Prof. Dr. Reinhard Herzog
Als vor knapp zwei Jahren die ersten amerikanischen Banken Schieflagen bei der Immobilienfinanzierung eingestehen mussten, sahen die meisten Börsenexperten darin lediglich ein lokales Problem: Die Immobilienblase war geplatzt, erforderlich wurden entsprechende Korrekturen und Marktbereinigungen – nichts Ungewöhnliches im Wirtschaftsleben. Doch aus der Immobilienkrise wurde schnell eine Finanzkrise, die sich innerhalb weniger Monate rund um den Globus ausbreitete. Weil jetzt immer mehr Banken in Schwierigkeiten gerieten, stockte auch die Kreditvergabe. Unternehmen bekamen Probleme bei der Finanzierung, gleichzeitig verzeichneten sie drastische Auftragsrückgänge. Die Börse blieb davon nicht unberührt: Aktien verloren in den vergangenen zwölf Monaten im Durchschnitt mehr als 50%, insbesondere Papiere der Finanzbranche waren zeitweise so billig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Optimisten erkennen darin jedoch ihre Chancen: Die Erfahrung zeigt, dass immer dann der optimale Zeitpunkt zum Einstieg gekommen ist, wenn niemand mehr an die Trendwende glaubt und die Zukunftsszenarien in einem düsteren Licht gezeichnet werden. „Heute Aktien kaufen und sich schlafen legen. In fünf bis zehn Jahren wird man eine freudige Überraschung erleben“ – diese Grundregel des verstorbenen Börsen-Altmeisters André Kostolany könnte sich auch diesmal wieder bewahrheiten.
DAX auf 1.000 Punkte?
So locker wird die Situation allerdings nur von wenigen Börsianern gesehen. Viel häufiger sind jedoch die warnenden Stimmen, die auch manchen eingefleischten Aktienfan ins Grübeln bringen dürften. Von einem „Tsunami“ ist da die Rede, der die Weltwirtschaft in eine langjährige Rezession stürzen und den DAX auf 1.000 Punkte drücken könnte. Selbst der Begriff „Währungsreform“ fällt immer öfter, zuletzt etwa in einem Kommentar auf der Homepage der Frankfurter Wertpapierbörse.
Die Risiken werden dabei weniger im aktuellen Konjunktureinbruch gesehen, denn schließlich weist die Wirtschaftsentwicklung stets mehr oder weniger ausgeprägte Schwankungen auf. Selbst den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 3% bis 5% sollte – so die einschlägige Meinung – die deutsche Wirtschaft verkraften können. Das Problem liegt jedoch in der allzu freigiebigen Finanzpolitik der meisten Regierungen. Milliardenbeträge werden den Banken als Stützungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt, es wird an Rettungsplänen für Unternehmen gebastelt, die selbst ohne Krise schon seit vielen Jahren finanzielle Schwierigkeiten haben. Nicht zuletzt werden auch die privaten Haushalte mit enormen Summen unterstützt, um die Konjunktur am Laufen zu halten.
Staatsschulden werden uns viele Jahre drücken
Einerseits ist es sicher sinnvoll, dass die Regierungen ihre Kassen geöffnet haben, denn schließlich war das restriktive Verhalten der Staaten in den Jahren 1929 bis 1933 Auslöser der damaligen Weltwirtschaftskrise. Andererseits darf man die damit verbundene Schuldenproblematik nicht aus den Augen verlieren. Die heute großzügig ausgereichten Stützungsgelder werden die staatlichen Haushalte über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte belasten. Ernst wird die Lage spätestens, wenn die Zinsen wieder steigen. Bisher muss die Deutsche Bundesregierung gerade einmal 2,0% bis 3,0% Zins bieten, um – via Anleihen – innerhalb weniger Tage Milliardenbeträge einzusammeln. Die Belastungen aus den Schulden halten sich damit in noch überschaubaren Grenzen. Steigen jedoch die Zinsen wieder auf das langfristig übliche Durchschnittsniveau von 5,5%, verdoppelt sich die Zinsbelastung – von noch höheren Zinsen ganz zu schweigen.
Steigende Zinsen
Dass die Renditen wieder ansteigen, ist derzeit mehr als wahrscheinlich, schließlich hat jede „Liquiditätsschwemme“ auch einen Anstieg der Inflationsrate zur Folge. Einige Experten rechnen auf absehbare Zeit sogar mit einer Hyperinflation, die schnell in den zweistelligen Prozentbereich klettern könnte. Und damit wäre es auch mit den niedrigen Zinsen vorbei: Um überhaupt Gelder einsammeln zu können, sind entsprechende Zugeständnisse erforderlich. Im Übrigen liegen die Zeiten zweistelliger Renditesätze in der Eurozone gerade einmal knapp 20 Jahre zurück.
Im Extremfall – so die Befürchtungen einiger durchaus anerkannter Experten – könnte das zu einem vollständigen Zusammenbruch des Wirtschaftsgefüges und zu einer Währungsreform führen. Dies könnte sich in eher kleine- rem Rahmen abspielen, etwa dem Staatsbankrott besonders hoch verschuldeter Staaten, oder sogar weltweite Ausmaße annehmen.
Mangels entsprechender Erfahrungen – die Voraussetzungen für die Währungsreformen 1923 und 1948 waren völlig anders – ist es nun schwierig, in der Geldanlage eine optimale Strategie zu entwickeln:
- Zurückhaltung erscheint auf jeden Fall bei langlaufenden Anleihen geboten, die im Fall eines Zinsanstiegs erhebliche Kursverluste einfahren dürften.
- Manche Experten warnen aber auch vor Staatsanleihen, insbesondere von Ländern mit großen wirtschaftlichen Problemen.
- Nicht zuletzt erscheinen alle Finanzprodukte von Unternehmen riskant, die heute bereits mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
Auf den Empfehlungslisten finden sich vor allem Sachwertanlagen wie Gold, aber auch Tages- und Festgelder mit vergleichsweise kurzen Laufzeiten. Langfristig profi‑ tieren dürften daneben Aktien von Unternehmen mit solider fundamentaler Basis, selbst wenn auf absehbare Zeit noch erhebliche Kursrückgänge drohen. Im Anleihebereich sollte auf eine breitere Streuung sowohl bei Emittenten wie auch bei Währungen geachtet werden. Bei neu aufgenommenen Darlehen oder anstehenden Verlängerungen sollten Sie auf eine möglichst lange Zinsfestschreibung Wert legen. Im Übrigen ist es ratsam, Wirtschaftsnachrichten unter dem Gesichtspunkt zu lesen, welche Konsequenzen sie für den Gesamtmarkt haben könnten.
Andererseits finden sich durchaus auch beruhigende Faktoren. „Geld“, so lautet eine vielfach bewährte Börsenregel, „ist ein scheues Reh – bei den kleinsten Gefahren flüchtet es.“ Von einer Flucht etwa aus dem Euro kann jedoch bisher noch nicht die Rede sein. Die Gemeinschaftswährung präsentiert sich nicht nur gegenüber dem – ebenfalls krisengeschüttelten – US-Dollar in vergleichsweise solider Stärke, sondern kann sich auch gegenüber den meisten anderen renommierten Weltwährungen gut behaupten. Lediglich der Japanische Yen konnte zuletzt markant zulegen, doch wird dies eher als Reaktion auf die langjährige Schwäche denn als Signal für drohende Risi-ken in der Eurozone gesehen. Aber auch die Zinsen sind regelmäßig ein recht solider Indikator: Solange sich Anleihen mit Renditen zwischen 2,0% und 4,0% immer noch gut verkaufen lassen, kann von einer „Flucht des Geldes“ nicht die Rede sein.
Erhöhte Aufmerksamkeit
Erhöhte Aufmerksamkeit ist in der jetzigen Lage also sicherlich angebracht, überstürzte Umschichtungen oder gar Panik erscheinen jedoch wenig sinnvoll. Gleiches gilt mit umgekehrten Vorzeichen aber auch für den Fall einer schnellen Erholung an den Aktienmärkten: In jeder Baissephase sind kurzzeitige Gegenbewegungen durchaus üblich, sodass ein allzu frühzeitiger Einstieg riskant sein kann.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(09):12-12