Anlagestrategien

Mit Warren Buffett zum Erfolg


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Für ein Mittagessen mit ihm bezahlen Börsianer 2,6 Mio. US-Dollar, sein Vermögen wird auf knapp 50 Mrd. US-Dollar geschätzt: Warren Buffett gilt als drittreichster Mann der Welt und als Börsenlegende. Seine Anlagestrategien können auch Kleinanleger nachvollziehen.

Geht es um die Geldanlage in Aktien, gibt es unzählige Strategien: Fundamentale Kennzahlen, Stimmungsindikatoren, Chartgrafiken, technische Signale etc. beflügeln die Fantasien der Anleger und sollen – zumindest in der Theorie – den „Grundstein zum Erfolg“ liefern. Ganz anders die Meinung mancher altgedienter Bör­sianer: Sie beobachten die Märkte und setzen auf Bekanntes, das sich über Jahre bewährt hat. „Die eigene Meinung“, so predigte der 1999 verstorbene Börsenexperte André Kostolany in seinen Seminaren immer wieder, „ist wichtiger als jede vom Computer errechnete Kennzahl.“ Neue Finanzprodukte wie verbriefte Forderungen oder Zertifikate, die heute als Auslöser der Krise gelten, kommen der „alten Garde“ nicht ins Depot.

Dass gerade diese Strategie Erfolg hat, beweist Warren Buffett, Manager des legendä­ren Investmentfonds Berkshire Hathaway: Seiner Meinung nach genügen sechs Regeln, um langfristig mit Aktien, aber auch anderen Wertpapieren gutes Geld zu verdienen.

Regel 1: Information

Vor dem Kauf eines Wertpapiers sollten sich Anleger zunächst einmal auf der Homepage des Unternehmens umsehen und dabei speziell auf die Strategien der Firma achten. Noch besser ist, ein Unter­nehmen jahrelang zu beobachten. Nur so zeigt sich, ob es krisensicher ist, welche Stärken und welche Schwächen bestehen. Des Weiteren sollten Anleger möglichst vie­le Analystenkommentare und unabhängige Zeitungsberich­te lesen sowie durchaus auch einen Blick auf die Kennzahlen der Fundamentalanalyse und den aktuellen Kurschart werfen. Fragen zur Konstruktion der ausgegebenen Wertpapiere oder – bei Fonds – der Zusammensetzung des Anlageportefeuilles sind in jedem Fall rechtzeitig zu klären.

Erst nach einer solchen umfassenden Prüfung sollte ein Investment überhaupt erwogen werden. „Bauchentscheidun­gen“ haben in einer soliden Strategie keinen Platz. Glei­ches gilt für „heiße Tipps“, die in Börsenbriefen, Fernsehsendungen und Internetforen oftmals verbreitet werden – aber nur selten und allenfalls kurzfristig Erfolge bringen.

Regel 2: Massenpsychologie

Ein Wertpapier sollte nur dann gekauft werden, wenn sich die breite Masse nicht dafür interessiert. Ist ein Produkt jedoch stark nachgefragt, wird es zwangsläufig teurer. Das böse Erwachen kommt spätestens dann, wenn sich die Mehrheitsmeinung ändert. Bestes Beispiel ist die „Technologieblase“ vor zehn Jahren, die vielen Anlegern hohe Verluste bescherte. Aber auch Kurs-trends sollten Anleger nach Buffetts Meinung ignorieren. So verlockend es sein mag, in einen bestehenden Aufschwung zu investieren, so riskant ist eine solche Anlage, wenn das jeweilige Unternehmen nicht ausreichend solide ist. Denn langfristig ist es allein der Unternehmenserfolg, der den Kurs stärken – oder schwächen – wird.

Regel 3: Geduld

„Eine Aktie, die man nicht für zehn Jahre zu halten bereit ist, sollte man keine zehn Minuten behalten“ – in dieser krassen Aussage steckt manches an Wahrheit: Viele Anleger kaufen eine Aktie nur zu dem Zweck, in möglichst kurzer Zeit einen schnellen Profit zu machen. Doch ohne solide untermauerte Bilanzzahlen, die auch ein langfristiges Investment rechtfertigen würden, gelingt dies allenfalls Profis – Privatanlegern indes nur selten. Das Interesse der Investoren ändert sich oft schnell und manche einst hochspekulierte Aktie geht ohne solides Fundament rasant auf Talfahrt. Wer indes von einem Unternehmen überzeugt ist, sollte abwarten, bis sich seine Überzeugung auszahlt.

Regel 4: Ordnung

Für Schmunzeln sorgt oftmals Buffetts Vergleich eines Depots mit einem Harem: „Wer über 40 Frauen verfügt, lernt keine wirklich kennen.“ Entsprechend sollte auch das Depot nur aus einer überschaubaren Zahl von Wertpapieren bestehen. Überschaubar bedeutet allerdings nicht, nur zwei oder drei Positionen zu erwerben. Denn damit wird das Risiko überproportional erhöht. Wichtig ist vielmehr, eine möglichst solide Streuung zu erzielen, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Weiterhin rät Buffett zum Arche-Noah-Prinzip: Das Depot soll niemals einem bunt gemischten Zoo ähneln, sondern eher einer Arche Noah, d.h., die Titel sollten aufeinander abgestimmt sein und sich ergänzen, damit die Risiken entsprechend minimiert werden.

Regel 5: Verständnis

Anleger sollten nur das kaufen, was sie auch verstehen. Bei einer Aktie sollte man sich also informieren, was die Firma produziert, welche Marktchancen das Produkt hat, wie die Perspektiven für das Unternehmen sind und ob z.B. das Management die eigenen Aktien kauft oder eher ver­kauft. Letztlich gilt es, Chancen und Risiken detailliert ab­wägen zu können. Bei einem Fonds sollte man die Arbeit des Managements kennen und realistisch bewerten, bei ei­nem Zertifikat über die ein­‑ ge­bau­ten Mechanismen informiert sein. Die Verständnisfrage gilt auch für alle anderen Anlageprodukte. Wer z.B. einen geschlossenen Immobilienfonds erwirbt, sollte sich genau über seine Rechte und Pflichten informieren, die Bedeutung aufgenommener Darlehen verstehen und die steuerlichen Prognosen so unter die Lupe nehmen, dass die konkreten Auswirkungen auf die eigene Steuersituation abgeschätzt werden können.

Regel 6: Konzentration

Schnelles Kaufen und Ver­kaufen lenkt letztlich nur ab, auch die Spesen zehren am Erfolg der Anlage. Wenige Transaktionen pro Jahr genügen nach Buffetts Auffassung jedoch durchaus, um eine erfolgreiche Anlagepolitik zu betreiben.

Daneben sollte auch der Preis eine Rolle spielen. Als Anhaltspunkt nennt Warren Buffett hierfür den Buchwert, der mittlerweile auf vielen Internetseiten sowie in Wirtschaftsmagazinen veröffentlicht wird. Es ist zwar lediglich eine Momentaufnahme, auch würde der Buchwert im Falle einer Liquidation kaum zu erzielen sein. Andererseits liefert er jedoch Anhaltspunkte dafür, ob ein Unternehmen an der Börse bereits teuer bezahlt wird oder noch vergleichs­weise preiswert ist. Eine Ausnahme machen hier Firmen mit hoher Gewinnmarge, die auch bei einem eher ungünstigen Kurs/Buchwert-Verhältnis in Betracht gezogen werden können.

Zur eigenen Meinung stehen

Über allem steht schließlich die Frage der Disziplin. Viele Anleger machen den Fehler, schon bei kleinsten Unsicherheiten oder einer allgemeinen Börsenschwäche sofort zu verkaufen. Warren Buffett rät jedoch, sich nicht von Ta­‑ ges­schwankun­gen oder gar Pres­se­mel­dun­gen beeinflussen zu lassen. Wurden alle „Hausaufgaben“ gemacht und das Unternehmen bereits aus sämtlichen Blickwinkeln beleuchtet, sollte man die so gefestigte Meinung auch beibehalten. Ähnlich war die Empfehlung von Börsen-Altmeister André Kostolany, die er auf jeder Vortragsveran­staltung gebetsmühlenartig wiederholte: „Ak­tien kaufen, Schlaftabletten nehmen – und nach zehn Jahren wird man eine erfreuliche Überraschung erleben.“

Bei Buffett und Kostolany hat dieses System funktioniert und das Deutsche Aktieninstitut (DAI) beweist mit seinem regelmäßig publizierten „Renditedreieck“, dass es bei Privatanlegern ebenfalls funktioniert: Geht man von einer Anlagedauer von mindestens zehn Jahren aus, haben Investments im Deutschen Aktienindex DAX immer mit ei­‑ nem Plus geschlossen – unabhängig vom Jahr des Beginns oder des Endes der Anlage.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2010; 35(21):13-13