Klaus Hölzel
Die Spieler der Bundesliga, vor allem die Trainer – sie alle sprechen davon, vor dem nächsten Match ganz erheblich „unter Druck“ zu stehen. Bloß nicht verlieren, weil sonst der Druck noch größer würde, vermuten sie. Dieses Gefühl kennen Inha-ber und Mitarbeiter in Apotheken auch. Die Frage, was alles unbedingt noch geschafft werden „muss“, fördert allzu oft die Antwort zutage: „Am besten alles!“
Druck hat viele Ursachen
Welche Gründe hat es, dass sich Chef und Team so unter Druck fühlen? Zuerst ist unsere Mentalität zu nennen. Sie ist vom Leistungsgedanken geprägt. Wir gelten als pünktlich, fleißig und zuverlässig. Es gibt weitere Ursachen: Seit einigen Jahren kommt es zu einer Informationsflut, die sehr oft einen Zeitdruck auslöst. Chefs werden durch E-Mails zum „Hamster im Laufrad“: Wie schnell sie auch rennen, sie kommen nie an. Einer Studie des Kölner Marktforschungsinstituts „psychonomics“ zur Arbeitsqualität zufolge ist für über 60% Prozent der Arbeitnehmer der „erlebte Arbeitsstress“ in den vergangenen Jahren gestiegen.
Für Apothekeninhaber spielt angesichts des Ertragsdrucks auch die Angst um den erreichten Wohlstand eine Rolle. Mitarbeiter wiederum sorgen sich um den Erhalt des Arbeitsplatzes, weil doch überall gespart werden muss.
Ein weiterer Faktor sind negative Glaubenssätze, wie „Das schaffe ich nicht“, „Dafür bin ich nicht clever genug“ oder Ähnliches. So wie positive Glaubenssätze das Selbstwertgefühl stärken, so führen negative oft dazu, dass wir uns nichts zutrauen und uns kleiner machen, als wir sind. Apotheker neigen zudem zur Perfektion und erwarten die Anerkennung ihres Handelns. Doch wer stets darum kämpft, der legt sich die Latte immer höher und lebt bald in einem Zustand ständiger Überforderung, kann Erfolge nicht genießen und setzt seine Potenziale nicht klug ein.
Ein Teil des täglichen Drucks ist den Apothekern gar nicht mehr bewusst. Der morgendliche Start beginnt mit einer – anscheinend notwendigen – Grundanspannung, weil sich im Gedächtnis die Frage festsetzt, ob man das heute geplante Arbeitspensum auch schafft. Dabei werden – man will ja einen freundlich-fröhlichen Eindruck beim Kunden machen – negative Gefühle ausgeblendet und regelrecht verdrängt. Manche Apotheker weichen dem aus, indem sie sich etwas ablenken, bevor sie morgens in die Apotheke gehen. Andere neigen dazu, alles zu bagatellisieren und den Druck damit zu überspielen.
Das Prinzip „Take care“
Wie schützt man sich vor zu viel Druck? Zunächst ganz allgemein mit mehr innerer Ruhe. Das, was wir gerade erleben, sollten wir nicht sofort einordnen und bewerten, sondern erst einmal gelassen bleiben und nicht reagieren. Gehen wir so vor, sind wir achtsam. Das ist unser „Gegengift“ für Druck und Reizüberflutung. Die Psychologen beschreiben den Soll-Zustand so: alles, was den Geist erreicht, erst einmal annehmen und nichts vermeiden. „Augen auf und dabei“ statt „Augen zu und durch“.
Dazu ein typisches Beispiel: Der Apotheker hat gerade im Gespräch mit seiner Top-PTA erfahren, dass sie schwanger ist und in gut einem halben Jahr in Mutterschutz und anschließend in Elternzeit gehen wird. Blitzartig entstehen im Kopf des Inhabers Weltuntergangs-Szenarien: Wo finde ich Ersatz? Wird die PTA über- haupt wieder in die Apotheke zurückkommen? Es baut sich über mehrere Tage ein Problemdruck auf, weil keine Lösung in Sicht ist. Die zu mehr Zufriedenheit führende Reaktion: nicht sofort dem Druck nach der Lösung von Problemen der Zukunft nachgeben, sondern gelassen bleiben, Ruhe bewahren, in der unmittelbaren Gegenwart leben.
Aus dem Englischen gibt es dazu zwei Begriffe: Das Self-monitoring und das Take- care-Prinzip. Beim Ersteren geht es darum, sich selbst zuzuschauen und zu prüfen. Wer seine Gedanken, Gefüh-le oder Handlungsimpulse gleichzeitig beobachten und reflektieren kann, hat bessere Chancen, sich davon zu lösen und damit dem Druck auszuweichen. „Take care“ sagt man im englischen Sprachraum häufig zu Menschen, denen man Gutes wünscht. Gemeint ist: „Pass auf dich auf.“
Auf den Apothekenalltag übertragen, haben sich einige Verhaltensweisen als besonders effektiv gegen zu viel Druck erwiesen.
Tipp 1: Das rechte Maß
Sie sollten üben, Ihre Ansprüche an sich selbst auf ein gesundes Maß zurückzuschrauben. Versuchen Sie, schon mit kleinen Erledigungen zufrieden zu sein. Trauen Sie sich, Arbeiten im Büro abends unbeendet zu lassen, und schließen Sie sie erst am Tag darauf ab.
Tipp 2: Auch einmal verweigern
„Neinsagen“ lernen ist wichtig für alle, die ein Helfersyndrom haben. Wenn Sie merken, dass Sie Ihre eigenen Interessen und Vorhaben meist zurückstellen, um anderen einen Gefallen zu tun, sollten Sie aufpassen, dass Sie selbst dabei nicht „auf der Strecke bleiben“. Also nicht jede Aufgabe gleich übernehmen, sondern bewusst auch einmal zurückdelegieren.
Tipp 3: Nicht erreichbar
„Nur wenn ich es selbst mache, wird es auch gut.“ Lösen Sie sich von dem Denken, unersetzlich zu sein. Lernen Sie, mit Ihren Kräften zu haushalten. Delegieren Sie Arbeiten, die nicht Ihrer Kernkompetenz bedürfen. Vermeiden Sie es, immer erreichbar zu sein: Koppeln Sie sich ab und zu bewusst vom Kommunikationsfluss ab – lesen Sie E-Mails nur einmal täglich oder lassen Sie das Handy zeitweise ausgeschaltet.
Tipp 4: Pausen als Ritual
Gönnen Sie sich die tägliche Pause – und zwar als Ritual, sonst klappt es nicht. Das kann vor dem Öffnen der Apotheke sein, in der verlängerten Mittagspause oder direkt nach Schließen der Apotheke. In dieser Zeit sollten Sie ein- fach loslassen und beispielsweise mit dem Hund spazie-ren gehen.
Tipp 5: Sinnfrage stellen
Wer mit viel Engagement tätig ist und täglich viel von sich gibt, ohne dass er annähernd so viel zurückbekommt, sollte sich auch einmal die Frage stellen: „Wofür tue ich das alles?“ Überlegen Sie daher: Was tun Sie nur, weil Sie sich dadurch Lob und Anerkennung erhoffen oder weil andere es von Ihnen erwarten?
Nichts ist schwieriger als eigene Verhaltensänderungen. Doch zu warten bis ernsthafte gesundheitliche Probleme auftreten, kann nicht die Alternative sein. Beginnen Sie einfach damit, sich vom „Tunnelblick“ der Apotheke etwas zu lösen. Dann schaffen Sie den Einstieg in die notwendige Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst.
Dipl.-Volkswirt Klaus Hölzel,
Apotheken Management-
Institut GmbH, 65375 Oestrich-Winkel,
E-Mail: sekretariat@apothekenzukunft.de
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beide zu beziehen über den Deutschen Apotheker Verlag (Telefon: 0711/2582 341, Telefax: 0711/2582 290, E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de)
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(17):10-10