Dr. Christine Ahlheim
- nach den Gesetzen unserer sozialen Marktwirtschaft auf Dauer nur rentabel betriebene Apotheken die im öffentlichen Interesse gebotene Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Arzneimittelversorgung der Bevölkerung gewährleisten können,
- eine Anpassung des Festzuschlags – trotz gesetzlichen Auftrags – über fast ein Jahrzehnt nicht stattgefunden hat,
- den Apotheken in dieser Zeit vielmehr noch die Daumenschrauben über Kürzungen der Marge (Stichworte: Kassenabschlag, §7 HWG, GH-AMPreisV, etc.) angezogen wurden,
haben die Apotheken zwangsläufig enorme Anstrengungen unternommen, um ihre betrieblichen Abläufe zu optimieren, zu rationalisieren (und in Teilbereichen zu rationieren). Die Fortbildungsangebote beispielsweise der Verbände waren dabei ein Beschleuniger dieser Entwicklung.
Der schnelle Abverkauf, sowohl im OTC- als auch im Rx-Bereich, wird heute honoriert, und weniger die optimale Versorgung des Patienten. (Dabei stehen Mitarbeiter – leider – nicht selten unter Druck, vorgegebene Abverkaufsziele zu erreichen.) Das im Einzelfall gesundheitspolitisch gebotene Abraten von der Einnahme – und damit vom Erwerb – eines Arzneimittels wird ökonomisch bestraft.
Die aus pharmazeutischer Sicht notwendige Diskussion mit dem verordnenden Arzt, die nicht selten bereits vom „Fräulein Doktor“ (der Helferin) unterbunden wird, verursacht Mehrbelastungen, zulasten des Ertrags. Und bei der Anmeldung pharmazeutischer Bedenken, z.B. bei rabattbegünstigten Arzneimitteln, stehen (teilweise existenzbedrohende) Regresse der Krankenkassen im Raum. Der Abverkaufsdruck von Großhandlungen und Herstellern (qua Konditionengestaltung) vervollständigt das Bild.
AWA: Welche Folgen hat diese Entwicklung und wie kann hier Abhilfe geschaffen werden?
Hüsgen: Bedingt durch eine ausgeprägte Leidensfähigkeit ist das Selbstvertrauen der Apotheker in ihre eigenen Fähigkeiten immer mehr geschwunden. Aufgrund dieser Entwicklung lassen sie ihre ureigene Aufgabe, nämlich ihre pharmazeutische Kompetenz zur Geltung zu bringen, in Deutschland für die Patienten nur beschränkt erlebbar werden.
Was für den einzelnen Akteur im Gesundheitswesen, sei er nun Apotheker, Arzt oder Krankenkassenfunktionär, kurzfristig wirtschaftlich sinnvoll erscheinen mag, ist für die Bevölkerung mittelfristig nicht selten gesundheitspolitisch fatal. So hat für die Ärzteschaft der langjährige BÄK-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe gefordert: „Patienten sind keine Kunden, Ärzte sind keine Verkäufer und die Patient-Arzt-Beziehung ist keine Geschäftsbeziehung. Patienten vertrauen auf die ärztliche Professionalität und die Fürsorge. Der Arzt hat dem Patienten beizustehen, auch wenn dies seinen wirtschaftlichen Interessen entgegensteht.“
Im Rahmen der anstehenden und zwischenzeitlich auch politisch als erforderlich erachteten Weiterentwicklung der apothekerlichen Vergütung wird es deshalb notwendig sein, das individuelle Patientenwohl und ein wirtschaftlich sinnvolles Verhalten der Apotheker und ihrer Mitarbeiter wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Zur Vermeidung von Ressourcenverschwendung muss in Zukunft folglich neben der Dynamisierung des Kombimodells die „sprechende Pharmazie“ angemessen honoriert werden.
AWA: Wie kann einem drohenden Mangel an Apothekern und PTA entgegengewirkt werden?
Hüsgen: Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung haben von Ende 2008 bis Ende 2012 saldiert bundesweit 681 Apotheken für immer geschlossen; die Zahl der Apothekeninhaber ist seit Inkrafttreten des GKV-Modernisierungsgesetzes um weit mehr als 4.000 zurückgegangen. Und der Trend hält an. Dass die Zahl der Betriebsstätten nicht ähnlich stark gesunken ist wie die der Inhaber, liegt darin begründet, dass nach wie vor viele Apotheker filialisieren, weil sie hoffen, mit einer (oder mehreren) weiteren Apotheke(n) wirtschaftlich überleben zu können.
Zeitgleich nimmt das Durchschnittsalter der Inhaber stetig zu. Beispielhaft waren im Kammerbezirk Nordrhein im Jahre 2003 nur 18,9% der Inhaber älter als 60 Jahre, ihr Anteil stieg bis 2012 auf 27,6%. In absoluten Zahlen: Die Zahl der über 60-Jährigen nahm von 2003 bis 2012 um rund 80 (oder um 16,7%) zu, während die Zahl der Jüngeren um mehr als 580 (oder um fast 30%) gesunken ist.
Es fehlt an Nachwuchs, auch weil die Verdienstmöglichkeiten heute nicht mehr den Vorstellungen junger Menschen mit erfolgreich abgeschlossener akademischer Ausbildung entsprechen. Wichtig wäre, junge Menschen für diesen einzigartigen Beruf (eine „Berufung“) zu begeistern, ein Beruf im Dienste der Bevölkerung und im direkten Gespräch mit den Betroffenen. Damit einhergehen müssen eine adäquate Honorierung und die (noch größere) gesellschaftliche Anerkennung dieser verantwortungsvollen Tätigkeit. Das neue Leitbild der ABDA wird hier hoffentlich Zeichen setzen.
Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation sind nicht nur Ertragsverluste bei den Apothekeninhabern eingetreten, die Mitarbeiter konnten ebenfalls in den letzten Jahren kaum entsprechende Gehaltssteigerungen verzeichnen. Auch damit die Besten nicht weiter (zu Krankenkassen, zu Großhandlungen, zu Abrechnungsstellen, zur Verwaltung, zur Industrie...) abwandern, ist eine Anpassung der apothekerlichen Vergütung dringend geboten.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2013; 38(13):3-3