Prof. Dr. Reinhard Herzog
Trendwende im April
Als jedoch die Finanzkrise Griechenlands für Schlagzeilen sorgte, kam es zu einer Trendwende: Ab Anfang April gingen die Zinsen deutlich zurück und im Spätsommer 2011 unterschritt die Umlaufrendite zeitweise sogar die psychologisch wichtige Marke von 1,5%. Entsprechend gut konnten Anleger verdienen, die festverzinsliche Wertpapiere im Depot hatten. Der Kurs der oben genannten Anleihe mit fünf Jahren Restlaufzeit stieg von unter 115% auf über 123%, die Notierung des Langläufers zog zeitweise auf mehr als 146% an – ein Plus von fast 30%. Maßgeblich für den Zinsrückgang waren zum einen die enormen Kapitalbeträge, die von Ländern wie Deutschland in die Märkte gepumpt wurden, zum anderen aber auch die starke Nachfrage nach „sicheren“ Papieren – unter denen deutsche Anleihen und hier insbesondere deutsche Staatsanleihen zu den Spitzenreitern zählen.
Deutliche Verwerfungen
Während sich Zinssteigerungen und -rückgänge üblicherweise auf alle festverzinslichen Wertpapiere mit gleichen Restlaufzeiten ähnlich stark auswirken, kam es 2011 zu markanten Verwerfungen. Stark rückläufig waren insbesondere die Renditen von Bundesanleihen und anderen öffentlich-rechtlichen Institutionen, die nicht nur von deutschen Anlegern geschätzt werden, sondern sich auch im Ausland großer Beliebtheit erfreuen. Hingegen war der Renditerückgang bei Bankschuldverschreibungen bereits deutlich weniger stark ausgeprägt.
Bei Unternehmensanleihen wiederum kam es zu oft sehr gegenläufigen Entwicklungen: Während die als sicher geltenden Papiere z.B. von BMW, Volkswagen oder der Deutschen Telekom rückläufige Renditen und damit steigende Kurse aufwiesen, verzeichneten etwa die Titel von Gerresheimer Glas oder Franz Haniel (ELG, TAKKT, Celesio, Metro) zumindest zeitweise sogar Renditeanstiege. Vergleichbares gilt für Staatsanleihen: Titel aus Österreich oder Frankreich waren gefragt und verbuchten Kursgewinne, hingegen ging es mit Anleihen aus Italien, Irland oder auch Belgien deutlich bergab. Einen massiven Absturz erleb-ten schließlich die Papiere Griechenlands, da hier der geplante Schuldenschnitt an der Börse vorweggenommen wurde.
Während sich Anleihebesitzer über die – zumindest auf dem Papier – erzielten Kursgewinne bei den meisten Papieren freuen können, ist die Lage für Neueinsteiger zunehmend schwierig geworden. Insbesondere bei deutschen Bundesanleihen liegen die Renditen heute auf einem Niveau, das Investments kaum noch attraktiv erscheinen lässt. Wer sein Geld etwa für zehn Jahre anlegt, muss sich mit weniger als 2,0% abspeisen lassen, bei fünfjährigen Titeln wird sogar die 1%-Marke unterschritten. Und selbst wer mutig 30-jährige Papiere kauft, bekommt nur rund 2,5% – viel zu wenig, um dem damit verbundenen Kursrisiko angemessen Rechnung zu tragen. Keine Lösung sind aber auch risikofreie Kurzfristanlagen des Bundes: Die Tagesanleihe rentiert mit 0,25%, Bundesschatzbriefe liegen unter 1,2% und wer gar Finanzierungsschätze auswählen möchte, wird durch Konditionen von 0,05% (ein Jahr) bzw. 0,10% (zwei Jahre) abgeschreckt.
Auf Diversifizierung achten
Mehr denn je sollten Anleger daher auf eine Diversifizierung achten. Gerade bei den Unternehmensanleihen gibt es eine Reihe von Papieren, die als relativ sicher eingestuft werden können und zumindest etwas bessere Zinsen bringen. Hierzu zählen insbesondere die Titel deutscher und europäischer Großkonzerne wie etwa der Deutschen Telekom oder von E.ON. Die Rendite richtet sich dabei nach den grundsätzlich bestehenden Risiken. So bringt z.B. eine fünfjährige Euro-Anleihe des BMW-Konzerns derzeit rund 2,6% Rendite, ein Porsche-Papier rechnet sich mit 4,0% und wer ein größeres Wagnis in Kauf nimmt, kann mit einer Renault-Anleihe 5,5% erzielen. Vergleichbares gilt bei Staatsanleihen: Die Titel der als „Sicherheits-Hort“ geltenden Länder wie Deutschland werfen kaum Zinsen ab, mit etwas Spekulationsfreudigkeit kann man indes z.B. mit Südeuropa-Papieren gut verdienen – zumindest dann, wenn die Politiker die Schuldenkrise in den Griff bekommen und es keine Ausfälle oder Abwertungen gibt.
Riskante Langläufer
Schwierig ist die Entscheidung hinsichtlich der Laufzeiten: Grundsätzlich gilt, dass Papiere mit längeren Restlaufzeiten eine höhere Rendite erwarten lassen als Kurzläufer. Andererseits ist – das zeigen die genannten Beispiele – auch das Risiko vergleichsweise groß. Sollte z.B. die Rendite für Langläufer in den kommenden Jahren wieder auf 4,75% ansteigen, würde der Kurs der Bundesanleihe mit Laufzeit bis 2040 von aktuell rund 144% auf rund 100% nachgeben – und damit die Zinszahlung von fast zehn Jahren aufzehren. Ausgeschlossen ist ein solcher Zinsanstieg keineswegs, denn schließlich könnte die Geldmengenschwemme zu einem Anziehen der Inflationsrate – und damit der Zinsen – führen.
Als Konsequenz sollten sich Anleger daher auf kürzere bis mittlere Laufzeiten beschränken, also vornehmlich Papiere mit maximal fünf bis sieben Jahren Restlaufzeit. Wichtiger ist eine breite Streuung in Bezug auf die Sicherheit, wobei Titel mit Renditen zwischen 2,5% und 3,5% bei fünf Jahren Restlaufzeit einen guten Kompromiss zwischen Ertrag und Risiko darstellen.
Gerade in Hinblick auf die Eurokrise gewinnen aber auch Fremdwährungsanlagen zunehmend an Bedeutung. Insbesondere Devisen wirtschaftlich starker Länder – angefangen von Norwegen und Schweden bis hin zu Australien oder selbst Brasilien – haben es dabei den Anlegern angetan. Die Beimischung kleiner Positionen zu einem gut sortierten Depot kann sich weiterhin lohnen, wobei neben den Währungsrisiken auch die Emittentenrisiken zu beachten sind. Grundregel dabei: Nur erste Adressen auswählen, ebenso nur Papiere mit vergleichsweise regem Handel in Deutschland – die sich im Zweifelsfall auch schnell wieder verkaufen lassen.
Sonderstellungen nehmen dabei der Schweizer Franken und der US-Dollar ein. Beim Franken hat das Machtwort der Eidgenössischen Regierung zur Währungsentwicklung dazu geführt, dass der Kurs nicht mehr spekulativ angeheizt wird. Zumindest nach dem jetzigen Stand der Dinge ist davon auszugehen, dass es in den kommenden Monaten zu keinen nennenswerten Wechselkursausschlägen kommen wird. Allerdings sind die Zinsen für Franken-Papiere vergleichsweise niedrig, sodass der einzige Vorteil letztlich darin liegt, eine Alternative zum Euro zu haben.
Beim US-Dollar wiederum war in den vergangenen Wochen ein markanter Kursanstieg zu beobachten, der in erster Linie auf spekulative Transaktionen zurückzuführen ist. Denn fundamental hat sich wenig geändert: Die Wirtschaft läuft eher schlechter als in Europa, die Schulden sind noch weitaus beängstigender als in der Eurozone. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass spekulative Einflüsse beim Dollar zu ganz erheblichen Kursschwankungen führen können. Eine Fortsetzung der jüngsten Entwicklung ist daher durchaus möglich und könnte „Dollarfans“ unter den Anlegern noch manchen guten Gewinn bringen.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2012; 37(02):14-14