Geldanlage

Nach der Blase kommt der Preisverfall


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Kaum ein werthaltiges Produkt bleibt von einem Phänomen verschont: die Spekulationsblase, ausgelöst durch Anleger, die sich allen rationalen Gedanken verweigern. Im Ergebnis kommt es oft zu einem massiven Preisverfall, von dem sich die Anlageform erst nach vielen Jahren erholt.

Im Jahr 1996 begann der Deutsche Aktienindex DAX – seinerzeitiger Stand: 2.500 Punkte – zu steigen. Nach einem Jahr lag der Gewinn bei 75%, nach zwei Jahren waren es schon 140%. Zahlreiche neue Firmen gingen an die Börse, viele davon aus der als besonders fortschrittlich geltenden Technologiebranche und der Telekommunikation. Die Emissionen waren um ein Vielfaches überzeichnet und wer ein paar Stücke zugeteilt erhielt, konnte bereits am Tag der ersten Börsennotiz einige Hundert Prozent Gewinn einstreichen.

„Milchmädchenhausse“

Nach einem kleinen Rückschlag im Jahr 1998 war der Bann gebrochen: Aktienkurse kannten kein Halten mehr. 10, 20 oder mehr Prozent Plus pro Woche waren bei manchen Titeln eher die Regel denn die Ausnahme. Neuemissionen boomten und selbst wenn die Firmen jahrelange Verlustphasen prognostizierten, gab es enorme Kurssteigerungen. Auch manches Unternehmen ganz ohne konkrete Produktpalette konnte problemlos an der Börse platziert werden, sofern nur das Wort „Technologie“ im Prospekt auftauchte.

Entsprechend war die Stimmung unter Geldanlegern: Ob Großinvestor, Lehrer oder Krankenschwester – jeder wollte sich seinen Anteil an der boomenden Börse sichern. Der DAX kletterte auf über 8.000 Punkte, der erst 1999 für Technologiewerte des Neuen Marktes mit 1.000 Punkten eingeführte NEMAX50-Index sprintete binnen zweier Jahre auf über 9.500 Punkte. Kaum ein Anleger interessierte sich dafür, dass sich die fundamentalen Kennzahlen der Aktien weit von jeder realistischen Bewertung entfernt hatten. Manches gerade erst zwei Jahre alte Technologieunternehmen wurde an der Börse höher bewertet als altgediente Industriekonzerne aus dem DAX, die Spekulationsblase stand in voller Blüte. Nicht umsonst spricht man in solchen Phasen von einer „Milchmädchenhausse“.

Das Ende des Booms begann, als alle investiert waren. Da kein neues Geld mehr an die Börse floss, gaben die Märkte nach. Jetzt waren es die zuletzt eingestiegenen, meist börsenunerfahrenen Anleger, die aus Angst um ihr Geld verkauften. Die Abwärtsspirale war in Gang gesetzt und erst zur Jahreswende 2002/ 2003 fanden die Märkte einen gewissen Halt. Der DAX war zu diesem Zeitpunkt auf 2.200 Punkte eingebrochen, der NEMAX50 sogar auf rund 300 Punkte.

Das wichtigste Resümee vieler Anleger lautete in der Folge: Substanz. An den Börsen wurden nicht mehr vage Zukunftsvisionen gehandelt, sondern man setzte auf Bewährtes, also solide Gewinne und entsprechende Dividenden. Auch Immobilien gerieten in den Fokus vieler Anleger. Und damit begann gleich die nächste Spekulationsblase, diesmal in den USA. Die Preise für Immobilien stiegen zunächst moderat, dann immer schneller. Denn jetzt wollte jedermann am Boom partizipieren.

Den Banken konnte dies nur recht sein: Angesichts des Steigerungspotenzials waren 100%- Finanzierungen kein Problem. Selbst sozial schwachen Familien wurde bereitwillig ein Eigenheim zugestanden. Kredite wurden zu Paketen zusammengeschnürt und in Form von Anleihen und anderen Finanzprodukten an renditehungrige vermögende Investoren weiterverkauft. Es kam, wie es kommen musste: Als die ersten Kredite nicht mehr bedient werden konnten und gleichzeitig die amerikanische Regierung Einschränkungen der Banken- Liberalität vornahm, wollten manche Anleger Kasse machen. Doch die weit überteuerten Immobilien ließen sich nicht mehr verkaufen, die Preise brachen ein und mit ihnen auch manche Bank, die sich bei der Finanzierung übernommen hatte. Ausgelöst wurde dadurch eine der größten Finanzkrisen der jüngsten Vergangenheit, die selbst den Euro ins Straucheln brachte.

Zwei Spekulationsszenarien, zwei zum Teil sehr unterschiedliche Entwicklungen. Doch gerade aus diesen Beispielen können Anleger viel lernen.

Regel Nummer eins – mit jeder Spekulationswelle lässt sich gutes Geld verdienen: Denn die Kurse steigen zunächst gemäßigt, dann immer stärker und schließlich mit Rekordsätzen. Und davon kann jeder erst einmal profitieren, sofern er sich nicht leichtfertig von seinen Investments trennt, um allzu frühzeitig Gewinne zu realisieren. In dieser Phase hat es sich z.B. bei Aktien bewährt, mit einem variablen Verkaufslimit zu arbeiten. Dieses wird z.B. 10% unter dem aktuellen Börsenkurs angesetzt und mit jedem Anstieg nach oben fortgeschrieben. Steigt also z.B. eine Aktie von 100€ auf 120€, wird das Limit – wahlweise lediglich intern oder als Limitvorgabe bei der Bank – von 90€ auf 108€ angehoben. Steigt der Kurs weiter auf 140€, liegt das Verkaufslimit bei 126€. Gibt dann der Kurs auf 130€ nach, wird das Limit bei 126€ festgeschrieben. Im Ergebnis liegt also das maximale Risiko des Depots bei 10%, jedoch bleibt man für Gewinne weiterhin offen.

Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen

Regel Nummer zwei – das Erkennen des Höhepunkts der Spekulationsblase: Bereits mit der dargestellten Limitierung kann man recht zuverlässig feststellen, wenn das weitere Potenzial des Marktes erschöpft ist. Hinweise lassen sich aber auch in der Berichterstattung finden: Werden hohe Preise mit Argumenten wie „Diesmal ist alles anders“ gerechtfertigt, ist das Ende des Booms nicht mehr weit. Gleiches gilt, wenn sich selbst börsenferne Sparer für einen Markt zu interessieren beginnen. Spricht man z.B. an bayerischen Stammtischen darüber, wie interessant Berliner Immobilien als Geldanlage seien, ist der Crash meist nicht weit entfernt. Hier sollte man keinesfalls mehr einsteigen und stattdessen Pläne für einen geordneten Rückzug aufbauen.

Regel Nummer drei – kein vorschnelles Neuinvestment: Kommt es an einem überhitzten Markt zu einem markanten Rückschlag von z.B. 20%, reizt dies viele Investoren zum erneuten oder sogar erstmaligen Einstieg. Denn schließlich hat man noch die erreichten Höchstkurse in Erinnerung, die als erreichbar angesehen werden. Nicht selten erfolgt ein Einstieg sogar allein aufgrund der Tatsache, dass man den Boom zunächst quasi verpasst hat und erst jetzt richtige Gewinnchancen wahrnimmt.

Insbesondere bei deutlich überhitzten Märkten ist das Ergebnis vorprogrammiert: Die Preise werden sich möglicherweise erst einmal etwas erholen, doch dann erneut abstürzen – und dies oft noch viel stärker als in der ersten Phase der Baisse. Denn nach einem leichten Anstieg trennen sich häufig auch langjährige Anleger von ihren Investments, wollen sie so doch ihre immer noch hohen Gewinne realisieren. Im besonderen Maße gilt dies, wenn die Preise zudem noch deutlich höher liegen als im Langfristvergleich über 10 bis 20 Jahre. Abwarten ist hier die Devise, denn es kann durchaus zwei bis drei Jahre dauern, bis eine Baisse ihre Tiefststände erreicht hat. Interessant kann nun auch der Kauf von Produkten sein, die bei fallenden Kursen des Basiswerts steigen. Bei Aktien ist dies z.B. mit Indexpapieren auf den Short-DAX möglich, bei Anleihen kann über Terminkontrakte von fallenden Kursen profitiert werden.

Doch welche Bereiche sind heute in Hinblick auf die Bildung einer Spekulationsblase als riskant einzustufen? Zweifellos stehen dabei Immobilien an erster Stelle, wobei man zwischen den teilweise sicherlich heißgelaufenen Regionen wie München und eher ruhigen Gebieten etwa in Ostdeutschland unterscheiden muss. Bei Immobilien sind es generell mangelnde Anlagealternativen, die Anleger derzeit reizen, sodass ein abruptes Ende des Booms zumindest in den kommenden Monaten nicht wahrscheinlich ist.

Gleiches gilt für Aktien: Viele Papiere sind hier zwar vergleichsweise hoch, aber immer noch angemessen bewertet. Auch kann bei einem Indexstand von 9.200 Punkten noch nicht von einer Blasenbildung gesprochen werden. Problematischer ist die Lage hingegen bei Anleihen, bei denen selbst drittklassige Titel heute Höchstkurse erreichen. Damoklesschwert ist die Zinssteuerung durch die Europäische Zentralbank: Sobald hier ein restriktiverer Kurs gefahren wird, ist mit Kursrückgängen zu rechnen. In verstärktem Maße sind diese einzukalkulieren, falls wirtschaftspolitische Maßnahmen – Stichworte: Ukraine, Russland – die Bonität von Unternehmen beeinflussen. Vorsichtige Investoren setzen daher auf Papiere mit überschaubaren Laufzeiten, die ihren persönlichen zeitlichen Anlagevorstellungen entsprechen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(20):14-14