Zukunft des Gesundheitswesens

Drei Fragen an Prof. Dr. Günter Neubauer


Dr. Christine Ahlheim

Prof. Dr. Günter Neubauer ist Professor für Volkswirtschaftslehre mit dem Forschungsschwerpunkt Gesundheitsökonomie an der Universität der Bundeswehr, München.

?Welche Zukunft wird aus Ihrer Sicht der Gesundheitsfonds mittel- bis langfristig haben?

Der Gesundheitsfonds wird auch in der nächsten Legislaturperiode Bestand haben, wenn auch in abgewandelter Form. Einerseits hat die Große Koalition den Gesundheitsfonds gemeinsam beschlossen und kann, auch aus Gesichtswahrung, den Gesundheitsfonds nicht wieder völlig abschaffen. Andererseits aber muss man davon ausgehen, dass der Gesundheitsfonds, je nachdem wie die nächste Regierung zusammengesetzt ist, Ausgangspunkt für eine neue Gesundheitsreform sein wird.

Für den Fall einer rot-grünen Bundesregierung ist davon auszugehen, dass der Fonds noch stärker zum zentralisierten Finanzierungsinstrument der Bundesregierung gemacht wird. Es ist in den Parteiprogrammen schon heute verankert, dass in den Gesundheitsfonds neben den bisherigen Beiträgen auch Abgaben aus Kapitalerträgen einfließen sollen. Daneben stellt man sich eine verstärkte Steuerfinanzierung vor sowie einen Solidarbeitrag der PKV. Alle diese Finanzierungsquellen werden im Gesundheitsfonds gesammelt und dann von ihm an die Krankenkas­‑ sen verteilt. Der Verteilungsmodus wird im Wesentlichen vom morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich bestimmt.

Bei einer bürgerlich-libera­len Regierung ist davon auszugehen, dass der Gesundheitsfonds ein Stück seiner Befugnisse wieder verliert. So ist es kennzeichnend für das bürgerliche Lager, dass es den Krankenkassen wieder mehr Finanzhoheit zuordnen will. Der jetzt schon im Fonds verankerte Zusatzbeitrag dürfte dann verstärkt ausgebaut werden. Eine einfache Variante wäre, dass die Beiträge der Versicherten selbst wieder direkt an die Kassen fließen und bei denen verbleiben, während Arbeitgeberbeiträge und Steuermittel in den Gesundheitsfonds fließen und im Wesentlichen der Umverteilung zwischen den Krankenkassen gemäß Morbi-RSA dienen. Von daher ist davon auszugehen, dass dem Gesundheitsfonds weiterhin eine zentrale Rolle zukommt.

Schließlich besteht aus bayerischer Sicht der Wunsch, dass der Gesundheitsfonds auch stärker regionale Faktoren berücksichtigt. Dies ließe sich ohne allzu große Komplikationen dadurch bewerkstelligen, dass bei der Zuweisung der Fonds-Mittel ein Regionalfaktor eingebaut wird, der unterschiedliche Versorgungsniveaus und Kostenstrukturen berücksichtigt. Letzteres ist zwar schon heute im Gesetz vorgesehen, wird aber bislang nicht praktiziert. Schließlich würden auch kassenspezifische Versichertenbeiträge wieder ein Stück Regionalisierung beinhalten.

?Welche grundlegenden Reformen des Gesundheitswesens würden Sie sich von der zukünftigen Bundesregierung wünschen?

Alle Parteien scheuen sich zurzeit, das wichtigste Problem unserer Gesundheitsversorgung grundlegend anzupacken: Das ist die demografische Entwicklung. Die De­mografie wirkt auf unsere Gesundheitsversorgung auf zwei Wegen ein: Zum einen bedürfen ältere Menschen mehr Versorgung, d.h., die Ausgaben werden durch die alternde Bevölkerung anwachsen. Zum anderen aber bedeutet die Alterung der Bevölkerung auch, dass die Finanzierung massiv gefährdet wird. Die derzeitige Finanzierung, die auf dem Umlageverfahren beruht, kann mit diesem Problem nicht fertig werden. Es wäre an der Zeit, dass die Bundesregierung damit beginnt, einen Demografiefaktor in die GKV-Finanzierung einzubauen. Hierzu gibt es eine Reihe von Vorschlägen, die aber alle bislang noch nicht einmal Zugang in die politische Diskussion gefunden haben. So könnten z.B. mit den jetzigen vorgesehenen Steuermitteln, welche die GKV-Familienlasten reduzieren sollen, schon heute für Kinder sogenannte „Gesundheitssparkonten“ aufgebaut werden, die den Kindern dann, wenn sie selbst beitragspflichtig werden, eine Verminderung ihrer Beitragslast möglich machen würden.

Schließlich ist auch die Zentralisierung und Vereinheitlichung, die derzeit die Gesundheitspolitik beherrscht, aus meiner Sicht ein Weg in die falsche Richtung. Ein Land von der Größe Deutschlands wird immer ein Stück Regionalisierung brauchen. Es darf auch nicht übersehen werden, dass eine Zentralisierung in Deutschland auch Zentralisierungstendenzen in der EU Vorschub leisten würde. Wer wollte aber ein europaweit zentralisiertes Gesundheitssystem haben?

? Wie können die öffentlichen Apotheken den – auch nach dem EuGH-Urteil durchaus noch vorhandenen – Begehrlichkeiten der großen Handelskonzer­ne, am lukrativen Arzneimittelmarkt teilzuhaben, begegnen?

Die öffentlichen Apotheken haben als Einzelhandelsunternehmen im ökonomischen Sinne nur dann eine gute Zukunft, wenn sie sich verstärkt in Kooperationen und in Verbünden organisieren. Hierzu gibt es schon heute genügend Möglichkeiten und auch Ansätze, wie dies geschehen kann. In jedem Falle bleiben die Apotheken immer einer ständigen Bedrohung durch die Großhandelskonzerne ausgesetzt, die sicher noch mehr Anläufe versuchen, um in diesen Markt einzudrin­‑ gen. Aber auch die verstärkte Vergütung der Apotheken für ihre freiberufliche Tätigkeit wehrt Begehrlichkeiten der Großhandelskonzerne ab. Großhandelskonzerne hätten im Apothekenmarkt vor allen Dingen den Vorteil des großvolumigen Einkaufs und der daraus resultierenden Ra­bat­te. Hier ist die Apotheker­‑ schaft aufgerufen, Vorbeuge zu betreiben, indem sie den Dienstleistungscharakter noch stär­ker in der Vergütung ausbaut und die Vergütung, die am Umsatz ansetzt, weiter reduziert.

Aber auch die Apotheker selbst können neben einer verstärkten horizontalen Ko­operation auch die vertikale Kooperation weiter voran­bringen. Vor allem ist die verstärkte Zusammenarbeit mit den Krankenkassen angesagt. Die Krankenkassen werden mehr und mehr die Apo-theker als direkte Vertragspartner und Betreuer von Patienten einsetzen wollen, sofern Letztere sich diesen Wünschen nicht unnötig widersetzen. Insgesamt meine ich, dass Apotheker, die sich sowohl Kooperationsformen wie auch dem Dienstleistungsgedanken öffnen und verstärkt betreiben, eine gute Zukunft haben.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(14):3-3