Zertifikate

Mit Absicherung zum Erfolg


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Zertifikate – einst als interessante Anlagealternative gelobt – gelten nach der Insolvenz von Lehman Brothers als riskant und werden oftmals gemieden. Bei sorgfältiger Titelauswahl können sie das Anlagedepot jedoch durchaus sinnvoll ergänzen.

Rund 400.000 verschiedene Titel umfasste der Kurszettel der Stuttgarter Derivatebörse EUWAX zum Höhepunkt des Zertifikatebooms im Sommer 2008. Doch nach der Insolvenz von Lehman Brothers, eines bedeutenden „Players“ auf diesem Markt, hat sich die Stimmung merklich eingetrübt und heute werden weniger als die Hälfte gelistet – Tendenz: weiter rückläufig.

Allerdings stellen Zertifikate durchaus eine interessante Form der Geldanlage dar. Mit den passenden Produkten können Anleger auf Indizes, Aktienkörbe oder auch fallen­de Kurse setzen, zudem ermöglichen viele Papiere den Einstieg an den Wertpapiermärkten mit festgelegtem Risikoschutz oder sogar mit Rabatt. Nicht zuletzt sind Zertifikate wesentlich preiswerter als Investmentfonds.

Optimale Titelauswahl

Entscheidend für den Erfolg ist daher die optimale Titelauswahl. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Marktrisi­ken, Produktrisiken und Emittentenrisiken. Marktrisiko Nummer eins ist die aktuelle Börsenentwicklung. Wenn der Basiswert eines Zertifikats fällt, gibt auch der Kurs des Zertifikats nach. Denn schließlich sehen Zertifikate im Gegensatz zu Investmentfonds in der Regel kein aktives Mana­gement vor, das bei ungünstiger Börsenentwicklung schüt­zend eingreift. Darüber hinaus können sich Marktverschiebungen auf den Zertifikatepreis auswirken, z.B. wenn die Börsenkurse stark schwanken.

Vorsicht vor Sonderbedingungen

Die Produktrisiken ergeben sich aus der Konstruktion des Papiers. Relativ gering sind sie bei Zertifikaten, die lediglich einen Index im festgeleg­ten Verhältnis nachbilden, jedoch keine Sonderbedingun­gen vorsehen. Sobald aber mit Unter- und Obergrenzen gearbeitet wird, sollten Anleger diese genau beobachten: Über- oder unterschreitet der Kurs des Basiswerts eine solche Schwelle, gelten meist besondere Bedingungen, die im ungünstigsten Fall zu einem „Knock-out“ – also dem wertlosen Verfall des Papiers – führen können. Grundregel dabei: Je größer die Gefahr, dass es zu einem Totalausfall kommt, umso höher sind auch die Chancen auf Gewinn.

Mit dem Fall Lehman Brothers ist das Emittentenrisiko in das Bewusstsein der Anleger gerückt. Bei Zertifikaten handelt es sich in der Regel um nicht nachrangige Verbindlichkeiten des Emittenten, ähnlich wie normalverzinste Anleihen. Wird also der Emittent zahlungsunfähig, fällt die Forderung aus dem Zertifikat in die Insolvenzmasse. Im ungünstigsten Fall geht der Anleger dann leer aus.

Allerdings gibt es zwei Informationsquellen, die auch private Anleger nutzen können: Zum einen sind Ratingagen- turen wie Moody‘s oder Stan­dard & Poor‘s gerade nach dem Lehman-Debakel darum bemüht, möglichst aktuelle Be­wertungen für alle namhaften Anbieter zu erstellen. Zum anderen sind auch die „Credit Spreads“, eine Art Versicherung gegen Kreditrisiken, ein guter Seismograf. Dabei handelt es sich um die Versicherungsprämien, die am Markt ge­gen den Ausfall eines Schuld­ners bezahlt werden müssen. Je niedriger der Wert, umso geringer wird von den Marktteilnehmern die Ausfallwahrscheinlichkeit eingeschätzt. Veröffentlicht werden diese Kennzahlen u.a. auf der Homepage des Deutschen Derivate Verbands (www.deut­scher-derivate-verband.de), einem Zusammenschluss der 20 führenden Emittenten derivativer Wertpapiere in Deutschland.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(15):15-15