Tagesgeldanlagen

Zinsbonus mit Risiko-Kick


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Erst vor rund zehn Jahren wurden sie hierzulande bekannt, heute stellen sie die Basis jeder Geldanlage dar: Tagesgeldkonten mit mehr oder minder attraktiver Verzinsung. Dabei gibt es große Unterschiede bei den Konditionen, zudem sind auch die Risiken zu beachten.

Mit großformatigen Lettern warb einst ein neuer Anbieter um deutsche Investoren: Die isländische Kaupthing Bank, damals die Nummer eins im Heimatland und die Nummer sechs unter den skandinavischen Kreditinstituten, zahlte Anlegern satte 5,65% Jahreszins für täglich verfügbares Geld. Doch die Freude vieler deutscher Sparer währte nicht lange. Im Zuge der Finanzkrise konnte die Kaupthing Bank ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen und 2008 wurde das Institut unter staatliche Kontrolle gestellt. Es sollte mehrere Jahre dauern, bis alle deutschen Sparer nach langem Rechtsstreit und politischen Interventionen entschädigt wurden.

Gerade ausländische Institute sind es jedoch, die auch heute noch die Ranglisten bei Tagesgeldvergleichen anführen. Bis zu 1,4% Jahreszins können Anleger derzeit erzielen, wenn sie z.B. bei türkischen Banken einsteigen. Verwiesen wird dabei auf die Einlagensicherung: Danach sind bei Instituten innerhalb der Europäischen Union generell mindestens 100.000€ abgesichert, außerhalb der EU gelten teils höhere (z.B. USA rund 180.000€), teils niedrigere (z.B. Kanada rund 67.000€) Sätze. Auch finden sich oftmals Regeln, wonach die Gelder im Falle einer festgestellten Insolvenz innerhalb bestimmter, meist recht kurzer Fristen ausgezahlt werden müssen.

Das Problem: Die Einlagensicherung steht erst einmal nur auf dem Papier, die praktische Handhabung wurde indes noch nicht unter Beweis gestellt. So hatten sich deutsche Anleger auch bei Kaupthing sicher gefühlt, wurde doch mit der isländischen Einlagensicherung geworben. Diese war jedoch viel zu schwach ausgestattet, um den Verpflichtungen nachkommen zu können. Niemand garantiert, dass z.B. die türkische Einlagensicherung über ausreichende finanzielle Mittel verfügt, um deutsche Sparer „im Fall der Fälle“ entschädigen zu können. Hinzu kommen bei Nicht-EU-Ländern politische Unwägbarkeiten: Bei einem Regierungswechsel werden in Krisensituationen möglicherweise bestehende Regelungen für nichtig erklärt, sodass Anleger um ihr Geld zittern müssen.

Risiken abwägen

Sinnvoll ist es daher, vor einem entsprechenden Geschäftskontakt die Risiken abzuwägen. Problemlos sind alle – auch ausländischen – Institute, die einem deutschen Einlagensicherungssystem angeschlossen sind. Weitgehend unproblematisch sollten Geldhäuser mit EU-Einlagensicherung aus wirtschaftlich starken Ländern wie Österreich oder den Niederlanden sein. Bei allen anderen Offerten sollte man selbst entscheiden, ob der gezahlte Mehrzins das größere Risiko wert ist.

Aber auch in Deutschland lassen sich interessante Schnäppchen machen. Während die meisten lokalen Banken und Sparkassen Tagesgelder inzwischen nur noch mit 0,1% bis 0,5% p.a. verzinsen, werben Internetbanken mit bis zu 1,4% um Neukunden. Ein Wechsel erfordert zwar etwas Aufwand, ist letztlich jedoch bei allen Anbietern gleich: Onlineformular ausfüllen, Legitimationsprüfung vornehmen (z.B. via Postident) und Geld überweisen – und schon steht dem höheren Zins nichts mehr im Wege.

Dabei gilt es jedoch, mögliche Fallstricke zu entlarven – die es bei fast allen Angeboten in mehr oder minder ausgeprägter Form gibt. Dies beginnt bei den Betragsgrenzen: Einige Geldhäuser verlangen Mindestsummen ab meist 5.000€ bis 10.000€, niedrigere Beträge werden mit einem deutlich geringeren Satz verzinst. Eine solche Offerte kommt also nur infrage, wenn die Mindestanlagesumme erreicht werden kann. Problematischer sind indes Höchstgrenzen: Bietet ein Institut z.B. 1,2% für maximal 5.000€ und ist der Zins nur für einen Zeitraum von sechs Monaten garantiert, beträgt der Zinsertrag in dieser Zeit 30€. Wird das Geld indes bei der Hausbank z.B. für 0,4% angelegt, erzielt der Anleger im gleichen Zeitraum 10€. Fraglich ist, ob sich für den temporären Zinsvorteil von 20€ der Wechsel lohnt. Denn schließlich erfordern auch die Kontoneuanlage und der Transfer des Geldes eine gewisse Zeit, die am vermeintlich hohen Zinsertrag zehrt. Geht man z.B. von einer optimistisch gerechneten Gesamtdauer von 10 Tagen aus, reduziert sich der Zinsvorteil bereits deutlich, bei längerer Abwicklungsdauer geht er oft ganz verloren. Zu beachten ist auch ein zusätzlicher Aufwand bei der Steuererklärung, wenn Abgeltungssteuer abgezogen wurde.

Ein weiteres Problem sind die gerne vorgegebenen Zinsstaffeln: Dabei werden z.B. für Anlagesummen bis 10.000€ lediglich 0,3% bezahlt, bis 50.000€ hingegen 0,5% und bis 100.000€ sogar 1,0%. Geworben wird jedoch stets mit dem Höchstzinssatz, versehen mit einer Fußnote mit der Zinsstaffel. Viele Institute ziehen die Staffelrechnung bei der Zinsvergütung durch und gewähren nur den jeweiligen Staffelzinssatz. Bei einem Anlagebetrag von beispielsweise 20.000€ werden dann also die ersten 10.000€ mit 0,3% vergütet und die zweiten 10.000€ mit 0,5%.

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Zinseszinseffekt. Regionale Sparkassen sowie Genossenschaftsbanken schreiben die Zinsen für Tagesgelder oftmals monatlich, zumindest aber vierteljährlich gut. Auf diese Weise profitiert der Anleger vom Zinseszinseffekt. Werden die Zinsen indes nur jährlich gutgeschrieben, liegt die Rendite deutlich niedriger als bei einer schnellen Zinsbuchung im Monatsturnus.

Weiterhin stellt sich stets die Frage, für wen der in der Werbung angebotene Zins eigentlich gilt: In vielen Fällen handelt es sich um Lockvogel-Offerten für Neukunden, hingegen müssen sich Anleger mit bereits bestehendem Konto bei der jeweiligen Bank mit deutlich niedrigeren Sätzen begnügen. Wann ein Anleger als Neukunde eingestuft wird, ist unterschiedlich: Manche Geldhäuser verlangen, dass noch niemals eine Bankverbindung bestanden haben darf, andere sehen Anleger bereits ein halbes bis maximal zwei Jahre nach Schließung des letzten Kontos als „Neukunden“ an.

Eng damit verbunden ist die Frage nach der Dauer der Offerte: Nicht selten findet sich in Fußnoten der Hinweis auf eine sechs- oder gar nur dreimonatige Zinsfestschreibung. Wer hier den zeitaufwendigen Wechsel auf sich nimmt, muss sich möglicherweise schon nach sehr kurzer Zeit mit einem wesentlich niedrigeren Zinssatz für „Altkunden“ begnügen. Die Rechnung der Bank geht jedoch immer dann auf, wenn der Kunde aus Bequemlichkeit nach Ablauf dieser Frist nicht wieder wechseln will.

Vorsicht vor Koppelungen

Meist unattraktiv sind aber auch die in letzter Zeit verstärkt angebotenen Koppelungsgeschäfte: Hohe Zinsen werden oftmals nur dann geboten, wenn der Kunde auch andere Dienstleistungen des Unternehmens wahrnimmt. Gerne gesehen wird beispielsweise die Übertragung von Wertpapieren in ein neu anzulegendes Depot – das dann nach einer gewissen Kulanzphase mit entsprechenden Kosten belastet wird. Aber auch kostenpflichtige Girokonten werden häufig automatisch in Verbindung mit einer Tagesgeldneuanlage eröffnet.

Am „teuersten“ ist schließlich die Koppelung mit einer Investmentanlage: Geboten werden z.B. 4% auf ein Tagesgeldkonto, verbunden mit der Auflage, die Hälfte des Anlagebetrags innerhalb von 6 bis 12 Monaten in Investmentanteile umzuschichten. Verkauft wird eine solche Offerte unter Werbeslogans wie „Erst abwarten, dann einsteigen“, und dem Kunden wird suggeriert, er könne mit diesem Modell auf eine besonders günstige Börsensituation warten. Da jedoch der Fonds mit einem Ausgabeaufschlag von z.B. 5% versehen ist, sinkt die Rendite der Tagesgeldanlage beträchtlich: Bei einer verbindlichen Umschichtung von z.B. 50% nach 6 Monaten hat ein 100.000-€-Anleger nach einem Jahr auf dem Tagesgeldkonto ein Guthaben von 53.000€ und – bei unveränderten Investmentpreisen – einen Fondsbestand von 47.619€, zusammen also 100.619€. Aus versprochenen 4% sind somit lediglich 0,6% geworden. Und auch diese Rechnung gilt nur, wenn der Kurs der Investmentanteile in der Anlageperiode unverändert geblieben ist.

Dies zeigt: Lockvogelangebote können zwar durchaus interessant sein. Achten sollte man jedoch auf mögliche Fallstricke. Zudem ist der Aufwand zu bedenken, der mit jedem Bankenwechsel verbunden ist. Nur wenn die neue Offerte diesen Aufwand wert ist, kann das „Spielchen Tagesgeld-Hopping“ gute Erträge abwerfen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(16):13-13