Prof. Dr. Reinhard Herzog
Private Anleger oft wenig konsequent
Insbesondere private Anleger sind jedoch wenig konsequent. Einmal wird nach der Dividendenrendite entschieden, ein anderes Mal nach dem Chart oder dem Buchwert, manchmal auch nach Empfehlungen in den Medien. Das Ergebnis ist ein weitgehend willkürlich zusammengewürfelter Haufen von Aktien, der vielfach allenfalls eine magere Rendite bringt.
Oft werden die Risiken sogar noch gesteigert, indem das Portefeuille mit Investmentfonds angereichert wird: Liegt z.B. der Schwerpunkt eines Aktienportefeuilles bei deutschen DAX-Titeln, bringt ein Aktienfonds mit Anlageschwerpunkt Deutschland keine zusätzlichen Vorteile. Im Gegenteil: Der Anleger ist allein vom deutschen Markt und seinen manchmal heftigen Schwankungen abhängig. Wichtig ist daher, sich auf möglichst eine Auswahlstrategie festzulegen, aber andere Informationen nicht zu vernachlässigen.
Breite Streuung
Gerade bei der Aktienanlage ist heute eine breite Streuung überaus sinnvoll. Dies beginnt bei der regionalen Aufteilung. Ein deutscher Anleger wird zwar zwangsläufig besonders stark am deutschen Markt investiert sein, kennt er doch schließlich die einheimischen Unternehmen besonders gut. Ein weiterer Schwerpunkt sollte jedoch bei Papieren aus den anderen europäischen Ländern gelegt werden. Das dritte Segment sollte sich auf den amerikanischen Markt konzentrieren, wobei hier auch gleich noch mögliche Chancen des US-Dollars gegenüber dem Euro „eingekauft“ werden. Vierter Schwerpunkt sind schließlich die boomenden „neuen“ Märkte, insbesondere die asiatischen Staaten. Eine sinnvolle Streuung kann beispielsweise 30% bis 50% deutsche Aktien umfassen, 10% bis 30% europäische Werte, 20% bis 40% US-Titel und der Rest wird in Asien investiert.
Wurde diese grobe Aufteilung skizziert, erfolgt die gezielte Titelauswahl. Bei deutschen und europäischen Papieren kann durchaus eine Dividendenstrategie interessant sein, also der Kauf von besonders dividendenstarken Aktien. Darauf aufbauend sollte ein Blick auf die weiteren fundamentalen Kennzahlen geworfen werden, der schließlich durch die Chartanalyse abgerundet wird. Wichtig ist also eine detaillierte Analyse der bedeutendsten Kennzahlen. Erscheint ein Papier interessant, wird es gekauft. Sprechen die ermittelten Zahlen indes gegen ein Engagement, sollte auch nicht investiert werden.
Gesunder Menschenverstand
Bewährt hat sich schließlich auch die Aktienvorauswahl nach „gesundem Menschenverstand“. Wer sich täglich über die schlechte Qualität seines Autos ärgert, sollte die Aktien dieses Herstellers meiden. Wer jedoch z.B. als Apotheker feststellt, dass ein Pharmakonzern besonders innovative Produkte auf den Markt bringt, die sich bei den Patienten bewähren, sollte auch einmal einen Blick auf die Aktie dieses Unternehmens werfen.
Wie erfolgreich eine solche Strategie sein kann, hat die finnische Nokia-Aktie in den 1990er-Jahren bewiesen. 1992 war der Konzern, dessen Produktpalette damals von Fernsehgeräten bis zu Gummistiefeln und Reifen reichte, nahezu pleite. Dann begann der Mobilfunkboom und die Finnen wurden dank innovativer Techniken schnell zum Weltmarktführer. Ein Nokia-Handy wurde zum selbstverständlichen Gebrauchsgegenstand. Die Folge: Die Aktie kletterte von – bereinigt – 0,10€ im Jahr 1992 auf über 65€ im Jahr 2000. Wer also rechtzeitig dabei war, konnte aus einem Kapitaleinsatz von – umgerechnet – 10.000€ ein Vermögen von 6,5 Mio.€ machen. Und auch danach war der „gesunde Menschenverstand“ ein guter Ratgeber bei der Titelauswahl: Seit immer mehr Mobiltelefone anderer Hersteller in den Taschen von Managern und Jugendlichen zu finden sind, ist die Zeit des Wachstums des finnischen Konzerns erst einmal vorbei. Heute kostet das Nokia-Papier nur noch rund 4,30€ und ein Ende der Talfahrt ist weiterhin nicht in Sicht.
Chart als Hilfsmittel
Während die Kennzahlen-Analyse bei deutschen und europäischen Werten recht gut funktioniert, ist es bei amerikanischen Papieren schwieriger, an aussagekräftiges und – vor allem - vergleichbares Zahlenmaterial zu kommen. Hier sollten die Schwerpunkte daher auf bekannte Unternehmen gelegt werden, etwa Papiere aus dem Dow- Jones-Index. Durchaus sinnvoll ist es zudem, den Chart unter die Lupe zu nehmen, der gerade bei US-Titeln oft mehr aussagt als manche Kennzahl. Vorsicht ist bei „heißen Tipps“ geboten, die z.B. in Fernsehsendungen vorgestellt werden. Häufig handelt es sich um kleinere Unternehmen, sodass sich die Qualität der Empfehlung kaum überprüfen lässt.
Noch schwieriger wird die Einzeltitelauswahl an den asiatischen Märkten. Denn hier sind oftmals keine Kennzahlen verfügbar, auch die Analysen basieren häufig auf sehr einseitigen Meldungen. Entsprechend sollten Anleger vorrangig auf Finanzprodukte wie Exchange Traded Funds (ETFs) setzen, deren Wertentwicklung sich an einem bedeutenden Index der Region orientiert. Alternativ bieten sich auch klassische Investmentfonds an, jedoch sollte hier die bisherige Wertentwicklung mit der Performance des jeweiligen Marktindex verglichen werden. Denn gerade manche Asien-Fonds haben zuletzt nur eine sehr unterdurchschnittliche Wertentwicklung gezeigt und es spricht wenig dafür, dass sie sich plötzlich zum „Highflyer“ entwickeln.
So vielversprechend eine solche globale Anlagestrategie auch ist, so sollte sich der Sparer einer Tatsache bewusst sein: In einer Baisse kann sich selbst der beste Wert nicht gegen den Trend behaupten, während in einer Hausse auch mancher Titel „mitgezogen“ wird, der fundamental betrachtet wenig chancenreich erscheint. Der Aktienkauf sollte daher nicht dann erfolgen, wenn gerade Geld auf dem Konto zur Verfügung steht. Stattdessen ist stets der Gesamtmarkttrend zu berücksichtigen – selbst wenn das zur Verfügung stehende Kapital dann möglicherweise ein oder zwei Jahre „zwischengeparkt“ werden muss. Vergleichbares gilt mit umgekehrten Vorzeichen: Wird ein Titel uninteressant, sollte er verkauft werden – ungeachtet der Frage der Wiederanlage.
Sicherheit beachten
Besonders wichtig ist schließlich die Frage nach der Sicherheit. Bewährt ist, sich selbst ein Limit vorzugeben, ab dem die Aktie konsequent verkauft wird, z.B. 15% unter dem Einstandspreis. Wird dieses Limit bei steigendem Börsenkurs nach oben mitgezogen, bei fallendem Kurs jedoch eingefroren, liegt das maximale Risiko des Depots bei 15%. Chancen auf Kurssteigerungen gehen dennoch nicht verloren.
Auch für den Fall eines Crashs sollte man sich Szenarien frühzeitig festlegen, denn hier werden die selbst gesteckten Limits schnell unterschritten. Der Ausstieg lohnt meist nur an den ersten Tagen zu Beginn der Krise, wenn noch akzeptable Preise erzielbar sind. Fallen die Kurse aber – wie Mitte März nach dem Japan-Erdbeben – massiv zurück, wird es für Privatanleger in der Regel sinnvoll sein, die Bestände beizubehalten. Hier kommt jedoch eine Absicherung z.B. über Put-Optionen in Betracht: Denn ihre Preise steigen, wenn der Basiswert, z.B. der DAX, fällt, sodass Kursverluste elegant aufgefangen werden können.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(19):12-12