Zukunft der öffentlichen Apotheke

Drei Fragen an Dr. Hans-Rudolf Diefenbach


Dr. Christine Ahlheim

Dr. Hans-Rudolf Diefenbach ist stellvertretender Vorsitzender des Hessischen Apothekerverbands.

Ich erwarte vom Leitbild Hinweise auf die praktische Umsetzung der Kompetenzen, die wir uns ja gerne zuordnen – sofern hier Neues (!) angeboten wird, wir machen ja nicht seit Jahrzehnten alles wie Anfänger. Es muss auch gewährleistet sein, dass viele der heute existierenden Betriebe das System positiv gestalten können und nicht durch das Leitbild nur noch Großstrukturen überleben. Gerade die Umsetzung der aktuellen Vorstellungen in schwächer bewohnten Regionen soll ja der Gesellschaft dienen.Und dort agieren in vielen Fällen kleinere Teams. Ich stelle mir weiter vor, dass Mitarbeiter sowie der Berufsnachwuchs massiv an der Ausgestaltung mitwirken, da Gruppendenken mehr denn je nötig ist!

Im Leitbild muss auch die Wahrnehmung unserer sozialen Funk­tionen verankert sein: Ein Sachverhalt, den uns keiner be­zahlt, der die Apotheke als Institution aber eben unverzichtbar macht! Auch sollte die Vision möglich werden, dass wir (Beispiel England) in gewisser Weise in Dia­gnostiken eingebunden werden können. Außerdem ist das Leitbild mit den Kollegen in Europa abzustimmen. Wenn nämlich jeder seine Lokalfunktion lebt, ohne den irgendwann von der Politik installierten „Gesamtsozialstaat“ zu sehen, dann erleben wir, dass multinationale Konzerne und rein renditeorientiert ausgerichtete Systeme unser Leitbild zum Leidbild machen! Auf jeden Fall hat die Diskussion auch eines deutlich zu berücksichtigen: Wirtschaftlich gesicherte und finanziell stets weiterentwickelte Rahmenbedin­gun­gen sind Grundvoraus­set­zun­gen, dass die von der ABDA auf den Weg gebrachte Diskussion breit akzeptiert und mitgetragen wird. Dazu zählt übrigens nicht zuletzt, dass auch der gesamte OTC-Markt in der öffentlichen Apotheke bleiben muss!

AWA: Mit welchen Maßnahmen können die öffentlichen Apotheken aus Ihrer Sicht ihre wirtschaftliche Existenz langfristig sichern?

Diefenbach: Die Vergütung ist jährlich anzupassen, es darf kein Ausruhen geben, weil wir nach sieben Jahren endlich 25 Cent mehr pro Packung erhalten haben. Hier muss daran erinnert werden, dass der DAV mit ca. 1 Euro real in die Diskussion ging.Auch ist zu erwähnen, dass etwa 60% des Mehrerlöses pro Packung in die Mitarbeiterkosten wandern und somit eine durchaus erwähnenswerte Summe eben nicht zu Neuinvestitionen herangezogen werden kann, geschweige denn den Arbeitgeber „saniert“. Der Kassenrabatt – in seiner jetzigen Form ein Relikt vergangener Zeiten – ist auf Skontoniveau zurückzufahren. Das Kassenargument, dass wegen des hohen Rabattes ja auch „pünktlich bezahlt“ würde, ist für mich nicht nachvollziehbar. Unter Handelspartnern, die fair (!) miteinander umgehen, ist genau das Einhalten eines definierten Zahlungszieles die Grundlage dafür, dass man sich vertraut. In­sofern erwarte ich halt auch, dass unsere schwierige Tätigkeit, nämlich den Patienten täglich den Wirwarr der Rabattverträge erklären zu müssen, korrekt und dem Aufwand entsprechend bezahlt wird. Eine Verknüpfung unseres „Festzuschlages“ mit dem Kassenrabatt halte ich für indiskutabel.

Weiterhin ist der Rezepturherstellungspreis endlich den Fakten anzupassen: Das heißt, dass das Stundenentgelt eines Apothekers als Messlatte dafür zu dienen hat, was die Apotheke in Anrechnung bringen kann.Schließlich verlangt der Staat auch die Umsetzung der ApBetrO mit allen Konsequenzen! Auch erwarte ich, dass die wirtschaftlich ungleichen Speerspitzen der öffentlichen Apotheke gegenüber vielen Versendern seriös beseitigt werden. Hier ist die Politik gefordert. Dass der DAV eine Gesamtkonzeption braucht, um von der Produktherstellung bis zum Patienten alle Wege mitzugestalten, ist ein frommer Wunsch von mir, der aber im Zuge von Konzerndenken notwendig werden wird! Es bedeutet: Der Berufsstand selbst muss alle logis­tischen und pharmazeutischen Aktivitäten in die Hand nehmen: Dazu brauchen wir Budgetverantwortung. Dazu brauchen wir auch Mitgliedschaften wie die im G-BA. Wir müssen wirtschaftlich gestalten, um pharmazeutisch das Sagen zu haben. Zu guter Letzt: Der einheitliche Abgabepreis im Rx-Sektor ist ohne Wenn und Aber zu erhalten.

AWA: Wie könnten die Apotheken erreichen, dass in den Medien zukünftig wohlwollender über sie berichtet wird?

Diefenbach: Das „Tresengereiche“, was ja viele Medien immer wieder – auch oft berechtigt –zum Anlass nehmen, um negativ über uns zu berichten, muss ein Auslaufmodell sein. Fort- und Weiterbildung sind mehr denn je erforderlich. Wir müssen viel mehr als bisher politische und soziale Mandate wahrnehmen. Die Medien sollen erkennen, dass wir gesamtgesellschaftlich aus­sagefähig sind. Eine kompetente PR ist unabdingbar, um dem System, in dem wir leben, klarzumachen, dass wir nicht „Schubladen ziehen“, sondern auch über das Arzneimittel hinaus etwas zu sagen haben. So stünde es den Pharmazeuten gut an, auch zu relevanten Themen, die eben nicht unbedingt die Apotheke betreffen, Statements abzugeben: z.B. zur Atomkraft, zu gentechnischen Problemen, zu Umweltstudien wie Fluglärmgutachten usw. Wir haben überall Fachleute: in den Hochschulen, in der Industrie, in den Apotheken. Wir sollten – auch wenn es massive Widerstände von der „anderen“ Seite gibt – viel mehr gemeinsame Aktivitäten mit Medizinern auf Augenhöhe PR-wirksam umsetzen.

Wir selbst verstehen es bis heute aber offenbar nicht, der Gesellschaft zu vermitteln, wie bedeutsam die Apotheke vor Ort, wie unentbehrlich unser Beruf ist. Dazu ist jeder Einzelne vor Ort gefordert. Es reicht nicht, alles nach „Berlin“ zu schieben. Die Me­dien vor Ort werden – positiv wie negativ – durch unmittelbare Aktivitäten aufmerksam. Daher ist der Stand als „Team“ gefordert. Das muss sich im Leitbild und das muss sich auch in den wirtschaftlichen Bedingungen wieder­finden. Ich denke: Man kann die Medien nicht oft genug mit aktuellen Dingen aus der Apothekenszene „beglücken“. Immerhin sind wir wohl der naturwissenschaftliche Beruf, der die meisten Einzelgebiete unter einem Dach vereinigt. Das muss schlichtweg besser genutzt werde. Dann klappt‘s auch mit den Medien.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2013; 38(21):4-4