Strategie

Apotheken im Bärenmarkt


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Der „Bärenmarkt“ ist ein Begriff aus der Börsenwelt und steht für fallende Märkte. Die Apothe­ken stehen erkennbar unter Druck und befinden sich somit in einem Bärenmarkt. Was kann man von der Börse lernen, welche Fehler sollte man vermeiden und welche Chancen winken?

Marktausblick

Bei den verschreibungspflichtigen Präparaten ist 2012 das Jahr mit den bedeutendsten Patent­abläufen seit Langem, bekannt als „Patent Cliff“. Weltweit fallen Um­sätze von gut 30Mrd.US-$ aus dem Patentschutz, normal war bislang etwa die Hälfte. Darunter befinden sich so klangvolle Namen wie Lipitor/Sortis, Plavix, Diovan, Zyprexa, Seroquel, Singulair, Enbrel und Viagra. Die genauen Patent­ab­läufe in den einzelnen Ländern variieren etwas, doch im Zeitraum 2012/ 2013 stehen auf dem deutschen Pharmamarkt über 2Mrd.€ zur Disposition. Präparate wie Seroquel, Zyprexa oder Enbrel brachten jeweils Jahresumsätze von über 300Mio.€.

Patentabläufe senken Umsätze

Was Generikahersteller freut, schmerzt die forschende Indus­trie. Diese außergewöhnlich umfangreichen Patentabläufe dürften nur schwerlich durch die fraglos weiter sprudelnden Neueinführungen kompensiert werden, denn der Erfolg vieler Blockbuster aus den 1990er-Jahren lässt sich kaum wiederholen. Niedrigere Preise der ge­ne­rischen Substitute bremsen folglich die Umsatzentwicklung. Neueinführungen müssen sich zudem verstärkt einer Kosten-Nutzen-Bewertung stellen, was eine Preisfindung auf dem Verhandlungswege mit den Kostenträgern bedeutet.

Das Festbetragsniveau, als Preis­basis vieler generischer Präparate für die Apotheke bedeutsam, sinkt tendenziell weiter. Immerhin gehen jedoch die individuellen Herstellernachlässe infolge der Rabattverträge nicht in die Be­rechnungsbasis der Apotheke ein.

Der Trend zu Großpackungen (N3) dürfte sich weiter fortsetzen, was das Packungswachstum begrenzt. Daran ändert auch die demografische Komponente kaum etwas, die zudem nur weniger als 1% Zuwachs p.a. erklärt.

Positiv ist neuerdings eine wieder etwas wachsende Bevölkerung zu vermerken, die sich aus einer deutlich gestiegenen Zuwanderung erklärt, insbesondere krisenbedingt aus einigen EU-Staaten. 100.000 bis 200.000 zusätzliche Personen, vor allem Jüngere mit einem eher geringen Arzneimittelbedarf von schätzungsweise rund 200€ bis 250€ p.a., bedeuten einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag, angesichts von gut 40Mrd.€ Apothekenumsatz eine geringe Größenordnung.

Das Versorgungsgesetz entschärft die Regressproblematik bei den Ärzten; inwieweit dies das Verordnungsverhalten ändert, bleibt abzuwarten. Spannend wird es für etliche Land­apotheken, ob die Maßnahmen und Anreize ausreichen, den Exodus der Landarztpraxen zu stoppen – ein im Einzelfall ernstes Problem von ländlichen Apotheken, die bisweilen nur von einem oder zwei Verschreibern existenziell abhängig sind.

Der OTC-Markt bleibt durch eine weitgehende Stagnation und die Konkurrenzlage zum Versandhandel gekennzeichnet. Zwar hat sich die Konsumstimmung allgemein aufgehellt (wie weit dies auch in einer rezes­siven Wirtschaftsentwicklung trägt, bleibt abzuwarten), der Apotheken-OTC-Markt bekommt davon jedoch eher wenig mit. Ein Grund besteht darin, dass die Segnungen der Lohn- und Beschäftigungszuwächse an den besten Apothekenkunden – Rent­nern, Kranken, vielen sozial Schwächeren – weitgehend vor­bei­gehen, bei diesen steigt die Kaufkraft unterproportional. Hier ist für die Apotheken mit der berühmten „schwarzen Null“ zu rechnen, die wohl für viele standortschwächere Betriebe sogar weiterhin rot bleiben wird.

Somit dürfte der Ge­samt-Apo­thekenumsatz im Jahr 2012 allenfalls im Bereich von et­wa 2% bis 3% zulegen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn selbst diese Zuwachsraten verfehlt würden.

Apothekenzahl

Kommt nun die große Schließungswelle? Der Blick auf die ersten betriebswirtschaftlichen Auswertungen des neuen Jahres dürfte vielleicht manch einen zum Grübeln bringen. Grenzwertige Betriebe, die sich bisher noch gerade über Wasser hielten, und die eine oder andere schwache Filiale könnten jetzt auf reduzierter Ertragsbasis zu manifesten Schließungskandidaten werden. Andererseits ist die professionelle Abwicklung eines Betriebs ohne weitere erhebliche Belastungen (z.B. aus zahlreichen Vertragsverpflichtungen herrührend) leichter gesagt als getan. Zudem stellt sich für etliche Kollegen die Frage der beruflichen Alternative. Viele werden also trotzdem ausharren, selbst entgegen betriebswirtschaftlicher Vernunft.

Es sollte also sehr überraschen, wenn sich per Saldo (Neueröffnungen minus Schließungen) die Apothekenzahl um mehr als etwa 200 bis 300 Betriebsstätten vermindern würde. Das wä­re ein Rückgang um 1% bis 1,5%. Indes werden erheblich weniger als diese 1,5% an Umsätzen umverteilt, da die schließenden Betriebe in der Regel deutlich unterdurchschnittliche Umsatzzahlen aufweisen. Eine erkennbare „Entlastung“ des Mark­tes ist damit also nicht verbunden.

Lokal sieht es anders aus. Von einer Schließung profitieren üb­licherweise etwa drei bis fünf Apotheken im näheren Einzugsgebiet spürbar (und weiter entfernte in Form von verstreuten Umsätzen nur noch schwer messbar). Damit bedeuten bundesweit 1% weniger Apotheken, dass 3% bis 5% der Betriebe zu den merklichen Profiteuren gehören. Andere hingegen müssen immer noch mit Neueröffnungen in ihrem Bereich rechnen und verlieren entsprechend.

Apothekenwerte

Für die Unternehmenswerte dürfte 2012 ein schwieriges Jahr werden. Wer zu guten Preisen verkaufen wollte, hat dies tunlichst bereits getan, bevor sich die „Bremsspuren“ in den Bilanzen abzuzeichnen begannen. Auch hier befinden wir uns in einem Bärenmarkt – mit allen Regeln und Konsequenzen.

Wie gnadenlos rein rechnerisch der Unternehmenswert „unter die Räder“ kommen kann, zeigt folgende Beispielrechnung: Eine Apotheke der 2-Mio.-€-Klasse ha­be 2011 nach Abzug eines kal­kulatorischen Unterneh­mer­lohns noch einen nachhaltigen, bereinigten Ge­winn von 70.000€ aufgewiesen. Mit einem Kapitalisierungsfaktor von 7,5 (entsprechend einem Kapitalisierungszins von 13,3%) ergibt dies einen Unternehmenswert inklusive Waren­lager von rund 525.000€ nach dem Ertragswertverfahren. Im Ge­folge der Rabattkürzungen (minus 2,0%-Punkte auf den Rx-Einkauf in Höhe von z.B. 1.200.000€ entsprechend 24.000€) und steigender Kosten bei voraussichtlich nur gering steigenden Umsätzen gehe der Gewinn 2012 insgesamt um 25.000 € auf 45.000 € zurück. Der Apothekenwert sinkt infolgedessen rein rechnerisch auf 337.500 €, ein Minus von satten 187.500 €.

Was der Verlust des einen, ist der Gewinn des anderen. Wie an der Börse auch, bieten Bärenmärkte exzellente Kaufgelegenheiten, wenn man einige Fehler vermeidet und nicht in die „Bärenfallen“ tappt. „Greife nie in ein fallendes Messer“ – diese Börsenweisheit lässt sich auf den Apothekenkauf übertragen: Es ist sehr gefährlich, auf Verdacht, ohne Vorliegen konkreter Zahlen, in einen fallenden Markt hinein zu kaufen. Auswirkungen von Reformen und Strukturveränderungen sollten absehbar sein und sich im konkreten Fall belegen lassen, bevor ein Kauf erwogen wird. Nur bei erkennbar sehr günstigem „Schnäppchenpreis“ können Abwarten und übertriebenes Taktieren ausgesprochen unklug sein, weil dann womöglich ein schnell entschlossener, mutigerer Interessent das Geschäft macht.

Denn gleichzeitig gilt auch: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern.“ Tatsächlich werden in Krisenzeiten die besten Geschäfte gemacht. Die Angsthasen steigen aus. Mutige steigen ein, ohne allerdings den realistischen Blick für die Marktchancen zu ver­lieren. Ob Apothekenkauf oder Neugründung: Die Preise sinken durchweg, nicht nur für die Unternehmenswerte, sondern auch für Einrichtungen und Ausstat-tungen und teilweise sogar für Mieten, sofern es sich nicht ge­rade um begehrte Spitzenlagen handelt. Bei „Notverkäufen“ sind außerordentlich günstige Preise möglich, wobei eine grundsätz­liche Voraussetzung immer ge­geben sein sollte: Die Standort­bedingungen müssen absehbar stimmen und eine solide Existenz erlauben. Ein schlechter Standort ist selbst einen günstigen Preis nicht wert.

Es lebe die Umverteilung!

Der Trend der vergangenen Jahre dürfte sich verschärft fortsetzen: Große, gut gelegene und sehr engagiert geführte Betriebe gewinnen Marktanteile; was sie ge­winnen, fehlt anderen. Dieser Verdrängungsprozess kann noch recht lange weitergehen, bevor ernste Versorgungsdefizite auf breiter Front sichtbar werden. Insbesondere können gut geführte, rentable und hinreichend große Betriebe noch einiges weg­stecken, was kleinere Apotheken zunehmend in Existenznöte bringt. Mögliche Versorgungs­defizite in der Fläche fängt zum Teil der Versandhandel auf, aber auch stationäre Apotheken sorgen durch umfangreiche Boten- und Lieferaktivitäten dafür, dass sobald kein Mangel an pharmazeutischer Versorgung spürbar wird. Dies ist bei den Ärzten anders und wird zudem von den Patienten deutlich anders wahrgenommen. Genau diese Konkurrenzhaltung der Kollegen gegeneinander macht es der Politik leicht, die Hände in den Taschen zu halten und einfach zuzuschauen, wie es „der Markt“ wohl richten wird. Korrigieren kann man notfalls später noch.

Turnaround-Chance?

An der Börse bedeutet ein „Turn-around“ eine Trendumkehr zum Besseren. Er kommt oft recht überraschend. Der Apothekenmarkt kann auch ganz schnell ins Positive drehen:

  • Die Großhandelsrabatte verlassen ihr Tal und erreichen wieder ein marktgerechtes Niveau (wobei die alten Werte sicherlich nicht mehr erzielt werden),
  • es gelingt tatsächlich eine Honoraranpassung (schon 10 Cent mehr Honorar je Rx-Packung würden statistisch etwa 3.300€ Mehrertrag je Apotheke bedeuten, eine Inflationsanpassung vom 1. Januar 2004 – Start des Kombimodells – zum 1. Januar 2013 würde eine am Verbraucherpreisindex orientierte Erhöhung um voraussichtlich gut 14%, also rund 1,15€, rechtfertigen; das wären ca. 38.000€ je Apotheke),
  • die Kassenabschlagsproblematik wird endgültig gelöst,
  • die Belastungen durch die novellierte Apothekenbetriebsordnung halten sich in einem überschaubaren Rahmen.

Bereits spürbare Teilerfolge bei den einzelnen Punkten würden die Lage erheblich entspannen und neue Zukunftschancen eröffnen. Der Wertverfall der Betriebe wäre erst einmal gestoppt. Die psychologische Wirkung wäre enorm, der „bleierne Mantel“ der Ungewissheit gelüftet.

Leider ist das Apothekengeschäft weitgehend von der Politik fremdbestimmt, am eigenen Schopf können sich die Apotheken in ihrer Gesamtheit nicht aus dem Sumpf ziehen (Einzelnen gelingt dies durch Umverteilung schon, siehe oben). Das ist das Problem regulierter bzw. subventionierter Märkte. Die Energiebranche (Solarförderung) oder Teile des Versicherungswesens (private Altersvorsorge, Pflichtversicherungsmarkt) mögen als warnende Beispiele dienen.

Auch oder gerade deswegen – weil politische Überraschungen das Geschäft ganz erheblich mitbestimmen – könnte 2012 das Jahr der „Schnäppchenjäger“ auf dem Apothekenmarkt werden.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2012; 37(03):5-5