Zertifikate

Hohe Risiken mit der Koppelung


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Seit es an der Börse wieder aufwärts geht, werden sie aus der Versenkung geholt: Zertifikate, aber auch Anleihen, deren Rückzahlung an einen Korb unterschiedlicher Aktien gebunden ist. Doch die Risiken solcher Anlageformen sind nicht zu unterschätzen.

Die Finanzkrise hat tiefe Spuren in der Welt der Derivate hinterlassen: Ob In­dexpapier, Optionsschein oder Spezialanleihe – die Skepsis der Anle­ger ist groß. Deutlich bekamen dies die Emittenten von Zertifikaten zu spüren: Wurden vor zwei Jahren in der Spitze bis zu 400.000 verschiedene Papiere an deutschen Börsen notiert, ist diese Zahl mittlerweile auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Dabei bieten Zertifikate interessante Möglichkeiten, sich z.B. mit Indexpapieren ein weltweit diversi­fiziertes Depot aufzubauen.

Komplizierte Produkte

Allerdings werden derzeit nicht die einfach verständlichen und kundenfreund­li­chen Indexzertifikate von Banken und Sparkassen propagiert: Als hätte es die Finanzkrise nie gegeben, offerieren sie be­reits wieder komplizierte Produkte, deren Kon­struktion nur auf den ersten Blick plausibel erscheint. Typisches Beispiel sind „Multibonuszertifikate“: Sie funktionieren im Prinzip wie klassische Bonuszertifika­te, d.h., der Anleger erhält einen Bonus, wenn die zugrunde liegende Aktie eine festgelegte Kursschwelle während der ganzen Laufzeit nicht unterschreitet. Falls doch, erleidet der Anleger einen Verlust.

Bei den heute favorisierten Multibonuszertifikaten basiert die Bonusregelung aber nicht auf einer einzigen Aktie, sondern auf einem Aktienkorb aus drei bis zehn Papieren. Die versprochene Bonuszahlung ist zwar überdurchschnittlich hoch, jedoch orientieren sich die Bedingungen regelmäßig am schlechtesten Papier aus dem Korb. Und hier verstehen es manche Emittenten trefflich, stets einen oder zwei Titel beizumischen, die überdurchschnittliche Risiken bergen. Auch weitgehend unbekannte ausländi­sche Aktien finden sich oft neben den Titeln renommierter deutscher Großkonzerne.

Hohe Zinsen

Vergleichbares gilt auch für Aktienanleihen: Hier erhält der Anleger neben einer re­gel­mäßigen hohen Zinszahlung bei Fälligkeit entweder den vollen Nominalwert oder aber eine festgelegte Stückzahl einer Aktie. Während sich jedoch klassische Aktienanleihen auf ein einzelnes Papier beziehen und damit eine vergleichsweise überschaubare Risikostruktur bieten, basieren die „neuen“ Titel auf einem ganzen Korb unterschiedli­cher Aktien. Auch hier gilt meist, dass ein starker Kursverlust eines einzelnen Papiers den Wert der Aktienanleihe drastisch reduzieren kann, manchmal wird sogar die Zinszahlung zurückgefahren oder ganz gestrichen. Ebenso wie bei Zertifikaten wissen auch hier die Emitten­ten sehr genau, wie sie ihre Chancen durch die Titelzusammenstellung zulasten des Anlegers erhöhen können.

Ebenfalls Korbbindungen se­hen manche Zinspapiere vor, bei denen sich z.B. der Rückzahlungskurs mit jedem Jahr Laufzeit, in dem die Basiswerte bestimmte Kursregeln einhalten, verbessert. Überschaubar sind die Risiken, wenn lediglich ein einzelner Basiswert maßgeblich ist. Je größer jedoch der Korb, umso bedenklicher sind die Risiken.

Engagieren sollten Sie sich da­her in derartigen Koppelungsprodukten nur, wenn Sie die Konstruktion lü­ckenlos verstehen und die Zusammensetzung des Basiswertbestands eine realistische Chance auf hohe Erträge bietet. Keinesfalls dürfen Sie sich aber von Werbeprospekten oder einer momentan freundlichen Börsenstimmung täuschen lassen: Gerade heute kann es schnell zu erheblichen Rückschlägen kommen, die selbst plausibel erscheinende Er­trags­rechnun­gen zunichtemachen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(20):15-15