Schuldenkrise

Staatsanleihen verlieren ihre Unfehlbarkeit


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Sie gelten als Inbegriff der Sicherheit: Staatsanleihen, ausgegeben etwa von Deutschland, Frankreich, Japan oder auch den USA. Doch die Schuldenkrise nährt zunehmend Zweifel, ob die staatlichen Papiere auch in 10, 20 oder mehr Jahren noch bedient werden können.

Die positive Aussage vorweg: Über die internationale Staatsverschuldung wurde auch vor 10, 20 oder 30 Jahren diskutiert, stets wurde sie als überaus bedrohlich empfunden. Geschehen ist jedoch nicht viel. Sieht man von einigen eher „exotischen“ Anlageländern wie etwa Argentinien ab, wurden bisher fast alle Staatsanleihen problemlos verzinst und getilgt. Die Schulden der Staaten sind allerdings weiter gewachsen, ohne dass dies nennenswerte Auswirkungen für Geldanleger hatte.Gerade jetzt stimmen die Zahlen jedoch durchaus bedenklich. So wird die Schuldenuhr vom Bund der Steuerzahler schon in Kürze die 2-Billionen-Euro-Marke überschreiten; jeder Bundesbürger ist dann mit 24.479€ verschuldet. Pro Sekunde erhöht sich der Schuldenstand um 2.279€. 1981 lag die Verschuldung bei gerade einmal 0,28 Bio.€, 1991 bei 0,60 Bio.€ und vor zehn Jahren bei 1,22 Bio.€. Und selbst wenn das Bundesfinanzministerium jetzt von einem unerwartet hohen Steuersegen schwärmt, scheint eines sicher: Die Schulden werden weiter steigen.Europaweit sieht es keineswegs wesentlich besser aus. Es gibt zwar Länder mit vergleichsweise niedrigem Schuldenstand pro Einwohner, z.B. die Slowakei (rund 5.000€/Einwohner) oder Spanien (rund 13.000€/Einwohner). Italiens Schuldenstand liegt aber auf ähnlichem Niveau wie in Deutschland, sodass die Bürger pro Kopf knapp über 30.000€ staatliche Verbindlichkeiten haben. Hingegen bringen es die Griechen – zumindest laut offi­zieller Statistik – nur auf rund 300 Mrd.€ Schulden oder rund 26.000€ pro Einwohner.

Schuldenland USA

Noch wesentlich dramatischer ist die Lage in den USA: Mit 14,3 Bio. US-$ (= rund 32.554€ je Einwohner) wurde hier die gesetzlich vorgeschriebene Schuldenobergrenze vor wenigen Wochen erreicht und US-Finanzminister Timothy Geithner warnte bereits davor, dass die USA ihre Rechnungen nur noch bis zum 2. August 2011 pünktlich bezahlen können werden. Und das ist nur die eine Seite: Rechnet man die Verschuldung der amerika­nischen Staaten und anderer öffentlicher Haushalte hinzu, kommt man auf ein Minus von über 140 Bio. US-$. Das nominale Bruttoinlandsprodukt – also die Summe aller im Land erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen – liegt indes nur bei 14,8 Bio. US-$. Und was noch schlimmer ist: In den USA sind kaum Einsparungsanstrengungen erkennbar, vielmehr wird im In­teresse der konjunkturellen Entwicklung weiter investiert.

Aus diesen Zahlen lässt sich ein bedeutender Rückschluss ziehen: Staatsanleihen sind längst nicht mehr erste Wahl, selbst wenn sie sich bei Anlegern (noch) größter Beliebtheit erfreuen. Zu echten Zahlungsschwierigkeiten dürfte es zwar – sieht man von Ländern wie Griechenland ab – in den nächsten Jahren kaum kommen, das Vertrauen dürfte jedoch schwinden und die Kurse damit nachgeben.

Anlage­entscheidung: Schuldenlage einbeziehen

Für Anleger bedeutet dies: Vor allem bei Neuengagements sollte die Schuldenlage berücksichtigt werden. Oft sind die Papiere renommierter deutscher Konzerne wesentlich risikoärmer als etwa eine europäische Staatsanleihe. Hinsichtlich der regionalen Streuung führt zwar letztlich am US-Dollar kein Weg vorbei, ist er doch nach wie vor die Weltwährung Nummer eins. In zunehmendem Maße sollten aber auch an­dere Währungen berücksichtigt werden, etwa die schwedische oder die nor­wegische Krone oder der australische oder der neusee­ländische Dollar. Sogar die noch unabhängigen osteuro­päischen Devisen sind – zumindest unter Schuldengesichtspunkten – solider aufgestellt als etwa der Euro.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(15):14-14