Dr. Eva-Maria Stoya
Burn-out – keine einfache Definition
Tatsächlich ist der Begriff Burn- out in der internationalen Klassifikation der Erkrankungen (ICD-10) nur als Zusatz- und nicht als Behandlungsdiagnose unter „Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ geführt. Faktisch könnte es als Erschöpfungsdepression bezeichnet werden, der geistige und körperliche Akku läuft leer.
Zwar ist Stress zunächst nicht schädlich. Es gibt Stress, der nicht belastend wirkt, kurzzeitig sogar so beflügelt, dass Dinge bewältigt werden, die normalerweise kaum möglich wären. Noch immer wird gerne von Eustress als anregendem lebensnotwendigem Stress und Disstress, der als Belastung oder Druck von außen oder innen empfunden wird, gesprochen. Diese Differenzierung zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Stress wird heute in der Psychologie so nicht mehr getroffen – denn ganz entscheidend ist, wie Stressoren bzw. Stress individuell vom Einzelnen empfunden und bewältigt werden. Entsteht dauerhaft beim Einzelnen eine Dysbalance zwischen Belastungen und Ressourcen, existiert ein „Zuviel“ und „Zulange“ an Stress auslösenden Reizen, dann ist das innere Gleichgewicht nicht mehr gegeben. Das kann zu körperlichen und seelischen Krankheiten führen.
Häufige körperliche Symptome sind Zittern, Schweißneigung, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Kopf- und Magenschmerzen, Tinnitus, Herzrhythmusstörungen, rezidivierende Erkältungen, Allergiezunahme, Nacken- und Rückenschmerzen. Im seelischen Bereich dominieren Schlafstörungen, ständige Erschöpftheit, innere Leere, Desinteresse, Konzentrationsstörungen, Vergesslichkeit, Reizbarkeit sowie Niedergeschlagenheit. Freude und Spontaneität verschwinden, die Leistungsfähigkeit lässt stark nach. Im fortgeschrittenen Stadium verstärkt sich der Teufelskreis („Ich muss es doch schaffen!“) mit weiter vermehrter Anstrengung und Verzweiflung bis hin zu Selbstmordgedanken. Nicht selten kommt es im Gefolge zu erheblichem Missbrauch von Alkohol, Nikotin, Medikamenten etc.
Betroffen: vor allem Hochengagierte
Insbesondere anfällig für ein Burn-out sind sehr engagierte und motivierte Apothekenmitarbeiter, die gerne gut, am liebsten perfekt arbeiten, ein großes Verantwortungsgefühl an den Tag legen, häufiger „Ja“ statt „Nein“ sagen, gemäß der Einstellung: „Die Arbeit muss ja gemacht werden“, „Dann mache ich das zusätzlich halt auch noch“, „Ich erledige das schnell in der Pause“ oder „Dann komme ich eben früher, wenn kein anderer Zeit hat“. Dabei ist jede Apotheke auf solche Mitarbeiter in besonderem Maße angewiesen – vorausgesetzt, sie will überdurchschnittlich sein und sich von der Konkurrenz abheben. Auch finanziell ist der meist länger dauernde Ausfall dieser Mitarbeiter ein Desaster. Und die Zahlen der Krankenkassen, nach denen die Symptome für Burn-out zwischen 2004 und 2010 um das Zehnfache zugenommen haben, sprechen zusätzlich eine deutliche Sprache.
Typische Burn-out-Therapien
Natürlich wird gegen die Stress- und Burn-out-Symptome mit altbewährten Methoden zur Stressbewältigung angegangen: Entspannungsmaßnahmen (z.B. autogenes Training, Meditation, progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Qigong, Yoga, Sport etc.) sowie Erlernen eines besseren Zeitmanagements. Die körperlichen Auswirkungen des Burn-outs gilt es in den Griff zu bekommen, in besonders schweren Fällen ist oftmals jahrelange psychotherapeutische Betreuung notwendig. Daneben sind kreative Behandlungsverfahren (Kunst- und Musiktherapie), Körpertherapieverfahren, Möglichkeiten, sich selbst in der Krankheitsentstehung besser zu verstehen, Achtsamkeitstraining, Stärkung des Selbstbewusstseins relevant.Ganz wichtig ist aber auch, die eigene Lebenseinstellung und Haltung zu hinterfragen.
Entscheidend: die Fremdbestimmtheit
Der bekannte Zeitmanagement-Papst Professor Dr. Lothar Seiwert kommt in seinem neuen Buch „Ausgetickt – Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert“ zu einer interessanten Erkenntnis: Es gibt Menschen, die tagtäglich Höchstleistungen vollbringen – und dennoch nie über Stress oder gar Burn-out klagen. Und es gibt Menschen, die sich fragen, wie sie mit der Dichte und Komplexität im Arbeits- und Berufsleben dauerhaft zurechtkommen sollen. Was Menschen ausbrennen lässt, hat daher, so Seiwert, nichts mit der Arbeitslast an sich zu tun, sondern mit dem Maß an Fremdbestimmtheit im Leben. Nicht fremdbestimmten Menschen scheint eine hohe Belastung offenbar nichts auszumachen, sie „blühen“ unter der Last der Verantwortung eher auf. Bei einem höheren Grad an Selbstbestimmtheit sind Ressourcen leichter verfügbar, Burn-out wird dann erst gar nicht zum Thema.
Was kann die Apothekenleitung tun?
Wichtig ist zum einen, die äußeren Stressoren für die Arbeit an sich zu minimieren: Mitarbeiter, die das Gefühl haben, die Apothekenleitung hat nur die Reduzierung der Personalkosten zum Ziel, sie selbst werden nicht als wertvolles Investitionsgut betrachtet, empfinden den alltäglichen Arbeitsstress als wesentlich negativer. Burn-out droht schneller. Die Identifikation des an sich tüchtigen Arbeitnehmers mit der Apotheke gelingt aber nur, wenn sich die bei einigen Chefs deutlich zutage tretende Negativhaltung gegenüber dem Mitarbeiter ändert.
Zum anderen hilft es, die Stressoren im Arbeitsalltag direkt zu minimieren: Statt permanenter Fremdbestimmtheit muss wieder mehr Freiheit und Selbstbestimmtheit gepflegt werden. Gerade die engen bürokratischen Reglements sollten nicht dazu führen, Mitarbeiter in ihrer Art des Arbeitens noch stärker einzuschränken. Burn-out-bedrohte Apothekenangestellte sollten vielmehr sogar primär Aufgabenfelder bearbeiten, die ihr Selbstwirksamkeitsgefühl stärken, sie fordern, fördern, aber nicht überfordern. Das Gefühl, die Situation beherrscht sie, nicht sie die Situation, muss weg.
Auch eine bessere Anerkennungskultur durch mehr Lob, eventuell eine Aufmerksamkeit, kleine Gratifikation sowie ein kollegiales Klima, in dem Fairness und Eingebundensein in den Betrieb positiv besetzt sind, gilt es zu schaffen.
Last but not least ist zu beach‑ ten: Die notwendige Regeneration kommt nur durch ausreichend Ruhe und Entspannung. Hier ist die Bibel ein gutes Vorbild, denn schon in der Schöpfungsgeschichte steht: „Am siebten Tage ruhte er.“
Buch-Tipp
Lothar Seiwert: Ausgetickt – Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert – Abschied vom Zeitmanagement, Ariston, 2011, 19,99€
zu beziehen über den Deutschen Apotheker Verlag (Telefon: 0711/2582 341, Telefax: 0711/2582 290, E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de)
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2012; 37(05):8-8