Wertpapierhandel

Längere Börsenzeiten eröffnen Spielräume


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Als am 14. März 2011 in Japan die Aktienkurse um mehr als 10% abstürzten, herrschte auch bei deutschen Anlegern nervöse Spannung: Jeder wollte möglichst frühzeitig seine Dispositionen treffen. Der neue Morgenhandel erleichtert Transaktionen.

Bis in die 1980er-Jahre waren die Zeiten des Börsenhandels eng begrenzt: Von 11.30 bis 13.30 Uhr wurde z.B. am Frankfurter Parkett gehandelt, der damals wichtigsten Börse in Deutschland. Viele Trans­aktionen wurden sogar ausschließlich am Kassamarkt abgewickelt, an dem oft nur einmal täglich eine Kursfeststellung erfolgte. Mit dem Einzug der Elektronik hat sich dies geändert. Einerseits wurde der variable Handel so stark ausgeweitet, dass heute bereits – zumindest theoretisch – eine einzige Aktie gekauft oder verkauft werden kann und Anleihen sogar ab 0,01 € Mindeststückelung verfügbar sind. Andererseits wurden auch die Handelszei­ten kräftig erweitert. Heute können Anleger ihre Order im elektronischen Handelssystem Xetra (= Exchange Elec­tronic Trading) zwischen 9.00 und 17.30 Uhr platzieren, an den regionalen Börsen werden Anleihen mindestens zwischen 9.00 und 17.30 Uhr und Aktien zwischen 9.00 und 20.00 Uhr gehandelt.

Für Frühaufsteher...

Der harte Wettbewerb hat jetzt zu einer nochmaligen Er­weiterung geführt: Seit dem 21. Februar 2011 startet München den Handel sowohl von Aktien als auch von Anleihen bereits um 8.00 Uhr, seit dem 28. März 2011 sind Hamburg und Hannover dabei und seit dem 1. April auch Stuttgart, einer der wichtigsten Börsenplätze für private Anleger. Damit kann besonders zeit-nah auf den Börsenschluss in Asien (z.B. Tokio um 7.00 Uhr deutscher Zeit bzw. Shanghai um 8.00 Uhr deutscher Zeit) reagiert werden.

...und Nachteulen

Für den Abendhandel bis 22.00 Uhr bietet sich die Tradegate Exchange an, eine Beteiligungsgesellschaft der Deut­schen Börse AG mit Sitz in Berlin, die inzwischen von den meisten Kreditinstituten unterstützt wird. Schließlich verfügen immer mehr Banken und Sparkassen über eine Schnittstelle zu einem außerbörs­li­chen Anbieter, etwa der Lang & Schwarz Gruppe. Hier ist nicht nur börsentäglich ein Handel zwischen 8.00 und 23.00 Uhr möglich, sondern oft auch samstags von 10.00 bis 13.00 Uhr und sonntags von 17.00 bis 19.00 Uhr.

Gerade die schnelle Reaktionsmöglichkeit kann durchaus interessant sein, wenn z.B. ein Börsenkrach droht. Anleger, die bereits am Morgen des 14. März 2011, dem ersten Handelstag nach dem Erd­beben in Tokio, Verkaufsaufträge erteilten, konnten ihre Papiere bereits kurz nach 8.00 Uhr zu noch guten Preisen verkaufen. Aber auch zu einer ersten Orientierung können die Kursentwicklungen im Morgenhandel genutzt werden, die im Übri­gen auch in entsprechenden Indizes ihren Niederschlag finden.

Warten auf die Profis

Das Problem jedoch: Professionelle Börsianer sind um 8.00 Uhr nur selten aktiv, vielmehr warten sie erst den Handelsstart von Xetra ab. Entsprechend vage sind die Kurse: Rechnet man mit fallenden Notierungen, liegen die Morgenkurse oft deutlich unter der ersten Notiz in Xetra, bei einer erwarteten Hausse werden häufig überhöhte Preise verlangt. Im besonderen Maße gilt dies im Wochenendhandel etwa von Lang & Schwarz, bei dem selbst bei DAX-Werten Handelsspannen von mehreren Prozent durchaus üblich sind. Besteht also keine Dringlichkeit, ist Ab­warten oft die bessere Lösung: Ab 9.00 Uhr orientieren sich auch die Kurse an den Präsenzbörsen am dominieren­den Xetra-System, sodass Zufallsabweichungen weitgehend ausgeschlossen sind.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(07):14-14