Prof. Dr. Reinhard Herzog
Deutsche Staatsanleihen sind derzeit wenig rentabel: Gerade einmal rund 2,4% lassen sich mit fünfjährigen Papieren erzielen, selbst bei zehnjähriger Laufzeit winken selten mehr als 3,1%. Der Grund: Deutsche Bundesanleihen gelten in der internationalen Finanzwelt als absolut sicher. Dies trifft grundsätzlich auch auf Anleihen der anderen EU-Mitgliedstaaten zu: Solange die Europäische Union im Fall einer finanziellen Schieflage mit ihrem „Rettungsschirm“ bereitsteht, müssen sich Anleger eigentlich keine Sorgen um ihr Erspartes machen.
Wie tragfähig dieses Konzept jedoch ist, steht auf einem anderen Blatt: Wenn schon der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble in einer Pressekonferenz öffentlich den Fortbestand des Euro bedroht sieht, müssen sich auch Sparer Gedanken darüber machen, in welche Staatspapiere sie noch unbedenklich investieren können. Dies spiegelt sich auch in den Renditen der einzelnen Titel wider. Während etwa die noch als vergleichsweise sicher geltenden Staatsanleihen aus Belgien derzeit rund 3,7% Rendite bringen, lassen sich Griechenland- und Irland-Papiere nur noch verkaufen, wenn mindestens 13% bzw. 8,5% Ertrag locken.Gerade für private Investoren ist es jedoch nicht leicht, die Bonität eines Anleiheemittenten richtig einzuschätzen. Sowohl bei Staatspapieren als auch bei Bankschuldverschreibungen und Unternehmensanleihen finden sich neben grundsoliden Titeln auch solche eher zweifelhafter Bonität. Verschärft hat sich diese Problematik mit der Globalisierung: Selbst manches eigentlich „gesunde“ Unternehmen gerät ins Straucheln, wenn z.B. amerikanische Hedgefonds im Stillen hohe Beteiligungen aufbauen und der Firma dann – nachdem sie die Macht erlangt haben – erhebliche Kapitalbeträge entziehen. Die „Heuschrecken“ stellen in diesem Fall eine durchaus ernst zu nehmende Gefahr für private Anleger dar.
Sicherheit einschätzen
Zur Einschätzung der Sicherheit haben sich jedoch zwei Varianten bewährt: die Rendite und das Rating. So liegt die Rendite – also der Gesamtertrag einer Anleihe unter Berücksichtigung des Zinssatzes, des Kauf- und Rückzahlungskurses und eventueller Kursveränderungen – bei Papieren mit ähnlich guter Bonität und derselben Laufzeit auf nahezu gleichem Niveau. Es spielt z.B. keine Rolle, ob ein Anleger eine fünfjährige Bundesanleihe aus Deutschland oder aus Österreich wählt: Die Rendite ist fast identisch.
Auch bei Unternehmensanleihen bringen Papiere der großen deutschen Konzerne, die über jeden bonitätsmäßigen Zweifel erhaben sind, annähernd dieselben Renditen. Größer wird die Spannweite indes bei Papieren kleinerer Firmen und auch mancher ausländischer Staaten, etwa Russland oder Mexiko: Hier werden oft beträchtliche Aufschläge bezahlt. Der „Spread“, wie Experten dieses Renditeplus bezeichnen, kann zwischen 0,5 und über 5%-Punkte betragen. Grundregel dabei: je höher der Zins, umso größer das Risiko.
Das Rating wird von darauf spezialisierten Agenturen erstellt und meist in Form von Buchstabenkürzeln wiedergegeben. Am bekanntesten sind Standard & Poor‘s, Moody‘s oder Fitch. Zu unterscheiden sind zwei Arten des Ratings:
- Beim Emittentenrating wird die Bonität eines Staates, einer regionalen Gebietskörperschaft oder eines Unternehmens bewertet. Es handelt sich also um eine globale Bewertung aller Schuldverschreibungen und Verbindlichkeiten des „gerateten“ Emittenten. Für kurzfristige Verbindlichkeiten werden oftmals eigene Kürzel vergeben.
- Beim Emissionsrating werden die einzelnen Titel unter die Lupe genommen. So kann es, wenn auch selten, vorkommen, dass ein Papier mit kurzer Laufzeit eine schlechtere Bewertung als ein Langläufer aufweist, weil die Ratingagentur mit einer nachhaltigen Verbesserung der Ertragslage des Unternehmens rechnet.
Die Kennziffern basieren dabei in erster Linie auf fundamentalen Daten. Bei Staaten bzw. Staatsanleihen sind dies u.a. das Bruttoinlandsprodukt, das Steueraufkommen, die wirtschaftliche Bedeutung und nicht zuletzt die politische Stabilität. Bei Unternehmenspapieren werden die Bilanzkennziffern ausgewertet und die Zukunftsperspektiven unter die Lupe genommen.
Die Ratingkennziffern ermöglichen dem Anleger eine schnelle Unterscheidung zwischen zahlungskräftigen Emittenten und „faulen Schuldnern“. So bedeutet die Bewertung mit der Höchstnote „AAA“ – die z.B. die Bundesrepublik Deutschland erreicht hat – ein Ausfallrisiko von unter einem Prozent. Die Bewertung „A“ ist immer noch eine sehr gute Einstufung, jedoch liegt das Ausfallrisiko hier bereits bei knapp 3%. In der B-Kategorie steigt das Ausfallrisiko von 4% bis auf 28% und in der C-Kategorie müssen Anleger damit rechnen, dass 40% der ausstehenden Schulden nicht beglichen werden.
Allerdings sollten auch die Ratingangaben nicht unkritisch gesehen werden: Zum einen gibt es heutzutage viele Fälle, in denen ein einst gesundes Unternehmen durch wirtschaftliche Fehlentscheidungen ins Trudeln gerät. Zum anderen spielten zumindest in der Vergangenheit manchmal finanzielle Interessen eine Rolle. Denn schließlich zahlen z.B. Unternehmen für ein Emissionsrating hohe Beträge und erwarten daher eine gute Bewertung. Allerdings sind die Agenturen inzwischen immerhin bemüht, solche Konflikte zu vermeiden.
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Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(06):15-15