Börsencrash

Die richtige Strategie in einer Krise


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Der März 2011 wird Börsianern noch lange in Erinnerung bleiben: Das Erdbeben in Japan und dessen Folgen sorgten für massive Verluste an den Aktienmärkten. Ein Börsencrash ist jedoch keineswegs selten. Rechtzeitig vorbereitet können Anleger ihre Ersparnisse sichern.

Diesmal waren es die Natur­gewalten, die weltweit die Aktienmärkte auf Talfahrt schickten. Doch ein Börsencrash kann von vielen Ereignissen ausgelöst werden: Unerwartet negative Wirtschaftsmeldun­gen, Terroranschläge, der Ausbruch eines Krieges oder allein schon die Ankündigung einer Regierung, die Kapitalmärkte strenger regulieren zu wollen, können zu massiven Rückschlägen führen. 1987 genügte sogar bereits die Bekanntgabe der schweren Erkrankung eines populären Sportlers in Verbindung mit Meldungen über neue Steuerpläne, um einen bereits überhitzten Markt zum Kippen zu bringen.

Breite Streuung

Für Anleger stellt sich damit zwangsläufig die Frage, wie sie ihr Vermögen, speziell aber ihre Aktien- und Fondsbestände, in einem solchen Szenario schützen können. Möglichkeiten dazu gibt es bereits im Vorfeld mit der Streuung der Kapitalanlage: Ein „gesundes“ Portefeuille besteht sowohl aus Anlei- hen wie auch Aktien und Investmentfonds, ergänzend können – je nach Erfahrung – andere Produkte wie etwa Optionsscheine ausgewählt werden.

Innerhalb der einzelnen Sparten sollten gewisse Schwerpunkte auf rentable und chancenreiche Produkte gelegt werden. Bei Rentenwerten sind dies derzeit Anleihen im Bereich zwischen zwei und sechs Jahren, die akzeptable Renditen bei überschaubaren Laufzeiten bieten. Im Aktienbereich sollte man sich schwerpunktmäßig in den Segmenten Deutschland, Eu­ropa, Amerika und Asien engagieren, wobei auch innerhalb dieser Segmente Aufteilungen z.B. nach risikoarmen Standardwerten und chancenreicheren Nebenwer­ten vorgenommen werden können. Der Fondsbereich hat vorrangig ergänzend zu fungieren, also z.B. Segmente abzudecken, die mit Direktanlagen schwer zu erreichen sind. Vergleichbares gilt bei An­lagen in Zertifikaten und anderen Finanzderivaten.

Wichtig ist es in jedem Fall, „Klumpenrisiken“ zu ver­mei­den, also z.B. keine Aktienfonds mit Schwerpunkt deutsche Standardwerte zu kaufen, wenn sich das Depot ohnehin an der AWA -Dividendenstrategie mit Schwerpunkt bei dividendenstarken deut­schen DAX-Titeln orientiert.

Ein weiterer Schritt ist das Setzen von Stop-Loss-Marken: Nimmt man sich z.B. vor, Aktien im Falle eines Kursverlustes von 15% generell und unabhängig von ihren weiteren Chancen zu veräußern, liegt das maximale Depotrisiko bei diesen 15%. Ein solches Limit kann sich jeder Anleger selbst vormerken, er kann es aber auch in einer „Watchlist“ speichern, die von zahlreichen Banken und Sparkassen im Internet angeboten wird. Oftmals erfolgt dann automatisch eine Mitteilung per E-Mail, wenn ein Limit unterschritten wird.

Verluste begrenzen

Wer in Sorge ist, ein solches Limit zu verpassen, kann auch direkt einen Verkaufsauftrag mit diesem Stop-Loss-Limit erteilen, alles andere macht dann die depotführende Bank. Allerdings sind damit teilweise Kosten verbunden, zudem erfordert ein Limit regelmäßige Verlängerungen, sodass es nur bei sehr volatilen Werten oder z.B. urlaubsbedingter Abwesenheit infrage kommen sollte. In jedem Fall wichtig ist auch die regelmäßige Anpassung des Limits nach oben, wenn der Kurs steigt. Denn nur so bietet es einen wirksamen Schutz, sollte ein bereits seit Langem erfolgreicher Wert plötzlich ins Straucheln geraten.

Kommt es jedoch zu einem schwerwiegenden Ereignis wie unlängst in Japan, kann sich schnelles Handeln lohnen. Wer etwa bereits am Freitag, dem 11. März 2011, als erste Meldungen über die Vorgänge in Asien in den Medien publiziert wurden, gehandelt hat, blieb von den nachfolgen-den Verlusten verschont oder konnte sogar Gewinne verbuchen. Auch am Montagmorgen bestand durchaus noch die Gelegenheit zu reagieren. In Betracht kommen in einem solchen Szenario vorrangig zwei Möglichkeiten: Der schnelle Verkauf der Bestände oder die Absicherung mit geeigneten Finanzinstrumenten. Der schnelle Verkauf ist insbesondere bei Anlagen interessant, die ohnehin nur eher kurzzeitig im Depot bleiben sollten. Hier sind die Verkaufsspesen von 0,5% bis 1,0% selbst dann gut investiert, sollte der Markt „nur“ 5% oder 10% nachgeben und sich danach wieder erholen.

Absicherung mit Optionsscheinen

Bei strategisch aufgebauten Beständen, aber auch Fonds­anlagen ist die schnelle Absicherung die sinnvollere Variante. Hierzu bieten die Finanzmärkte eine breite Palette. Auch für Laien leicht verständlich sind z.B. Put-Optionsscheine. Ihr Preis steigt, wenn der Kurs des Basiswerts, also etwa des DAX, zurückgeht. Ein Beispiel macht dies deutlicher: Ein Anleger mit einem DAX-orientierten Depot von 50.000 € befürchtet einen Kursrückgang um z.B. 10%. Er muss also ein Risiko von 5.000 € absichern. Hierzu wählt er aus den umfangrei­chen Internetangebotslisten seiner Bank einen Put-Optionsschein auf den DAX mit einem Basiswert etwas unter dem aktuellen DAX-Stand und einer Restlaufzeit von mindestens drei bis sechs Monaten. Entscheidet man sich dabei für einen Emittenten, der als Ko­operationspartner der eigenen Hausbank fungiert, ist dies oftmals kostengünstiger.

Einfache Rechnung

Im nächsten Schritt wird der in den meisten Internetan­geboten integrierte Optionsscheinrechner aufgerufen. Hier gibt man den erwarteten Kursrückgang ein, z.B. beim DAX von 6.500 Punkten um 10% auf 5.850 Punkte, und der Rechner zeigt an, wieviel der Optionsschein – zumindest rechnerisch – teurer wird. Nun teilt man lediglich den abzu­sichernden Betrag – hier also 5.000 € – durch den errechneten Kursgewinn und schon erhält man die Anzahl der Optionsscheine, die man für dieses „Sicherheitspaket“ kaufen muss. Verliert nun das Depot erwartungsgemäß 10%, legt der Optionsscheinbestand nahezu exakt diesen Wert zu. Ist der Crash vorbei, sollte die Absicherung allerdings auch rechtzeitig aufgelöst werden, denn sonst wird die Geldanlage zum Nullsummenspiel.

Ähnliche Berechnungen sind auch über den von Finanzdienstleistern ausgewiesenen Hebel möglich, jedoch kommt es in Phasen eines Börsencrashs oftmals zu zeitlichen Verzögerungen und damit zu falschen Ergebnissen. Neben Optionsscheinen eignen sich im Übrigen auch zahlreiche weitere Instrumente für eine solche Taktik, etwa Optionen oder Futures-Kontrakte.

Konnte man allerdings nicht schnell reagieren und hat die Börse bereits kräftig nachgegeben, gilt es abzuwägen: Ist davon auszugehen, dass sich der Crash fortsetzt, kommt möglicherweise immer noch der Verkauf oder die Absicherung in Betracht. Oft sinnvoller ist dann jedoch ein „kühler Kopf“, also das Beibehalten der Engagements. Denn ein Phänomen lässt sich nach einem scharfen Rückschlag innerhalb weniger Tage immer wieder beobachten: Die Kurse erholen sich meist vergleichsweise zügig und erreichen nach drei bis sechs Monaten wieder das Ausgangs­niveau – vorausgesetzt, man hat die Ursache des Börsencrashs in den Griff bekommen.

Allerdings sollten eventuelle Absicherungen generell nicht zu früh aufgegeben werden. Sind die Kurse z.B. am ersten Tag um 5% und am zweiten Tag um 10% eingebrochen, kommt es am dritten Tag möglicherweise zu einer entgegengesetzten Entwicklung. Ein solcher als „technische Reaktion“ bezeichneter Aufschwung darf jedoch erst dann als Signal einer Trendwende angesehen werden, wenn er sich über mehrere Tage erstreckt und die Gründe für den Rückschlag nur noch geringe Bedeutung haben.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(07):12-12