Gesundheitspolitik

Drei Fragen an Prof. Dr. Harald Schweim


Dr. Christine Ahlheim

Prof. Dr. Harald Schweim ist Leiter des Instituts für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn.

?Welche Probleme sehen Sie grundsätzlich bei den Rabattverträgen zwischen Arzneimittelherstellern und Krankenkassen?

Leider ist die Zahl der Probleme vielfältig. Da immer der Patient im Mittelpunkt steht, sind die ihn betreffenden Fakten am wichtigsten. Somit sind Compliance-Fragen durch Produktwechsel (z.B. „Die Tabletten waren doch immer blau, wieso sind sie jetzt gelb? Ist das Produkt richtig?“) und Vertrauensverluste in die Heilberufler (z.B. „Mein Apotheker gibt mir billiges Zeug und rechnet teuer ab“) am schwerwiegendsten.

Darüber hinaus wird von der Politik nur im generikafähigen Markt „herumgekurpfuscht“. Dieser ist aber, rein GKV-kostenbezogen, um ein berühmtes Wort zu zitieren, nur „peanuts“. Die wahren Kosten in der GKV erzeugen die Originatoren-Pro­dukte patentgeschützter Präparate. Aber an diese Frage, an die Mächtigen der Pharmaindustrie traut sich die Politik – mit Ausnahme der „VFA-Frei­kaufaktion 2001“ – nicht heran. Bei einem Volumen in 2008 von rund 30 Mrd. € sparen die Kassen rund 300 Mio. €, also etwa 1%, ein. Und welcher volkswirtschaftlich nicht kalkulierte Aufwand steht dahinter, allein wenn man die nicht einbezogenen Kosten in den Handelsstufen, z.B. auch die Mehrarbeit in den Apotheken, betrachtet? Es würde mich nicht wundern, wenn es gesamtvolkswirtschaftlich betrachtet ein Null- oder Negativsummenspiel ist.

?Wo liegen aus Ihrer Sicht die Grenzen der Austauschbarkeit von Arzneimitteln?

Immer da, wo entweder auf der Basis der Erkrankung (beispielsweise bei Schmerzpatienten) oder der individuellen Persönlichkeit des Patienten durch einen Austausch negative Folgen für die Therapie, gemessen an patientenrelevanten Parametern, entstehen. Das ist viel häufiger der Fall, als Politiker, die meist keinen heilberuflichen „Background“ haben, sich vorstellen. Und die Entscheidung können nur Arzt und auch Apotheker mit ihren Patienten treffen.

?Welche Reformmaßnahmen im Gesundheitswesen würden Sie sich von der zukünftigen Bundesregierung wünschen?

Als erstes eine(n) neue(n) Ge­sundheitsminister(in), acht Jahre Erfolglosigkeit qualifizieren nicht für das Weitermachen. Als zweites der Bevölkerung die Wahrheit sagen. In der alternden Gesellschaft mit dem rasanten, aber teuren medizinischen Fortschritt steht eben nicht mehr alles medizinisch Mögliche und auch nicht alles Notwendige für jeden zum GKV-Tarif zur Verfügung. Aber oft wird der Arzt mit der faktischen Rationierung allein gelassen. Als drittes den Mut, auch mit den „Big Playern“ im Gesundheitswesen die Diskussion zu beginnen.

Und um nicht missverstanden zu werden: Die Sowjetunion hat in 70 Jahren kein weltmarktfähiges Arzneimittel entwickelt, die freie Welt jährlich etwa 70. Geld verdienen ist die Triebfeder, oder, wie mein Lieblingskaiser Friedrich II. sagte, Arzt und Apotheker müssen anständig verdienen, sonst verkaufen sie auch die Gifte.

Aber die Gesellschaft muss entscheiden und die Bundesregierung muss umsetzen, wie viel Prozent des Volkseinkommens in Form von Beiträgen und Steuern für die Gesundheit ausgegeben werden sollen und wie viel für die Ver­teidigung Deutschlands am Hindukusch.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(09):4-4