Prof. Dr. Reinhard Herzog
Im Herbst 1987 herrschte Trauerstimmung unter den Börsianern. Mit dem Oktober-Crash platzte die vorangegangene „Spekulationsblase“, die Kurse verloren 20% bis 50%. Entsprechend düster waren die Prognosen: Die Wirtschaft steuere auf eine Krise zu, die selbst die der Jahre 1929/33 überträfe. Anleihen und Aktien würden drastisch an Wert verlieren, nur mit Gold könne man sein Vermögen retten. Und was geschah? Die Wirtschaft verzeichnete zwar tatsächlich eine deutliche Korrektur, von einer echten Krise kann aber kaum gesprochen werden. Dagegen erholten sich die Aktienkurse schnell zu neuen Höchstständen.
Absturz nach dem Boom
Zehn Jahre später ergab sich ein ähnliches Bild mit umgekehrten Vorzeichen. Die Wirtschaft verzeichnete enorme Wachstumsraten, Aktienkurse kletterten mit rasender Geschwindigkeit und der Telekommunikationsboom sorgte für Euphorie unter den Anlegern. „Diesmal ist alles anders“ – so wurde auf kritische Stimmen erfahrener Analysten reagiert, denn an eine bevorstehende Baisse wollte kaum jemand glauben. Die weitere Entwicklung ist bekannt: Nachdem sich die Konjunktur abzuschwächen begann, brachen die Aktienmärkte zusammen. In den folgenden drei Jahren büßten Aktien zwischen 50% und über 90% ihres Werts ein – bevor dann, wiederum recht unerwartet, eine nachhaltige Hausse begann.
Nicht dem „Mainstream“ folgen
Damit wird deutlich: Es ist selten sinnvoll, vergleichsweise extreme Trends überzubewerten und kritiklos in die Zukunft fortzuschreiben. Wenn in der Hausse nur noch jedermann von „endlosen Gewinnen“ fabuliert, ist das ein klares Warnzeichen. Und wenn in der Baisse Horrorszenarien über den Untergang der wirtschaftlichen Ordnung heraufbeschworen werden, ist das ein deutliches Kaufsignal. Wer dem „Mainstream“ in solchen Situationen folgt, erleidet zwangsläufig Verluste oder verpasst interessante Chancen.
Die konjunkturelle Entwicklung spielt dabei eine besonders wichtige Rolle, denn schließlich ist sie quasi die Ausgangsbasis für Unternehmensentwicklungen und – vor allem – Unternehmensgewinne. Erleichtert wird die Analyse dadurch, dass die Wirtschaft meist von recht klaren Zyklen gekennzeichnet ist, deren Längen allerdings variieren. Und diese Zyklen schlagen sich letztlich auch an der Börse nieder: Jeder Hausse folgt eine Baisse und jeder Baisse eine Hausse, wobei auch hier die Dauer der einzelnen Phasen unterschiedlich ist. Der gesunde Menschenverstand ist mithin gefragt. Die größten Profite winken dem, der den Markt frühzeitig nüchtern betrachtet, die Wirtschaftszyklen analysiert und auf dieser Basis – frei von Emotionen – seine Entscheidungen trifft.
Zu unterscheiden sind vorrangig sechs dieser Zyklen: In der Phase I befindet sich die Wirtschaft mitten in einer Rezession. Die Zukunftsaussichten erscheinen trübe, das konjunkturelle Wachstum ist auf null gesunken oder sogar negativ. In dieser Phase reduzieren die Notenbanken die Zinsen, um die Konjunktur wieder anzukurbeln. Damit steigen jedoch die Kurse der Anleihen, während gleichzeitig die Preise von Aktien und Waren angesichts der schlechten Konjunkturlage noch rückläufig sind.
In der Phase II hat die Wirtschaftslage ihren publizistischen, meist auch ihren tatsächlichen Tiefstpunkt erreicht. Nachdem zuvor alle ängstlichen Investoren unter dem Eindruck der schwachen Konjunktur verkauft haben, beginnen die ersten mutigen Anleger mit Käufen. Gleichzeitig werden die Gewinnerwartungen für die Unternehmen nach oben geschraubt. In der Phase II steigen die Kurse von Aktien vergleichsweise deutlich, aber auch mit Renten kann noch verdient werden.
Die Phase III wiederum ist gekennzeichnet durch eine Festigung der konjunkturellen Lage, die auch den zuletzt gedrückten Rohstoffpreisen wieder Auftrieb gibt. Die Notierungen von Aktien und Anleihen steigen ebenfalls weiter – wenn auch in gemäßigterem Umfang. Oft kommt es zu einer länger dauernden Aufwärtsentwicklung.
In der Phase IV werden bereits erste Sorgen geäußert, die Konjunktur könne zu Überhitzungserscheinungen neigen. Die Notenbanken beginnen, die Zinsen zu erhöhen und die geldpolitischen Zügel zu straffen. Damit geben die Kurse der Anleihen nach, angesichts der blühenden Konjunktur sind aber Aktien und Rohstoffe noch weiterhin stabil. Nicht selten kommt es gegen Ende dieser Phase zu spekulativen Übertreibungen, bei denen spekulativ orientierte Anleger nochmals hohe Gewinne einfahren können.
Nun ist es Zeit für die Phase V, in der die Konjunktur zu erlahmen beginnt . Entsprechend gehen die Aktienkurse zurück, im Falle einer vorangegangenen Überhitzung kommt es nicht selten zu einem massiven Einbruch. Die Notierungen der Rohstoffe steigen in dieser Phase allerdings noch.
Schließlich wird die Phase VI erreicht, in der die Preise von Anleihen, Aktien und Waren gleichermaßen zu fallen beginnen. Die Konjunktur trübt sich immer weiter ein, die Zukunftsaussichten erscheinen eher trist. Clevere Anleger beginnen jetzt wiederum mit dem Anleihenkauf, sind die Zinsen doch auf Höchstniveau und die Kurse damit am Boden.
Mit dem und gegen den Strom schwimmen
Die Konsequenzen aus einer solchen Zyklenanalyse sind einfach: Solange im Strom mitschwimmen, wie es günstig erscheint, jedoch nicht die richtigen Zeitpunkte zum Ausstieg und zum Wiedereinstieg verpassen. Dies bedeutet, dass der Beginn einer Hausse in der Konjunkturphase II zwar optimal zum Einstieg, aber nicht ungefährlich ist. Im weiteren Verlauf ist das Risiko eines stärkeren Rückschlags bereits deutlich gemindert. Ein Einstieg erscheint sicherer, bringt jedoch möglicherweise nicht mehr solch hohe Gewinnchancen wie zu Beginn der Hausse.
Zum Höhepunkt des Aufschwungs in der Phase V sollte der Anleger das machen, was in den anderen Phasen gefährlich werden kann: gegen den Strom schwimmen. Ein rechtzeitiger Verkauf der Papiere schützt vor einem Zusammenschmelzen der bisher erzielten Gewinne. Selbst wenn es dann noch eine Zeit lang weiter aufwärts geht: Entgangenen Gewinnen sollte man nicht nachweinen. In allen Fällen ist zu bedenken, dass die Börse der realen konjunkturellen Entwicklung meist sechs bis neun Monate vorausläuft.
Chancen für Aktien
Nun stellt sich die Frage nach der aktuellen Bewertung: Realistisch betrachtet, durchlebte die deutsche Konjunktur im vergangenen Jahr die Phase II, d.h., die Wirtschaft hatte ihren Tiefstpunkt erreicht. Die Kurse der Aktien stiegen kräftig, aber auch mit Rentenwerten wurde solide verdient. Mittlerweile sind wir jedoch bei der Phase III angekommen, die Preise beginnen wieder zu klettern und mit Wertpapieren kann weiterhin gutes Geld gemacht werden – wenn auch nicht mehr so viel wie in der Phase II. Experten gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung noch einige Zeit fortsetzen dürfte, was letztlich für ein Engagement insbesondere in Aktien spricht.
Doch eines Risikos muss sich jeder Anleger auch bei sorgfältiger Konjunkturanalyse bewusst sein: Der Übergang zwischen den einzelnen Phasen ist speziell bei Aktien schwer erkennbar. So kommt es auch in einer Baisse immer wieder einmal zu einem kurzzeitigen Aufschwung, der jedoch ebenso schnell wieder in sich zusammenfallen kann. Umgekehrt sind auch in ei‑ ner Hausse zwischenzeitliche Rückschläge zu beobachten.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(17):12-12