Arzneimittelsicherheit

Drei Fragen an Prof. Dr. Harald Schweim


Claudia Mittmeyer

Prof. Dr. Harald Schweim ist Leiter des Instituts für Drug Regulatory Affairs an der Universität Bonn.

? Wie beurteilen Sie die kürzlich vom Europäischen Parlament angenommenen Richtlinien zur Bekämpfung von Arzneimittelfälschungen?

Nachdem ich anfangs sehr enttäuscht war – die ersten Entwürfe und Ausarbeitungen sahen so aus, als ob der wichtigste problematische Bereich zum Thema „Fälschungen“, das Internet, völlig ausgeklammert würde –, hat sich die verabschiedete Fassung des Parlaments doch etwas verbessert. Der Schwerpunkt liegt immer noch darauf, „sichere Vertriebswege“ (Hersteller – Großhandel – Apotheke) noch sicherer zu machen. Dieser Weg ist – geschätzt – mit ca. 1% in Deutschland betroffen. Durch die Beschlüsse werden neue Sicherheitsmerkmale, vermutlich Barcode und Siegel, auf den Verpackungen angebracht und die Dokumentation und Überwachung der Vertriebswege verbessert. Erfreulich ist, dass nun auch das Problem der Fälschungen angegangen wird, die illegal über das Internet angeboten werden, denn 95% bis 99% der Fälschungen werden im illegalen Internethandel vertrieben.

Allerdings sind die Maßnahmen völlig untauglich: Arzneimittel dürfen künftig nur noch über genehmigte Internetapotheken bestellt werden (das war in Deutschland bisher schon so und dämmt den illegalen Handel nicht ein), die ein bestimmtes einheitliches Logo tragen und mit einer zentralen europäischen Webseite verlinkt sind. Dafür ist das sogenannte DIMDI-LOGO in Deutschland ein Modell, dessen Sinnhaftigkeit nach unseren neuesten Untersuchungen äußerst zweifelhaft ist. Sehr positiv sehe ich dagegen die Einführung eines europaweiten Frühwarnsystems bei Entdeckung einer Arzneimittelfälschung.

? Welche Wünsche haben Sie speziell unter dem Blickwinkel der Arzneimittelsicherheit an die Bundesregierung?

Ich würde mir mehr Unterstützung für Aufklärungskampagnen wünschen, wie sie auch die DPhG fordert. Zitat: „Leider sind sich die Verbraucher viel zu selten der Risiken bewusst, die sie beim Kauf von Arzneimitteln über das Internet eingehen. Das muss sich ändern, denn nur informierte und sensibilisierte Verbraucher werden dubiose Internetangebote meiden und sich vor gefälschten Arzneimitteln schützen können.“

Darüber hinaus sollte die Bundesregierung z.B. mit der US-Administration sprechen und klarmachen, dass die USA ihre zugelassenen Internet­apotheken besser überwachen müssen, damit diese nicht verschreibungspflichtige Medikamente oder gar nach deutschem Recht BTM ohne Verschreibung weltweit versenden. Und auch die Forderung, den Versandhandel z.B. durch Verbot des Rx-Versands wieder einzuschränken, besteht weiter.

? Auf welchem Weg kann die öffentliche Apotheke ihre Zukunft Ihrer Meinung nach langfristig sichern?

In Anlehnung an „lupus est homo homini“ muss die Apothekerschaft sich von denen befreien, die sich mit Prämien, Rabatten und anderen zwei­felhaften Aktionen bemühen, das Berufsbild des Apothekers vom fachkompetenten Arzneimittelfachmann zum „bil­ligen Jakob“ zu wandeln. Fachkompetenz, Seriosität, damit hatten die Apotheker ihr großes Ansehen in der Bevölkerung begründet. Dies zu halten ist in Zeiten, da ein liberaler Minister die Folterins­trumente auspackt, Stichwort der AMNOG-Wahnsinn, an die sich nicht einmal Ulla Schmidt traute, sicher schwer. Schafft man es nicht, wird es das Ende der inhabergeführten Apotheke sein. Der Sündenfall, den viele Apotheker angenommen haben, waren die Filialapo­theken (rund 3.400 bei rund 18.000 Vollapotheken im September 2010), am Ende könnten Ketten und amerikanische Drugstore-Verhältnisse stehen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(07):3-3