Börsenpsychologie

„Sell in May“ raten Experten auch 2010


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Börsenregeln sind oftmals wertvolle Berater, geht es um den optimalen Zeitpunkt für den Einstieg oder den Ausstieg am Aktienmarkt. Doch nicht alle sind wirklich treffsicher. Dies gilt besonders für die Börsenweisheit „Sell in May and go away“.

Zu Jahresbeginn herrscht an der Börse meist noch Euphorie: Anleger sind mutig und wollen Geld verdienen, gleichzeitig werden erhebliche Beträge aus Zinsen und – einige Monate später – aus den Di­videndenzahlungen fällig. Im Laufe des Frühjahrs erlahmt die Aufbruchstimmung jedoch in schöner Regelmäßigkeit, die Kurse geben nicht selten nach. „Sell in May and go away“ lautet entsprechend eine alte Börsenweisheit.

Betrachtet man jedoch beispielsweise den Deutschen Aktienindex DAX etwas genauer, relativiert sich diese Börsenregel. Der Mai zählt zwar traditionell nicht zu den Monaten mit hohen Kursgewinnen. Andererseits gab der Index in den vergangenen 15 Jahren exakt sechsmal im Monat Mai nach. Im Zeitraum zwischen Anfang Mai und Ende Juli notierte das Frankfurter Börsenbarometer „nur“ achtmal im Minus. Verglichen mit der Gesamtperformance, in welcher der DAX elfmal zulegte und viermal nachgab, sind diese Entwicklungen zwar sicherlich unterdurchschnittlich, aber auch nicht unbedingt schlecht.

Für diese Tendenz gibt es mehrere Gründe: So hat sich bis zum Mai in aller Regel herauskristallisiert, welche Unternehmen gut laufen und welche Firmen möglicherweise mit Problemen zu kämpfen haben. In der Folge bildet sich ein selektiveres Anlageverhalten aus. Für den Gesamtmarkt spielen auch psychologische Effekte eine Rolle. So locken im Monat Mai mehrere Feiertage zu Kurzurlauben – vor denen Börsianer gerne „Kasse machen“. Zudem laufen spätestens jetzt die Planungen für den Jahresurlaub auf Hochtouren, sodass es vielen Anlegern sinnvoll erscheint, bereits gut gelaufene Engagements rechtzeitig zu lösen und ihr Geld in sichere Anlagen umzuschichten.

Vor diesem Hintergrund ist es durchaus ratsam, bestehende Engagements zu überdenken und möglicherweise umzuschichten. Dies könnte gerade in diesem Jahr gelten: Nach fast 70% Index­anstieg in den vergangenen 14 Mo­naten ist eine Korrektur mancher Einzelwerte keineswegs auszuschließen, selbst wenn dem Gesamtmarkt weiterhin Potenzial eingeräumt wird. Mehr noch als der Mai sollte allerdings der Juli als „Ausstiegsmonat“ gewählt werden, denn erfahrungsgemäß kommt es in den Sommer­monaten meistens tatsächlich zu einer deutlichen Kursschwäche.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(09):13-13