Ute Jürgens
Der „innere Kritiker“ hält von der Arbeit ab, verunsichert, stört die Konzentration und verursacht Unzufriedenheit mit dem eigenen Handeln. Darüber hinaus neigt man dazu, innere Regeln und Maßstäbe auch an andere Menschen anzulegen, die darüber selten begeistert sind. Häufig sind wir uns der eigentlichen Urteile des „inneren Kritikers“ gar nicht bewusst.
Eine Möglichkeit, unbewusste Selbstkritik aufzudecken, besteht darin, unsere Urteile beispielsweise mit Blick auf unsere Mitarbeiter zu untersuchen. Manchmal regen wir uns über einzelne Fehler wie etwa Unkonzentriertheit oder Unpünktlichkeit dermaßen auf, dass der betreffende Mitarbeiter nur noch aus diesen Fehlern zu bestehen scheint. Nehmen wir die gleichen Verhaltensweisen an uns selbst wahr, verfolgen wir sie umso heftiger bei der Person, die wir „auf dem Kieker“ haben. Diese nimmt die ständige zweifelnde Beobachtung natürlich wahr, erkennt auch durchaus die Berechtigung, ist aber ihrerseits nun so fixiert darauf, dass die Fehler paradoxerweise noch häufiger geschehen. Dass der gleiche Mitarbeiter jedoch durchaus Bereiche hat, in denen er absolut souverän seine Leistung bringt, übersehen wir dabei oftmals.
Um aus diesem Teufelskreis herauszukommen, ist es hilfreich, sich diejenigen Eigenschaften vor Augen zu halten, die wir an dem betreffen- den Mitarbeiter schätzen. So kommt das Ganze einschließlich des Betriebsklimas wie-der ins Lot. Die gleiche Vorgehensweise kann auch bei uns selbst und unserem „inneren Betriebsklima“ helfen.
Einige Autoren setzen den „inneren“ Kritiker mit dem „Über-Ich“ gleich. Er kann sich als ein allgemeines Minderwertigkeitsgefühl, eine bestimmte Einstellung, eine innere Abwehrhaltung oder aber als ein Filter äußern, durch den wir die Realität erfahren. Falls dies so ist, gilt es als Erstes, sich gezielt zu beobachten und besser wahrzunehmen.
„Sabotage“ bei der Arbeit
„Schon wieder hast du dich mit den Rabattverträgen vertan!“, „Kannst du nicht einmal rechtzeitig an deine Termine denken?“, „Ja, natürlich, bei Herrn Müller hast du wieder die Geduld verloren!“ – Sprüche dieser Art stören ständig. Der „innere Kritiker“ neigt zudem zu Übertreibung, macht aus der Mücke einen Elefan- ten und bringt uns aus dem Konzept. Bei Selbstzweifeln vergleichen wir uns gern mit anderen, wobei wir selbstverständlich schlechter abschneiden. Wenn man nichts hinterfragt, sondern alles glaubt, gerät man in schlechte Stimmung, reagiert entsprechend und schon tauchen neue Zweifel auf. Auf Dauer wird man ängstlich und verunsichert. Der Kunde bemerkt dies und interpretiert es womöglich in Bezug auf die Beratung – er hält uns für fach-lich inkompetent.
Das Gute am „inneren Kritiker“ ist, dass er uns fördert. Als Kind lernt man, sich anzupassen, um nicht ständig anzuecken. Die Ermahnung, die früh von außen kommt – von Eltern, Lehrern und anderen Respektspersonen –, verinnerlicht sich irgendwann und sorgt dafür, dass wir Regeln und Normen einhalten. Man kann sich den „inneren Kritiker“ auch als ein Programm in unserem „inneren Computer“ vorstellen, das einmal sehr nützlich war, jetzt aber seine ursprüngliche Funktion nicht mehr erfüllt. Es war eigentlich als Übergangslösung gedacht, doch es hat sich verselbstständigt, ob- wohl seine Zeit längst vorbei ist. Bei den Formulierungen „du solltest...“ bzw. „du musst noch…“ horchen wir auf. Kommt nun eine lästige Vorschrift und Ermahnung? Wenn wir das „müssen“ durch „dürfen“ oder „können“ ersetzen, empfinden wir das gleiche Vorhaben als freiwillig. Dadurch lässt es sich dann leichter verwirklichen oder delegieren.
Im Arbeitsleben fordert der „innere Kritiker“ öfter einmal zu Fortbildungsbesuchen, dem Studium von Fachliteratur und der allgemeinen „Orientierung nach oben“ auf. Als Apothekenleiter gilt es, Neuerungen und Verbesserungen einzuführen – die Ideen dazu kommen häufig vom „inneren Kritiker“, der sich hier nicht als Nörgler oder Besserwisser aufspielt, sondern konstruktiv kritisiert, indem er uns Ideen eingibt. Gleiches gilt natürlich auch im Privatbereich wie beispielsweise bei Familie, Freunden, Fitness und Ernährung.
Kennzeichen des „inneren Kritikers“
Die innere Instanz
- ist ein Teil unserer Psyche, der uns beurteilt und tadelt,
- kontrolliert den Eindruck, den wir auf andere machen,
- richtet sich dabei nach erlernten Normen, Werten und Regeln,
- denkt sich Katastrophen aus, falls wir gegen die Normen und Regeln verstoßen sollten,
- vergleicht uns mit anderen und lässt uns dabei schlechter abschneiden,
- reibt uns Fehler und Peinlichkeiten unter die Nase,
- entwertet unsere Erfolge und die Komplimente von anderen,
- macht uns ein schlechtes Gewissen,
- kritisiert uns nach dem Motto: Besser ich sage dir, was an dir falsch ist, bevor es die anderen entdecken,
- kann uns mit heftigen Attacken in Verzweiflung und Depression treiben,
- sabotiert unser Selbstwertgefühl.
Dem „inneren Kritiker“ Paroli bieten
Die Pädagogin und Kommunikationstrainerin Barbara Berckhan gibt gute Hinweise: Die Dressur braucht Zeit. Der „wilde Kritiker“ hat Jahre trainiert, um uns kennenzulernen und die richtigen Momente abzupassen, nun benötigen wir viel Übung, um ihn wie- der in die Schranken zu verweisen.
Zunächst brauchen Sie ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit: Was geht Ihnen durch den Kopf, vor allem wenn Sie sich deprimiert, kraftlos oder ängstlich fühlen? Unterbrechen Sie die Attacken Ihres Kritikers. Stoppen Sie bewusst alle Gedanken, mit denen Sie sich selbst abwerten oder entmutigen. Genau hier verläuft die Grenze zwischen konstruktiver und destruktiver Kritik.
Nehmen Sie sich jeden Tag Zeit, in Ruhe über Ihr Verhalten und Ihre Arbeit zu reflektieren. Meistens reichen zehn Minuten. Falls Sie diese nicht haben, verlieren Sie mehr Zeit. Unterdrückt man es, sich mit dem Kritiker auseinanderzusetzen und sich ggf. mit den Gründen für das eigene Verhalten zu befassen, kommt es zu einer paradoxen Reaktion: Das, was man vermeiden will, geschieht umso häufiger. Ungeduld mit den Angestellten, Unkonzentriertheit oder ande-re Verhaltensweisen können sich spiralenfömig zum Extrem hochsteigern.
Ihr Kritiker hat seine Lieblingspunkte, auf denen er immer wieder herumhackt. Schreiben Sie sie auf und setzen Sie sich damit auseinander. Das ist ein weiterer Schritt, um mehr Distanz zu bekommen – und auch eine gute Methode, um mit nächtlichen Grübelphasen besser umzugehen.
Sind Sie jemand, der gerne das letzte Wort hat? Hier dürfen Sie es! Widersprechen Sie Selbstzweifeln. Quälenden Gedanken wie: „Das schaffst du nicht!“, „In spätestens zwei Jahren kannst du sowieso den Laden dichtmachen!“ können Sie einiges entgegensetzen. Für eine hohe Leistungsfähigkeit brauchen wir ein hohes Selbstwertgefühl, daher gilt es, den „inneren Kritiker“ früh wahr und ernst zu nehmen.
Ute Jürgens, Kommunikations-
trainerin und Einzelcoach,
KomMed, 28865 Lilienthal,
E-Mail: KomMed@freenet.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(06):10-10