Hilfs-, Heil- und Nicht-Fertigarzneimittel

Schon lange keine Nische mehr


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Mit 9 Mrd. € GKV-Ausgaben sind Heil- und Hilfsmittel schon lange aus der Schattenrolle hinausgetreten. Der Heil- und Hilfsmittelreport der Gmünder Ersatzkasse und der Arzneiverordnungs-Report fördern hierzu manch interessante Erkenntnis für die Apotheken zutage.

Zur Erinnerung: Unter die Heilmittel fallen in erster Linie die therapeutischen Leistungen der Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Podologen sowie einige spezielle Kurleistungen. Sie machten in der gesamten GKV im Jahr 2008 etwa 4,1 Mrd. € aus. Physiotherapeuten und Masseure schnitten sich mit knapp 2,9 Mrd. € Umsatz in über 30.000 Praxen das größte Kuchenstück heraus, für Ergotherapie wurden 583 Mio. €, für Logopädie 472 Mio. € und für die medizinische Fußpflege (Podologie) immerhin noch fast 63 Mio. € aufgewendet.

Physiotherapiepraxis als Frequenzbringer

Die durchschnittliche Physiotherapiepraxis lebt von etwa 800 bis 900 GKV-Rezepten pro Jahr plus Privatverordnungen und -leistungen. Auf etwa 2.600 Einwohner kommt eine Praxis und gut 15% der Bevölkerung erhalten mindestens einmal pro Jahr physiotherapeutische Leistungen. Dies ist insoweit nicht uninteressant, wenn es darum geht, eine Phy­siotherapiepraxis als mögli­chen Frequenzbringer für die Apotheke zu bewerten. Aber auch hier gehen die Zahlen, ähnlich wie bei Arztpraxen, weit auseinander. Manche Praxis hat gerade einmal 10 bis 15 Patienten pro Tag, während es bei anderen wie im Taubenschlag zugeht. Ein guter Anhaltswert ist die Zahl der beschäftigten Therapeuten. Eine Vollzeitkraft sollte, bei opti­maler Auslastung, rund 3 Patienten je Stunde bewältigen, mithin über 20 pro Tag. Eine gut gehende Physiotherapie­praxis mit 40, 50 oder mehr Patienten am Tag kann also zu einer gewissen Belebung in der Apotheke führen, jedoch bei Weitem nicht an eine Arztpraxis oder auch an einen florierenden Lebensmittelmarkt heranreichen.

Unter die Hilfsmittel fallen grundsätzlich die dinglichen Gegenstände, von den Verbandstoffen über diverse Medizinprodukte bis hin zu Gehhilfen, Rollstühlen und Krankenbetten. Für die Apotheke sind nur einige Teil­segmente von Bedeutung. Der GKV-Hilfsmittelmarkt umfasste 2008 einschließlich Mehrwertsteuer rund 4,9 Mrd. €. Davon machten orthopädische Hilfsmittel fast 2,5 Mrd. € aus, für Hörhilfen wurden rund 472 Mio. € ausgegeben. Durch die teils verworrene Ausschreibungspolitik der Krankenkassen ist dieser Markt auf allen Ebenen gehörig ins Wanken geraten, trotz des unbestrittenen Bedarfs. Daher fällt die Zuordnung von Umsätzen in einzelne Vertriebskanäle immer schwerer, zumal die Daten von heute aufgrund neuer Marktbedingungen bereits morgen völlig überholt sein können.

Sehhilfen sind mit 63 Mio. € in den Rechnungsergebnissen der GKV (Statistik KV 45) recht sparsam ausgewiesen, was allerdings an der Erstattungspolitik der Kassen liegt: Brillen sind im Wesentlichen Privat­sache. Insgesamt setzten die Augenoptiker 2008 3,88 Mrd. € um bei ziemlich genau 10.000 Betriebsstätten – was einen rechnerischen Durchschnitts­umsatz von knapp 400.000 € (und damit weitaus weniger als eine Apotheke) bedeutet.

Der Markt der Nicht-Fertigarzneimittel umfasst neben den oben erwähnten Hilfsmitteln auch Rezepturen und Diätetika. Die bedeutendsten Positionen zeigt die Tabelle auf Seite 7, wobei hier stets Bruttobeträge ausgewiesen sind.

Während die verschiedenen Rezepturpositionen im Wesentlichen in der Apotheke angesiedelt sind, gibt es auf dem Hilfsmittel- und Diagnostikamarkt noch weitere An­bieter wie Sanitätshäuser, Versender und andere mehr. Die Rechnungsergebnisse der gesetzlichen Krankenkassen (Statistik KV 45) weisen hier für die Apotheken einen Zahlbetrag der Kassen – inklusive Mehrwertsteuer, ohne Zuzahlungen und Rabatte – von 781 Mio. € aus.

Fast 2 Mrd. € für Sprechstundenbedarf

Erwähnt werden muss in diesem Zusammenhang auch der nicht unbeträchtliche Markt des Praxisbedarfs („Sprechstundenbedarf“). 1.808 Mio. € brutto standen hier 2008 im GKV-Markt zu Buche, das bedeutet rund 84.000 € je Apotheke. Zu einem erheblichen Teil allerdings sind dies Impfstoffe, welche die Ausgaben überproportional in die Höhe getrieben haben.

Ins Auge stechen natürlich die beträchtlichen Summen für Zy­tostatika-Zubereitun­gen und parenterale Ernährung, die zudem seit Jahren zweistellig zulegen. Weniger verwunderlich sind die enormen Durchschnittswerte je einzelner Verordnung, die teilweise extrem hohen Präparatepreise schlagen sich hier nieder. Dieser Markt wird im Wesentlichen von rund 350 spezialisierten Apotheken sowie Spezialanbietern abgedeckt. Es handelt sich dabei inzwischen um eine Größenordnung, die bei den Kassen „auf dem Radarschirm“ aufgetaucht ist. Die Konsequenz: Seit einiger Zeit schon rumort es im Hinblick auf eine Neufestsetzung der Vergütungen, mit noch keineswegs abschließendem Ergebnis.

Die klassische Rezeptur erscheint relativ unbedeutend. Mit rund 10.000 € Bruttoumsatz je Apotheke bei etwa 450 Einzelanfertigungen pro Jahr deuten diese nüchternen Zahlen eine Gewichtung an, die subjektiv deutlich anders empfunden wird. Nicht enthalten sind freilich die zwischenzeitlich zahlreicher geworde­nen privat verordneten Rezepturen sowie Einzelmischungen und Einzelabfüllun­gen von Tees, Chemikalien etc., die mental gern ebenfalls als „Rezeptur“ verbucht werden.

Demografische und Verteilungsaspekte

Die Kurven der Ausgabenverteilung verlaufen bei den Heil- und Hilfsmitteln wesentlich steiler als bei den Arzneimitteln. Rund 15% der Versicherten absorbieren bereits rund 95% aller Leistungen, bei Arzneimitteln sind es nur etwa 80%. Mit anderen Worten: Der Heil- und Hilfsmittelmarkt streut weniger in die Breite als der Arzneimittelmarkt, sondern fokussiert sich auf klei­nere Patientenkollektive. Heil- und Hilfsmittelanbieter sind also weniger „breitenwirksam“, hingegen haben sie eher eine Spezialklientel mit höhe­rem langfristigem Stamm­kundenanteil.

Die Altersabhängigkeit speziell des Hilfsmittelbedarfs ist erwartungsgemäß deutlich: Im Bereich vom Säugling bis zu den unter 60-Jährigen erhalten knapp 10% bis etwa 20% der Versicherten Hilfsmittel verordnet. Zwischen 70 und 80 Jahren sind es bereits 30%, zwischen 80 und 90 gut 40%, die mit Hilfsmitteln auf GKV-Kosten versorgt werden. Bei den Höchstbetagten steigt diese Quote auf rund 60% an. Im Arzneimittelbereich liegen diese Zahlen aber wiederum durchweg deutlich höher.




Dr. Reinhard Herzog,
Apotheker, 72076 Tübingen,
E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Den GEK Heil- und Hilfsmittel­report finden Sie unter www.gek.de (unter Service –> GEK-Studien) zum Download.

Die jeweils aktuellen Rechnungs­ergebnisse der GKV (Statistik
KV 45) können Sie unter www.bmg.bund.de (weiter unter Gesundheit –> Statistik) einsehen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2009; 34(23):7-7