Pleite-Investments

Wenn aus Anlageprodukten Ramschware wird


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Der Markt boomt: Aktien und Anleihen mittelständischer Firmen feiern Hochkonjunktur, bieten sie doch oft bedeutend höhere Ertragschancen als Papiere von Großkonzernen. Allerdings sind die Risiken nicht zu unterschätzen, wie die Beispiele Praktiker oder Solarworld zeigen.

Anleihekapital bleibt zum Teil erhalten

Nur teilweise besser erging es Anlegern, die auf das deutsche Vorzeigeunternehmen der Energiebranche Solarworld gesetzt hatten. Dank der Zustimmung der Beteiligten wurde im Juli ein massives Restrukturierungsverfahren zur Abwendung der Insolvenz eingeleitet. Nachteil für Aktionäre: Sie müssen auf 95 % ihres Kapitals verzichten. Einst war Solarworld indes quasi ein Garant für Gewinne. Zwischen 2003 und 2011 kletterte der Börsenkurs der Aktie unter geringen Schwankungen von – bereinigt – 0,21€ auf über 42€: ein Plus von sagenhaften 20.000 %. Heute wird das Papier mit rund 0,70€ gehandelt und auch hier kommt es zu hohen Tagesschwankungen.

Günstiger gestellt sind – zumindest derzeit – Anleger, die sich in den beiden Anleihen des Unternehmens engagiert hatten: Hier einigte man sich auf eine Umwandlung von 55 % des Anleihenennwerts in neue Aktien, sodass die Papiere rechnerisch nur noch 45 % wert sind. Allerdings kommt in den aktuellen Kursen von rund 36 % die Skepsis des Marktes zum Ausdruck, inwieweit die Rückzahlung in den Jahren 2016 bzw. 2017 sichergestellt ist.

Diese Beispiele zeigen, dass weder bekannte Namen noch ein plausibles Geschäftsmodell letztlich vor einer finanziellen Schieflage schützen. Das Problem jedoch: In den meisten Fällen ist es dem privaten Anleger nicht möglich, hinter die Kulissen zu blicken und finanzielle Schwierigkeiten rechtzeitig zu erkennen. Umso wichtiger ist es für vorsichtige Sparer, gerade Investments in mittelständische Unternehmen – ob in Form von Aktien oder Anleihen – laufend zu beobachten.

Kurschart als Warnung

Gute Dienste leistet hier der Kurs­chart: So konnte der Kursrückgang der Praktiker-Aktie zwischen 2007 und 2011 von 31€ auf 8€ noch als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise bewertet werden. Als das Papier jedoch entgegen dem allgemeinen Börsentrend weiter massiv nachgab, musste dies als deutliche Warnung gesehen werden. Ähnlich war es bei Solarworld: Bis 2011 war der Rückgang von über 40€ auf unter 7€ noch eine börsenübliche Korrektur, der anschließend beginnende Absturz und die begleitenden negativen Kommentare hinsichtlich der wachsenden Konkurrenz aus China waren jedoch ein klares Verkaufssignal.Noch rascher kann es allerdings bei Anleihen gehen: Das Solarworld-Papier mit Laufzeit bis 2017 galt noch bis Mitte 2011 als grundsolide und wurde mit Kursen von bis zu 103 % gehandelt. Die ersten Anzeichen einer Schieflage sorgten dann jedoch für einen sehr schnellen Einbruch auf zeitweise nur noch 50 %. Dennoch hatten Anleger daraufhin noch knapp ein Jahr Zeit, um ihr Investment zumindest teilweise zu retten, denn an der Börse wurden weiterhin Kurse von bis zu 66 % bezahlt.

Freilich ist eine Entscheidung in einer solchen Situation schwierig:

  • Zum einen hofft jeder Anleger auf ein Wiedererstarken des Unternehmens, verbunden mit ei­ner baldigen Kurserholung. Dies erlebten z .B. die Anleihegläubiger des Reisekonzerns TUI, dessen Papier zeitweise auf unter 50 % eingebrochen war, sich dann aber wieder erholen konnte und 2012 schließlich planmäßig zur Rückzahlung kam.
  • Zum anderen sollte man sich der Tatsache bewusst sein, dass der Turnaround einem hochverschuldeten Unternehmen oft nicht gelingt und man sich dann möglicherweise mit Insolvenzverwaltern herumschlagen muss. Ein Beispiel aus der Vergangenheit ist die im Jahr 2009 erfolgte Insolvenz des renommierten Modekonzerns Escada, dessen Anleihe derzeit mit Mini-Zahlungen aus der Insolvenzmasse bedient wird.

Laufende Beobachtung

Anleger, die auf erste Warnsignale nicht reagiert haben, müssen also im Einzelfall entscheiden: Erscheinen die Aussichten positiv und ist man risikobereit, kann ein Fortbestand des Engagements erwogen werden. Lässt jedoch die Unternehmenslage mittel- bis langfristig keine generelle Trendwende erwarten, sollten insbesondere konservativ eingestellte Investoren eher zu früh als zu spät aussteigen und sich auf diese Weise den bei einer Insolvenz möglicherweise sogar gefährdeten steuerlichen Verlustvortrag sichern. Große Zurückhaltung sollten Anleger in jedem Fall in Hinblick auf Neuengagements üben: Eine Aktie für 0,10€ kann zwar schnell einmal 50 % Kursgewinn bringen, aber ebenso schnell ganz vom Kurszettel verschwinden – sodass das Kapital in der Regel verloren ist. Auch bei Anleihen ist zwar – siehe TUI – eine Gegenbewegung möglich und mit entsprechenden Gewinnen verbunden, jedoch muss man sich über den hochspekulativen Charakter eines solchen „späten Investments“ im Klaren sein.

Verbraucher im Risiko

Allerdings sind es nicht allein Anleger, die unter der Schieflage eines großen Unternehmens leiden. Gerade der Fall Praktiker/Max Bahr hat auch die Probleme für Verbraucher aufgezeigt, die der Firma ihr Vertrauen geschenkt hatten. Wurde z. B. Ware angezahlt oder bereits vor der Auslieferung komplett bezahlt, ist damit zu rechnen, dass das Geld in die Insolvenzmasse einfließt und eine Lieferung allenfalls dann erfolgt, wenn die Ware nochmals bezahlt wird. Aber auch wenn – bei Baumärkten durchaus üblich – Produkte bereits vollständig bezahlt wurden, jedoch im Zuge einer laufenden Baumaßnahme noch auf Abruf bereitgehalten werden, ist damit zu rechnen, dass das gezahlte Geld zur Insolvenzmasse gehört und die Ware beim Anbieter verbleiben muss. Vergleichbares gilt für ausgestellte Gutscheine, die mit der Insolvenz zunächst einmal ihren Wert verlieren. In den meisten Fällen muss der gutgläubige Käufer auf eine möglichst hohe Insolvenzquote hoffen, die meist erst nach vielen Jahren zur Auszahlung kommt. Es wird mithin immer wichtiger, sich bei Anschaffungen mit Vorauszahlungen sowie bei Gutscheinen auch einmal Gedanken über das Unternehmen selbst zu machen.

Keine Nachsicht kann man im Übrigen erwarten, wenn man einem insolventen Unternehmen noch etwas schuldet: Verbindlichkeiten, z. B. Leasing- oder Darlehens­raten, müssen weiterhin bezahlt werden – wobei die Abwicklung im Regelfall ohnehin durch eine zwischengeschaltete externe Bank erfolgt.

Hinsichtlich eventueller Mängel erworbener Produkte kommt es wiederum auf den Einzelfall an. Der ansonsten in der Regel zweijährige Anspruch auf Gewährleistung wird von insolventen Unternehmen meist nicht mehr erfüllt, allenfalls kann man auf Kulanz hoffen – z. B. wenn die Firma auch weiterhin fortbesteht und ihren Ruf nicht verlieren will. Besser gestellt ist der Verbraucher indes bei einer frei­willig abgegebenen Hersteller­garantie, kann er in diesem Fall doch direkt den Hersteller des Produkts in Anspruch nehmen. Voraussetzung ist hier lediglich, dass dieser auch wirklich greifbar ist, was z. B. bei No-Name-Ware aus Fernost durchaus schwierig werden könnte.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2013; 38(23):12-12