Prof. Dr. Reinhard Herzog
Ideen und Projekte
Ideen, womöglich bereits konkret zu Projekten verdichtet, sind für die Weiterentwicklung eines Betriebs unverzichtbar. Für viele Menschen sind zudem Ideen, teils „Spinnereien“, Fantasien oder Träumereien, hinsichtlich ihrer Motivation enorm wichtig, um den grauen Alltag zu bewältigen und seine Widrigkeiten zu ertragen.
Nicht weniges bleibt aber auf der Ebene der Idee oder eines angefangenen Projekts teils über Jahre hinweg stehen. Bekannt sind begonnene Doktorarbeiten, unvollendete Musikkompositionen oder nie fertig gemalte Bilder, aber eben auch stockende Umbauprojekte, Neustrukturierungen des Betriebs oder Expansionsbestrebungen. Solange damit kein nennenswerter Kräfte- und Ressourcenverbrauch einhergeht, mag man dies so akzeptieren. Zudem gibt es die berühmten „Schubladenprojekte“, bislang zwar nicht realisiert, aber im Gegensatz zur Träumerei am Tag X umsetzbar und sehr konkret ausgearbeitet.
Doch eines ist ebenso klar: Wenn eine Idee über Jahre hinweg nicht ansatzweise einer Verwirklichung nähergebracht wurde, kann man zwar weiter träumen – aber es ist eben Träumerei. Diese kann ihren Sinn haben, treibt sie uns doch an und taucht die Zukunft in ein angenehmeres Licht.Irgendwann kommt der Tag der Wahrheit, an dem man sich eingestehen muss: Aus den hochfliegenden Plänen wird nichts mehr. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Ehemals revolutionäre Gedanken sind Allgemeingut geworden, ehemalige Innovationen sind keine mehr. Manch kreativem Geist dämmert das erst auf dem Sterbebett. Realistisch und bodenständig veranlagten Menschen kommt dieser Gedanke weit früher, sie unterziehen sich einer bisweilen frustrierenden „geistigen Hygiene“, schaffen aber damit Platz und Kraft für Neues. Das ist sehr wichtig, andernfalls werden Sie immer von den Gedanken an das Unvollendete blockiert: „Warum habe ich nicht damals...?“ Doch wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?
Die Lebenserfahrung sagt: Wem etwas wirklich wichtig ist, der setzt Prioritäten und bleibt dran. Andernfalls lässt man es schleifen – vielleicht, weil es auch so funktioniert? Machen Sie deshalb eine mentale Jahresinventur, betrachten Sie Ihr Ideen- und Projekt-Portfolio, so wie Sie Schachteln zählen oder Ihr Wertpapierdepot unter die Lupe nehmen:
- Was ist „verfallen“, hat sich also überlebt, bzw. wofür gibt es mittlerweile einfache käufliche Lösungen? Beerdigen Sie diese Ideen in Würde.
- Woran haben Sie Ihr Interesse verloren bzw. was schleifen Sie nur unter „ferner liefen“ mit? Vergessen Sie es endgültig.
- Was ist schlicht unrealistisch, weil Sie es (noch) nicht stemmen können? Wenn es nur an den Ressourcen liegt, dann machen Sie ein „Schubladenprojekt“ daraus: Konkret ausgearbeitet, harrt es der Umsetzung, bis Bedingung X oder Y eingetreten ist – mit Wiedervorlage, wenn sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Schreiben Sie das auf, nur so bekommt es eine gewisse Verbindlichkeit.
- Wofür brennen Sie hier und jetzt? Was möchten Sie unbedingt erreichen? Setzen Sie es ganz oben auf die Prioritätenliste. Wenn die Idee Hand und Fuß hat und wirtschaftlich sinnvoll ist: Nehmen Sie sich Zeit dafür!
Reißleinen ziehen
Hin und wieder winkt jedoch eine (scheinbar?) so fette Beute, für die Sie so „brennen“, dass Sie sich in das Projekt regelrecht verrennen, z.B. eine Filiale oder Neugründung. Das bekannte Phänomen lautet „Gier frisst Hirn“, mit der Konsequenz, dass man Warnsignale übersieht und professionellen Rat in den Wind schlägt. Hieraus können extrem gefährliche Situationen erwachsen. Die Lösung heißt: Innehalten, die Antennen aufstellen, objektive Sichtweisen zulassen, Fakten akzeptieren, auch einmal zuhören und eben loslassen, selbst wenn das ein schmerzliches Eingeständnis eigener Fehleinschätzung ist.
Arbeitsweisen und Prozesse
„Das haben wir schon immer so gemacht“ ist nicht nur ein Phänomen altgedienter, in der täglichen Betriebsroutine erstarrter Mitarbeiter. Im Laufe des Lebens hat jeder seine Arbeitsweisen, Erfolgsmethoden und Umgangsformen entwickelt. Solange alles gut läuft, vielleicht sogar der „Erfolgs-Express“ weiter Fahrt aufnimmt, mag kein Grund bestehen, Bewährtes zu ändern.
Vielleicht hinterfragt man jedoch auch dann, ob alles tatsächlich so gut ist, wie es scheint. Erfolg kann blind machen und im Sinne eines „kontinuierlichen Verbesserungsprozesses“ lässt sich fast immer etwas noch verbessern. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, den letzten Cent „herauszuquetschen“ und die Mitarbeiter „zu quälen“. Wichtiger ist, dass man – ähnlich wie ein durchtrainierter Sportler – seine Form erhält, beweglich bleibt, nicht „einrostet“ und sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruht. Deshalb ist das „Loslassen“ bei den richtigen Dingen, ein Infragestellen selbst bei Bewährtem auch für Erfolgsbetriebe ratsam.
Möglicherweise überlebensentscheidend wird die Fähigkeit, Bisheriges zu hinterfragen, wenn es zu kriseln beginnt. Dann sollte nichts „heilig“ sein, alle Abläufe müssen auf den Prüfstand, selbst wenn dies einzelnen Mitarbeitern völlig zuwiderläuft. Zuerst heißt es „Loslassen“ bei bisherigen Arbeitsweisen, als nächstes notfalls auch bei Personen.
Investitionen, Geräte, Arbeitsmittel
Was sammelt sich nicht so alles im Betrieb (und zu Hause) an! Aber man könnte es doch noch einmal brauchen... So wird vieles Unnötige, selbst Defektes gehortet. Was Informationen angeht, so hat das Internet die Welt umgekrempelt. Von Ausnahmen abgesehen, werden Sie heute keine Artikelsammlungen auf Papier (die übrigens schon immer nur dann sinnvoll waren, wenn man ein gut gepflegtes Ablagesystem hatte) mehr durchsuchen. Sie werden neu recherchieren.
Das alte Laborgerät im Keller, sofern keine Pflichtausstattung, werden Sie, wenn Sie es jahrelang nicht gebraucht haben, mutmaßlich auch demnächst nicht nutzen. Erst recht werden Sie es nicht instand setzen, allenfalls, wenn es ein seltenes Museumsstück ist. Angesichts des technischen Fortschritts wird man zudem am Tag X eher nach einem neuen Gerät Ausschau halten.
Ähnliches gilt für Software: Ein Programm anno 2005, bis heute nicht genutzt, dürfte künftig nicht interessanter werden, zumal es auf neuen Rechnern womöglich nicht mehr läuft.
Nicht wenige Menschen ertragen Macken und Unzulänglichkeiten enorm lange. Der Rechner hat seine Probleme und macht Zicken, was man mit allerlei (zeitaufwendigen!) Kunstgriffen umschifft. Der Salbenrührer ist eine Katastrophe und verzögert die Rezepturen beträchtlich. Man ärgert sich täglich über diese und jene Unzulänglichkeit, arrangiert sich aber irgendwie damit, zu einem oft hohen Preis hinsichtlich Effektivität und Arbeitsfreude.
Die Lösung heißt: weg damit, loslassen, trennen... Was Sie die letzten zwei, drei Jahre nie gebraucht haben, werden Sie demnächst wohl ebenfalls nicht benötigen. Und was Ihnen täglich den Nerv raubt, was nicht tut, wie es soll – raus damit und ggf. etwas Neues anschaffen. Der Spaß an der Arbeit winkt als Belohnung.
Mitarbeiter
„Trennen“ ist in unserer arbeitsfixierten und arbeitsrechtlich überregulierten Republik fast ein Tabuthema. Und so leiden viele: Die meisten Leute haben zwar Arbeit, aber etliche keinen Spaß daran – und ihre Chefs dann ebenso wenig. In Beamtenstuben herrscht bisweilen ein grausiges Arbeitsklima mit ausgeprägter Mobbingkultur, weil Kündigungen praktisch unmöglich sind.
„Loslassen“ und „Trennen“ seitens des Arbeitgebers, unkompliziert, fair und in Würde, sind bei uns verpönt (Parallele: Mietrecht). Dafür werden 40% der Ehen geschieden...
Dennoch: Falls Sie sich jeden Morgen über Frau Meier ärgern, wenn Sie sie nur sehen, falls es ständig im Gebälk knirscht, die „Chemie“ nicht stimmt oder Sie es mit geballter Unfähigkeit zu tun haben – vollziehen Sie erst einmal für sich selbst den inneren Schnitt. Sagen Sie sich klar: So geht es nicht weiter. Ziel: Trennung! Dann kommt es nur noch auf die beste Strategie an sowie auf das Preisschild, das dieser Trennungsprozess trägt.
Kaum ein Mitarbeiter möchte ein „Target“ sein, über dem ständig der Adler schwebt, bereit, beim kleinsten Fehler zuzustoßen. Wer es klug und fair angeht, dem Mitarbeiter die Sinnlosigkeit des Arbeitsverhältnisses verständlich machen kann und vielleicht sogar den Weg zu Alternativen woanders ebnet, sollte ganz gute Karten haben. Das „Wie“, ggf. durch Berater unterstützt, ist dabei oft gar nicht das Problem. Häufig mangelt es an der konsequenten Weichenstellung, an der eigenen Entscheidungskraft klar dafür oder dagegen.
Parallelen zur an anderen Stellen diskutierten „Stopp-Loss“-Strategie zur Verlustbegrenzung sind unübersehbar, dennoch ist das „Loslassen“ zum richtigen Zeitpunkt nicht dasselbe. Denn sich früh-, zumindest noch rechtzeitig zu trennen, setzt nicht unbedingt bereits angefallene Verluste voraus. Im Gegenteil, diese sollen idealerweise vermieden werden.
Das erinnert an das „Zahnarzt-Phänomen“: Nicht wenige Menschen laufen lieber monatelang mit Zahnschmerzen herum, als den Zahnarzt aufzusuchen. Dieses kontinuierlich kleinere Leiden wird als akzeptabler eingestuft als ein „Ende mit Schrecken“.
Eigenes Engagement
Hier sollte ebenfalls für viele die Weichenstellung eher in Richtung „Loslassen“ gehen, statt immer mehr vereinnahmt zu werden. Sorgsam mit der eigenen Lebenszeit umzugehen, sich nicht zu sehr von Unwichtigem blockieren und den Blick für das Wesentliche verstellen zu lassen – das sollte das Leitmotto werden. Aber diesen mentalen Schritt müssen Sie zuerst machen:
- Ich bin nicht zu jeder Zeit unverzichtbar.
- Der Betrieb läuft temporär auch ohne mich gut. Wenn nicht: Wie schaffe ich das?
- Es gibt für mich ein Leben und Interessen außerhalb der Apotheke.
- Mehr Zeit ist mir ggf. etwas wert – beispielsweise etwas weniger Einkommen.
Stellen Sie sich diesem Thema – Ihre Lebenszufriedenheit wird es Ihnen danken. Zufriedene Menschen sind übrigens meist die besseren Chefs, und so kann weniger eigene Arbeit bisweilen sogar den höheren Geschäftserfolg bedeuten!
Am schwersten: Trennen vom Betrieb
Das schwierigste Kapitel für viele engagierte Unternehmer ist das Loslassen vom geliebten Betrieb, vom eigenen Lebenswerk. Wer an den oben erwähnten Punkten schon einmal das „Loslassen“ geübt hat, wird sich vielleicht leichter tun.
In jedem Fall gilt es, nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Dieser ist spätestens dann erreicht, wenn es ohne den Chef im Betrieb besser läuft als mit – z.B. im Urlaub oder bei Krankheit. Wenn der eigene positive Wertbeitrag rapide sinkt, gesundheits- oder motivationsbedingt, ist es Zeit, sich erhobenen Hauptes zu verabschieden. Nicht zuletzt, damit Kunden, Mitarbeiter und Freunde den Chef als einen erfolgreichen, frohen, motivierten Menschen in Erinnerung behalten – und nicht als jemanden, den man schließlich aus seinem Betrieb „heraustragen“ musste.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(01):5-5