Prof. Dr. Reinhard Herzog
Gefeierte Analysten
Die Analystengläubigkeit geht – insbesondere in den USA – mittlerweile sogar so weit, dass bereits statistische Auswertungen vorgenommen und als Signalgeber betrachtet werden: Gibt z.B. ein Unternehmen aktuelle Umsatz- und Ertragsdaten bekannt, wird sofort geprüft, ob die Analystenprognosen übertroffen, erreicht oder auch unterschritten wurden. Im ersten Fall ist mit starken Kursgewinnen zu rechnen – selbst wenn das eigentliche Ergebnis keineswegs positiv ausgefallen sein sollte. Umgekehrt wird die Aktie deutlich nachgeben, wenn die Analystenschätzungen mit den tatsächlichen Zahlen unterschritten wurden, die Branchenkenner also zu optimistisch waren.
Das böse Erwachen kommt jedoch für jeden Analysten immer dann, wenn seine Prognosen dauerhaft nicht mehr eintreffen – etwa, weil er sich in vollem Vertrauen auf seine Fähigkeiten über die Grundregeln einer sorgfältigen Pro- und Contra-Abwägung hinweggesetzt hat oder weil er sich von der am Markt herrschenden Euphorie hat mitreißen lassen. Dann wird der einstmals gefeierte Analyst in der Branche schnell fallen gelassen und allenfalls müde belächelt.
Müde belächelt werden mittlerweile aber auch die Prognosen, die vor allem von deutschen Kreditinstituten, aber auch von deutschen Ablegern ausländischer Banken abgegeben werden. Die genannten Zielgrößen werden in schöner Regelmäßigkeit mehr oder minder deutlich verfehlt. Bestes Beispiel ist das Jahr 2013: Rund 50 Geldhäuser und Vermögensverwaltungen hatten den DAX in eher ruhigem Fahrwasser gesehen und einen Jahresendstand von durchschnittlich 8.000 Punkten bei einer Bandbreite zwischen 6.200 Punkten (Capital Economics) und 8.890 Punkten (Nomura) vorhergesagt. Tatsächlich ist der Index jedoch auf rund 9.600 Punkte geklettert. Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Euro Stoxx 50 (Prognosen: 2.800 Punkte – Realwert: 3.100 Punkte) sowie beim amerikanischen Standard & Poor‘s 500 (1.520/1.850 Punkte). Massive Fehleinschätzungen gab es auch beim Goldpreis, den die Mehrheit der Experten auf ein Niveau von fast 1.900 US-Dollar/Unze taxiert hatte, der jedoch auf 1.200 Dollar/Unze einbrach. Zumindest nahe der tatsächlichen Zahlen lagen die Prognosen lediglich bei den Zinsen und bei der Euro/Dollar-Relation.
Gerade die sehr extremen Abweichungen bei Aktien und beim Gold zeigen, dass Anleger derartige Prognosen zwar durchaus registrieren, sie jedoch keinesfalls allein als Grundlage für Entscheidungen heranziehen sollten. Wichtiger sind fundamentale Beobachtungen und die Beachtung von Trends. So konnte man Ende 2012 in jedem Finanzblatt lesen, dass es der deutschen Wirtschaft durchaus gut ging – was für einen weiteren Anstieg des DAX sprach. Auch alte Börsenregeln sind oft Erfolg versprechender als mancher Expertenrat: „The trend is your friend“ besagt z.B., dass die Kurse so lange aufwärts bzw. abwärts tendieren, bis dieser Trend eindeutig durch eine Gegenbewegung gebrochen wird.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(09):12-12