Unternehmensanleihen

Hoher Zins als Zitterprämie


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Die niedrigen Kapitalmarktzinsen machen Anlegern das Leben schwer: Sichere Anlagen wie Tagesgelder oder Bundesanleihen, aber auch bankeigene Investments bieten kaum einen Inflationsausgleich. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach ertragsstärkeren Produkten.

Unterschiedliche Bonitätsklassen

Der Markt für Unternehmensanleihen ist damit auch für Anleger interessant geworden: Während europäische Staatsanleihen aus Deutschland, Frankreich oder Österreich allenfalls bei sehr langen Laufzeiten Renditen von mehr als 1,5% bis 2,0% abwerfen, sind mit Unternehmensanleihen selbst im erstklassigen Bonitätssegment oftmals mindestens 3,0% zu erzielen. Nach oben sind den Zinserträgen (fast) keine Grenzen gesetzt: Je nach Bekanntheitsgrad der Firma, ihrer Bonität und nicht zuletzt der Laufzeit lassen sich schnell zwischen 4,0% und 7,5% Rendite erzielen. Noch höhere Sätze bieten Papiere von Emittenten mit eher mittelmäßiger Bonität, wobei hier das Ausfallrisiko durchaus zu bedenken ist.

Während sich der Handel mit Unternehmensanleihen bis vor wenigen Jahren noch weitgehend in der Hand institutioneller Anleger befand, wird heute auch privaten Investoren das Engagement recht einfach gemacht. Zu den bekanntesten Datenlieferanten zählt etwa die Börse Stuttgart, deren „Anleihefinder“ auch von einigen Online-Banken übernommen wird. Hier kann der Anleger in der Rubrik „Corporate Bonds“ u.a. Laufzeiten, Mindestbonitäten oder auch gezielt bestimmte Emittenten vorgeben und das Programm listet die gehandelten Papieren mit aktuellen Kursen, Handelszahlen und – vor allem – Renditesätzen. Ausgestattet mit diesen Informationen, kann dann der gewünschte Titel bei der Hausbank geordert werden, wobei meist auch an­dere Handelsplätze als Stuttgart zur Verfügung stehen.

Vor dem Einstieg lohnen sich jedoch einige Gedanken zu den gewünschten Rahmenbedingungen. Wichtigstes Kriterium ist die Laufzeit: Im Fall eines konkreten Kapitalbedarfs z.B. in fünf Jahren bietet sich der Kauf entsprechender fünfjähriger Titel an. Diese werden verbindlich zu 100% zurückgezahlt, sodass kein Kursrisiko zu beachten ist. Die heute angezeigte Rendite gilt also für das Investment über den gesamten Zeitraum. Bei grundsätzlich unbegrenzter Anlagedauer sollte hingegen auf eine solide Mischung aus Kurz-, Mittel- und Langläufern geachtet werden. Dabei gilt: Je länger die Restlaufzeit, umso höher ist das Kursrisiko im Fall steigender Kapitalmarktzinsen. Während der Kurs einer zweijährigen Anleihe bei einem um 1,0 Prozentpunkte höheren Kapitalmarktzins allenfalls um 0,3% bis 0,4% nachgeben wird, kann der Kursrückgang bei einer Anleihe mit über zehn Jahren Restlaufzeit schnell mehr als 10% betragen.

Allerdings darf man dieses Risiko auch nicht überbewerten, denn schließlich kommt es nur im Verkaufsfall zum Tragen. Wer das Papier jedoch dauerhaft bis zum Ende der Laufzeit behält, erzielt ebenfalls die heute an­gegebene Rendite. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass Anleihen grundsätzlich auch Kurschancen bieten: Sollten die Kapitalmarktzinsen wirklich noch weiter nach­geben, steigen die Kurse der umlaufenden Papiere und dabei sind die Langläufer gegenüber den Kurzläufern im Vorteil.

Das zweite wichtige Kriterium ist die Bonität. Wer keinerlei Risiken eingehen möchte, wählt Papiere von Unternehmen mit erstklassiger Einstufung – wobei er allerdings Renditenachteile in Kauf nehmen muss. Je nach persönlicher Risikobereitschaft können aber auch zweitklassige Titel in die Auswahl einbezogen werden. Gerade Firmen mit eher lokalem Bekanntheitsgrad bieten hier oftmals erstaunlich gute Zinsen. Keinesfalls sollten Sie sich jedoch allein auf den „guten Namen“ verlassen. Während man bei Konzernen wie Daimler, Siemens oder der Deutschen Telekom kaum damit rechnen muss, dass sie in Schieflage geraten und damit die Rückzahlung der Anleihen gefährdet sein könnte, ist bei kleineren Firmen zumindest für Außenstehende wenig Transparenz geboten. In den Bilanzen können sich Risiken verstecken, die selbst erfahrene Experten kaum erkennen, aber auch eine veränderte Wirtschaftslage kann aus einem florierenden Betrieb schnell einen Sanierungsfall werden lassen. Letztlich bietet sich als Maßstab insbesondere die Bewertung durch eine der führenden Ratingagenturen an, die für den Großteil der börsennotierten Anleihen veröffentlicht werden. Auch eine überdurchschnittlich hohe Rendite muss stets als Warnsignal gewertet werden.

Konditionen sorgfältig prüfen

Schließlich sollte auch ein Blick auf die Randbedingungen geworfen werden. Viele Unternehmensanleihen sind lediglich in Stückelungen von 50.000€ oder 100.000€ erhältlich, sodass sie für manche Investoren schon vom Betrag her kaum für die Anlage geeignet sind. Zumindest lässt sich damit selbst mit mittleren Vermögen keine sinnvolle Streuung erreichen, die gerade im Sektor der Unternehmensanleihen unverzichtbar erscheint.

Oftmals finden sich aber auch Sonderbedingungen, etwa hinsichtlich der Zinszahlungen oder der Kündigungsmöglichkeiten. Solche Papiere sollten Sie nur dann wählen, wenn Sie die Konditionen wirklich verstehen und wenn sie angemessen erscheinen. Kostet eine Anleihe aktuell z.B. 110% und hat der Emittent ab 2013 ein Sonderkündigungsrecht zu 100%, besteht die Gefahr, dass das Investment bereits in einem Jahr fällig gestellt wird und damit einen hohen Kursverlust bringt. Wird hingegen vorgegeben, dass der Zinssatz im Fall einer bonitätsmäßigen Abwertung heraufgesetzt werden muss, ist ein Engagement durchaus eine Überlegung wert. Denn hier drohen geringere Risiken, sollte sich die Bonität des Emittenten tatsächlich verschlechtern.

Krisen als Risikofaktor

Jeder Anleger sollte sich bewusst sein, dass der Markt der in Deutschland gehandelten Unternehmensanleihen keineswegs unanfällig für Krisen ist. Gerade in den vergangenen Monaten verzeichneten manche Titel einen enormen Nachfrageboom, der – so befürchten einige Experten – im Fall einer Wirtschaftskrise durchaus in einem Crash enden könnte. Ähnliches bekamen Anleger z.B. im Jahr 2008 zu spüren, als die zuvor boomende Nachfrage nach Unternehmensanleihen im Zuge der Finanzkrise massiv einbrach. Viele Titel, die anfangs zu Kursen zwischen 95% und 105% gehandelt wurden, gaben binnen weniger Tage auf unter 80% nach, manche zweitklassigen Titel wurden zeitweise zu „Ausverkaufspreisen“ von unter 60% gehandelt. Wer Durchhaltevermögen bewies, kann heute durchaus gelassen auf sein Depot blicken, denn die Zahl der wirklichen Ausfälle hält sich in sehr engen Grenzen.

Dass es aber auch heute noch manche Papiere gibt, die von den Anlegern als sehr problematisch eingestuft werden, zeigen etwa die Anleihen der Solarbranche, die infolge Unternehmensinsolvenz teilweise nahezu wertlos geworden sind, teilweise aber auch zu extrem niedrigen Kursen gehandelt werden. Zu nennen sind hier u.a. die beiden Solarworld-Anleihen, die aktuell zu rund 40% des Ausgabekurses notieren und – bei planmäßiger Rückzahlung – mehr als 33% Ertrag bringen würden.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2012; 37(07):13-13