Prof. Dr. Reinhard Herzog
Breite Streuung
Eines der wichtigsten Werbeargumente der Branche ist die breite Streuung: Bei Einzelfonds wird das Kapital der Sparer in eine Vielzahl unterschiedlicher Papiere aus dem gewählten Anlagesegment aufgeteilt. Bei Dachfonds oder fondsgebundenen Vermögensverwaltungen wird zudem nicht nur in einen einzigen Fonds und damit in dessen gezielt zusammengestelltes Anlageportfolio investiert, sondern in zahlreiche andere Fonds mit unterschiedlichen Ausrichtungen.
Doch gerade darin liegt das Hauptproblem: In einer Hausse werden sich immer wieder Einzelprodukte der Anlagepalette ungünstig oder sogar verlustbringend entwickeln, sodass die Gesamtrendite einer solchen „Streuung“ deutlich unter den Ertragszahlen einer Direktanlage liegt. In der Baisse sind jedoch meist alle Bereiche ähnlich stark betroffen, sodass selbst eine breite Streuung die Rendite nicht mehr retten kann.
Im Übrigen – und hierüber sind sich die wenigsten Sparer bewusst – passt eine derart gestreute Titelauswahl selten zum persönlichen Portefeuille, das ohnehin bereits vorhanden ist: Die Kapitalgesellschaften gehen davon aus, dass der Anleger nahezu sein gesamtes verfügbares Kapital z.B. in einen Dachfonds investiert. In der Regel sind bei Anlegern jedoch noch weitere Bausteine vorhanden wie festverzinsliche Wertpapiere, fondsgebundene Versicherungen oder Immobilien.
Mit dem Kauf eines Dachfonds etwa mit Schwerpunkt bei europäischen Rentenwerten entstehen jedoch „Klumpenrisiken“. Der Anleger investiert einerseits direkt in Rentenwerte, andererseits indirekt über die Fondsanlage in dieselben Titel. Kommt es zu einer Baisse bei Anleihen, wird er überdurchschnittliche Verluste erleiden. Besser ist daher eine strikte Trennung, etwa in Form eines Portefeuilles aus direkt gekauften Anleihen mit unterschiedlichen Laufzeiten und Aktienfonds oder ETFs mit Schwerpunkten in den wichtigsten Regionen dieser Erde. Im Übrigen können Anleger damit auch erhebliche Kosten sparen, lassen sich die Fondsgesellschaften ihr „Streuungs-Management“ doch teuer bezahlen.
Cost-average-Effekt
Ein weiterer Irrtum wird nahezu gebetsmühlenartig in jeder Fondsbroschüre wiederholt: Der sogenannte Cost-average-Effekt soll sich positiv auf das Gesamtergebnis einer Fondsanlage auswirken, manchmal wird sogar von Renditesteigerung gesprochen. Beschrieben werden die Vorteile in Form eines Vergleichs aus dem – in der Praxis relativ unüblichen – regelmäßigen Kauf einer bestimmten Stückzahl von Anteilen und der regelmäßigen Einzahlung in ein Anlagekonto, die in Anteile und Anteilsbruchstücke umgerechnet wird. Im Ergebnis schneidet die regelmäßige Anlage eines festen Betrags stets besser ab als der Kauf fester Stückzahlen.
Doch damit sagen Berater nur die halbe Wahrheit. Richtig ist, dass die regelmäßige Anlage einer festgelegten Summe rechnerische Vorteile bringt: Kauft der Anleger stets z.B. fünf Anteile eines Fonds, zahlt er einmal mehr und einmal weniger für sein Engagement. Bei der Anlage fester Beträge bekommt er indes bei hohem Anteilspreis vergleichsweise wenige Anteile für sein Geld, bei niedrigem Anteilspreis werden ihm entsprechend viele Anteile gutgeschrieben. Letztlich ermäßigt sich hierdurch der durchschnittliche Einstandspreis aller Anteile, die Anlage kommt bei steigendem Anteilspreis schneller in die Gewinnzone. Auch muss sich der Anleger nicht mehr um eventuelle Marktveränderungen kümmern oder versuchen, einen möglichst günstigen Einstandszeitpunkt zu finden.
Falsch ist freilich das Argument, dank des Cost-average-Effekts sei eine höhere Rendite zu erzielen als im Fall der Einzelanlage. Denn für sich allein betrachtet errechnet sich die Rendite bei jeder einzelnen Einzahlung stets nur aus der Differenz zwischen Kaufpreis und Rückgabepreis zuzüglich eventueller Ertragsausschüttungen. Keine Rolle spielt es indes, ob der Anleger zum jeweiligen Preis wenige oder viele Anteile erworben hat, die Rendite ist stets dieselbe.
Selten liest man auch, dass der Cost-average-Effekt nur dann funktioniert, wenn die Notierungen zunächst schwanken und sich zum Ende der Sparplandauer nachhaltig erholen: In diesem Fall kauft der Anleger im Durchschnitt günstig ein und erzielt dann einen attraktiven Verkaufserlös. Wenn der Fondspreis jedoch dauerhaft fällt, verzeichnet der Anleger möglicherweise überproportionale Verluste, denn schließlich werden seine einstmals teuer erworbenen Papiere immer weniger wert. Aber auch wenn der Fondspreis kontinuierlich steigt, ist der Sparplan-Anleger schlechter gestellt als z.B. der Einmal-Investor: Er muss immer teurer einkaufen, die letzten Zahlungen vor Fälligkeit bringen kaum noch Ertrag.
Während der Cost-average-Effekt bei Ansparplänen stets als Verkaufsargument dient und von den Beratern in höchsten Tönen gelobt wird, sieht es bei den zunehmend beliebteren Entnahmeplänen ganz anders aus: Sie basieren darauf, dass der Anleger monatlich oder vierteljährlich eine festgelegte Zahlung von seiner Fondsgesellschaft erhält, finanziert aus dem Verkauf der hierfür erforderlichen Anzahl von Anteilen. Wurde der Entnahmeplan also z.B. mit einer monatlichen Summe von 200€ vereinbart und beträgt der Preis eines Fondsanteils aktuell 42€, muss die Fondsgesellschaft 4,762 Anteile verkaufen, um die Auszahlung sicherzustellen.
Hierbei kommt allerdings – das sagt kein Berater offen – der umgekehrte Cost-average-Effekt zum Tragen: Ist der Fondspreis nach einer Hausse gestiegen, genügt der Verkauf einer kleinen Anzahl von Anteilen, um die Entnahmerate sicherzustellen. Im Depot bleiben also vergleichsweise viele Anteile. Geben die Kurse nun aber nach, sinkt auch der Wert dieser Papiere. Erfolgt die Entnahme jedoch in dieser Baisse, muss die Fondsgesellschaft eine große Zahl von Anteilen verkaufen, um den Auszahlungswunsch zu befriedigen. Das Depot enthält also immer weniger Anteile, mit denen der Anleger in die eines Tages folgende Hausse starten kann.
Finanzexperten trösten sich nunmehr zwar damit, dass sich an der tatsächlichen Rendite auch in diesem Fall nichts ändert, denn schließlich errechnet sie sich allein aus der Differenz zwischen Kaufpreis und Rücknahmepreis plus der erfolgten Ausschüttungen. In der Realität wurde jedoch schon mancher Sparer enttäuscht, der den Wert seines Portefeuilles in einer Baisse überproportional schwinden sah.
Zusätzlich investieren in der Baisse
Lösungen gibt es jedoch sowohl in der Anspar- wie in der Entnahmephase. So ist es sinnvoll, während des Sparvorgangs den Cost-average-Effekt zu nutzen. Allerdings sollten Sparer auch die Marktentwicklung beobachten und insbesondere in Baissephasen zusätzlich investieren. Wer z.B. in den Jahren 2002/03 oder 2008/09 Zusatzzahlungen auf sein Ansparkonto geleistet hat, kann sich heute über eine hohe zweistellige Jahresperformance seines Depots freuen. Ähnlich könnte dies auch in einigen Jahren werden, wenn sich die Kurse wieder erholen.
In der Entnahmephase ist es hingegen besser, auf die Auszahlautomatik zu verzichten und stattdessen nach Möglichkeit stets die gleiche Stückzahl an Anteilen zu verkaufen. Damit schwanken zwar die verfügbaren Kapitalbeträge, zugleich wird jedoch eine „Auszehrung“ des Depots vermieden. Im Übrigen spricht nichts dagegen, die Entnahmebeträge zum Ende einer Hausse zu erhöhen und so das Geld einer drohenden Baisse zu entziehen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2011; 36(24):15-15