Rentenmarkt 2010/2011

Auf die Gewinne folgt die Ernüchterung


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Anleihen zählen zu den erfolgreichsten Produkten des Anlagejahres 2010: Bedingt durch den Zinsrückgang lag die Rendite etwa deutscher Staatspapiere bei knapp über 10%, mit langlaufenden Unternehmensanleihen konnten sogar mehr als 15% erzielt werden.

Rentenwerte zählen üblicher­weise zu den eher stabilen Produkten einer Geldanlage: Moderate Zinsen und geringe Kursveränderungen lassen den Anleger eine solide Rendite bei geringen Risiken erzielen. 2010 ergab sich jedoch ein anderes Bild: Lag die durchschnittliche Umlaufrendite zum Jahresauftakt noch im Bereich der 3-Prozent-Marke, so wurden im August 2010 mit gerade einmal rund 1,8% historische Tiefststände markiert. Wer sich neu engagieren wollte, musste mit Magerzinsen vorliebnehmen, die durch die Abgeltungssteuer und die Geldentwertungsrate meist komplett aufgezehrt wurden.

Deutlicher Renditeanstieg

Wer aber bereits engagiert war, hatte Grund zur Freude: Die Kurse umlaufender Papiere konnten kräftig zulegen. Die 4%ige Bundesanleihe mit Laufzeit bis 2016 (ISIN: DE0001135309) kostete zu Jahresbeginn 2010 noch rund 106%, acht Monate später wurde sie mit 113% gehandelt. Noch mehr Profit wink­te mit Papieren mit langen Restlaufzeiten: Die 4,25%ige Bundesanleihe mit Laufzeit bis 2039 (ISIN: DE0001135325) kostete vor Jahresfrist gerade einmal 102%. Ende August 2010 bezahlte man an der Börse jedoch bereits 133%, was einem Kursgewinn von 30% entspricht. Allerdings kam es in den vergangenen Monaten zu einer deutlichen Gegenreak­tion: Die Umlaufrendite stieg auf aktuell rund 2,5%, entsprechend gaben die Kurse der ausgegebenen Papiere wieder nach. Das Papier mit fünf Jahren Restlaufzeit kostet heute nur noch 109% und der Lang­läufer wird zu Kursen von rund 114% gehandelt. Ein Teil der erzielten (Buch-)Gewinne ist mithin wieder verloren ge­gangen, wobei sich – bezogen auf das Gesamtjahr 2010 – immer noch deutlich positive Ergebnisse errechnen.

Die Kernfrage gilt nun der weiteren Entwicklung. Selten waren sich die führenden Analysten dabei so uneinig: So gehen zahlreiche Experten davon aus, dass mit dem jüngsten Zinsanstieg lediglich der überdurchschnittlich schnelle Rückgang in den ersten acht Monaten 2010 kompensiert wurde und wir jetzt mit einer eher moderaten Entwicklung rechnen können. Bestätigung erhalten sie vor allem vonseiten der Notenbanken: Solange die Inflationsrate auf niedrigem Niveau verharre, bestehe kein Grund für die An­hebung der Leitzinsen. Im Übrigen würden höhere Zinsen die inzwischen wieder gut laufende Konjunktur gefährden.

Hingegen argumentieren andere Analysten damit, dass eine Umlaufrendite von weniger als 3,0% letztlich so unattraktiv ist, dass sie nicht dauerhaft gehalten werden kann. Gerade wenn die Aktien­märkte gut laufen, könnten vie­le Anleger dem Rentenmarkt den Rücken kehren. Die Folge: Die Kurse geben nach und die Renditen ziehen an.

Inflationsrisiko

Auch die Inflation könnte durchaus wieder aufkeimen: In den vergangenen beiden Jahren haben die Regierungen massiv Geld in die Wirtschaft gepumpt, um einen Kollaps zu verhindern. Eine hohe Geldmenge birgt jedoch entsprechende Inflationsgefahren. Gerade in Verbindung mit der guten konjunkturellen Entwicklung liegt daher ein Anstieg der Geldentwertungs­rate in den kommenden Mo­naten durchaus im Bereich des Möglichen. Jede Geldentwertung hat jedoch auch steigende Zinsen zur Folge.

Ein moderater Anstieg der Geldentwertungsrate dürfte auch den meisten Regierungen durchaus ins Konzept passen, mindert sie doch die Verschuldungsproblematik: Die Schulden werden „weginflationiert“, ohne dass zumindest zunächst hohe Kosten dafür anfallen. Denn schließlich wurden sie vielfach mit lang laufenden, niedrig verzinsten Anleihen refinanziert, deren Risiko allein der Geldanleger zu tragen hat.

Auch die aktuelle Zinsstrukturkurve nährt schließlich Erwartungen höherer Zinsen: In den Jahren 2006 bis 2008 war die Bandbreite zwischen den Renditen für Kurzläufer und für Papiere mit langen Restlaufzeiten sehr gering, zeitweise brachten dreijährige Papiere sogar höhere Renditen als zehnjährige Titel. In den vergangenen beiden Jahren hat sich nun eine erhebli­che Differenz herausgebildet: Für wenige Jahre Restlaufzeit bewilligt der Markt bei Staats­anleihen gerade einmal Renditen von 1,5% bis 1,6%, während 15- bis 30-jährige Titel durchweg bereits wieder mehr als 3,5% abwerfen.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Anleger? Wer bereits engagiert ist, sollte Positionen in den meisten Fällen beibehalten. Zwar ist im Fall eines Zinsanstiegs mit Kursverlusten zu rechnen, jedoch werden damit zumindest zunächst lediglich die 2010er-Kursgewinne aufgezehrt. Ein Verkauf sollte nur dann in Betracht gezogen werden, wenn das Geld ohnehin in absehbarer Zeit benötigt wird, schließlich lassen sich so ggf. Kursgewinne realisieren. Auch unter steuerlichen Gesichtspunkten kann der Verkauf von Papieren interessant sein, die vor Einführung der Ab­geltungssteuer erworben wur­den und jetzt deutlich im Plus liegen: Die Kursgewinne können – sofern es sich um kei­ne Finanzinnovation gehan­delt hat – steuerfrei realisiert werden, während das Finanzamt an den zu erwartenden Kursverlusten neu erworbener Papiere beteiligt wird.

Beim Neueinstieg sollte die erwartete Anlagedauer die entscheidende Rolle spielen: Wird das Geld bereits in ein bis zwei Jahren wieder benötigt, sind Bankanlagen wie etwa Festgelder oftmals rentabler als Anleihen. Ist eine Kapitalanlage über eine Laufzeit zwischen drei und sieben Jahren geplant, sollte man entsprechend lang laufende Papiere wählen. Die heutige Rendite ist war vergleichsweise gering, dafür jedoch für die gesamte Laufzeit garantiert. Lediglich dann, wenn mit einem schnellen Zinsanstieg gerechnet wird, kann es sinnvoll sein, das Geld zunächst z.B. ein Jahr zwischenzuparken, etwa als Festgeld.

Streuung und Titelauswahl

Bei grundsätzlich unbefristeter Anlagedauer empfiehlt sich weiterhin eine solide Streuung über verschiedene Laufzeitbereiche. Der Schwerpunkt sollte dabei im mittleren Segment liegen, also bei Laufzeiten zwischen fünf und sieben Jahren. Hingegen sollten Langläufer nur in sehr geringem Umfang dem Depot beigemischt werden.

Mindestens ebenso wichtig ist eine intelligente Titelauswahl. Staatsanleihen, insbesondere deutsche Papiere, gelten nach wie vor als absolut sicher und werfen daher auch nur eine geringe Rendite ab. Höhere Zinsen lassen sich indes mit Staatsanleihen an­derer EU-Länder erwirt­schaften. Sofern die Europäische Union dabei bleibt, Mitgliedstaaten im Zweifelsfall unter einen Rettungsschirm zu stellen, drohen mit Papieren etwa aus Griechenland oder Irland ebenfalls keine Ausfallgefahren. Die Renditen liegen hier oftmals im Be­reich von mehr als 10%. Der Risikoaufschlag ist mithin nichts anderes als eine „Zitterprämie“: Sollte die EU gezwungen sein, ein Land doch in die „geregelte Insolvenz“ gleiten zu lassen, kann das Geld oder Teile davon möglicherweise verloren sein.

Alternativ dazu bieten sich Unternehmensanleihen an. Zumindest bei den großen europäischen Konzernen besteht ein geringes Ausfallrisiko, dennoch liegen die Ren­diten deutlich höher als bei Staatspapieren. Zur Depotbeimischung in geringen Volumina kommen schließlich auch Papiere weniger bekannter Firmen in Betracht, die oft mehr als 5% Jahresertrag erwarten lassen. Nicht zu vernachlässigen sind schließlich Fremdwährungstitel: Die Kursschwankungen des Euro haben gezeigt, dass etwa mit dem US-Dollar Geld verdient werden kann. Und daran dürfte sich auch im Jahr 2011 nichts ändern.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(02):14-14