung der Patienten von 5 € zum Verkaufspreis von 10,96 € da­zugezählt und (angebli­che) Gesamtkosten von 15,96 € ermittelt. Damit sei dieses Me­dikament fast siebenmal so teuer wie ein nicht verschreibungspflichtiges Loper­amid-Generikum.

Diese Berechnung ist nun insofern falsch, als die Selbst­beteiligung der Patien­ten natürlich nicht den Verkaufspreis erhöht, sondern vielmehr die GKV-Ausgaben senkt. Dar­über hinaus wird auch nicht erwähnt, dass die Apotheken zusätzlich ei­nen – ebenfalls kostensenkenden – Kas­sen-abschlag von 2,30 € auf den tatsächlichen Verkaufspreis gewähren müssen.

Eine der Forderungen des Arz­neiverordnungs-Reports zur Kostensenkung lautet demzufolge, dass der Festzuschlag bei Generika auf maximal 30% des Apothekenverkaufspreises begrenzt wer­den solle – denn schließlich liege die „Apothekengebühr“ in Groß­britannien auch nur bei 1,13 € pro Packung. Dass damit die ganze Systematik der Preisbildung im deutschen Arzneimittelmarkt unterlaufen würde, die gerade bei teuren Medikamenten zu einer erheblichen Absenkung der Apothekenverkaufspreise geführt hat, scheint den Autoren dabei entgangen zu sein – oder zumindest erwähnen sie es an dieser Stelle lieber nicht.

Einsparpotenzial 2,9 Mrd €

Als Einsparpotenzial nennt der Arzneiverordnungs-Report beachtliche 2,9 Mrd. € gegenüber 3,3 Mrd. € im Vorjahr. Am deutlichsten gesunken – und zwar von 1.323 Mio. € auf 996 Mio. € – ist das Einspar­potenzial bei den Generika. Erheblich geringer sind die Rückgänge bei den Analogpräparaten (von 1.342 Mio. € auf 1.305 Mio. €) und den umstrittenen Arzneimitteln (von 599 Mio. € auf 577 Mio. €).

Bei den innovativen Arzneimitteln sehen die Autoren des Arzneiverordnungs-Reports ebenfalls dringenden Handlungsbedarf. So sei nicht einzusehen, dass die neu eingeführten HPV-Impfstoffe in den USA und in Australien erheblich preisgünstiger seien als in Deutschland. Daher sei es notwendig, bei der Kostenbewertung neuer Arzneimittel auch internationale Preisvergleiche anzustellen.

Ebenfalls kritisiert wird die Belastung der Arzneimittelpreise in Deutschland – anders als in den meisten anderen europäischen Ländern – mit dem vollen Mehrwertsteuersatz. Allein die Absenkung auf den ermäßigten Satz von 7% würde Einsparungen von rund 2,5 Mrd. € für die GKV bedeuten und damit eine Größenordnung von beinahe 0,25 Beitragssatzpunkten er­reichen.

Arzneiverordnung nach Arztgruppen

Eines der interessantesten Kapitel des Arzneiverordnungs-Reports ist die Verteilung der Verordnungen auf die einzelnen Arztgruppen: Sie zeigt, welche Ärzte im Umfeld der Apotheke den größten Nutzen bringen, wobei es naturgemäß auch deutliche Unterschiede innerhalb der einzelnen Gruppen gibt. Besonders aussagekräftig ist dabei die Zahl der Verordnungen pro Arzt (siehe Tabelle auf Seite 7 unten).

Insgesamt wurden im Jahr 2007 von 134.172 an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzten mehr als 582 Millionen Arzneimittelpackungen – gegenüber knapp 574 Millionen im Vorjahr – zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet. Dabei entfiel der größte Teil der Verordnungen auf Allgemeinmediziner und Praktische Ärzte (312 Millionen) sowie Internisten (115 Millionen).

Im Durchschnitt hat damit jeder Vertragsarzt im Jahr 2007 4.341 Fertigarzneimittelpackungen – und damit etwas mehr als im Vorjahr mit 4.317 – mit einem Umsatz von 185.000 € verordnet. Dabei zeigen sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Arztgruppen:

  • Spitzenreiter sind die All­ge­meinmediziner und Praktischen Ärzte mit 7.292 Verordnungen je Arzt gegenüber 7.168 Verordnungen im Vorjahr.
  • Gefolgt werden sie von den Kinderärzten mit 6.304 Ver­ordnungen je Arzt ge­gen­über 6.253 Verordnun­gen im Vorjahr.
  • An dritter Stelle stehen die Internisten, bei denen die Zahl der Verordnungen mit 5.200 leicht rückläufig gegenüber dem Vorjahres-wert von 5.228 Verordnun­gen war.

Die höchsten Umsätze wurden 2007 von den Nervenärzten mit 347.000 € je Arzt gegen­über 318.000 € im Vorjahr ver­ur­sacht. An zweiter Stelle stehen die Internisten mit 282.000 €, gefolgt von den Allgemein­medizinern mit 246.000 €.

Die verordnungsstarken Kinderärzte generierten dagegen nur einen Umsatz von 107.000 €. Das liegt unter anderem da­ran, dass ein erheblicher Teil der Verordnungen für Kinder aus nicht rezeptpflichtigen Arzneimitteln besteht. Diese werden bekanntlich nicht nach dem Kombimodell abgerechnet und sind oft recht preiswert, was den Ertrag der Apotheke mindert.

Fazit: Lesenswert trotz diverser Kritikpunkte

Die dem Arzneiverordnungs-Report zugrunde liegenden Da­ten unterscheiden sich grundsätzlich von den tatsächlichen Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für Fertigarzneimittel. So berücksichtigen sie weder den Apothekenabschlag von mittlerweile 2,30 € je verordneter Packung noch die Zuzahlungen der Patienten. Dies wird damit begründet, dass die „Ergebnisse in der historischen Betrachtung kompatibel bleiben“. Aus rein wissenschaftlicher Sicht mag das korrekt sein; solange jedoch mit den Zahlen des Arzneiverordnungs-Reports „Politik gemacht“ wird, ist diese Vorgehensweise äußerst fragwürdig.

Dr. Christine Ahlheim M.A.,
Apothekerin, 83278 Traunstein,
E-Mail: cahlheim@deutscher-apotheker-verlag.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(25):7-7