Prof. Dr. Reinhard Herzog
„Sell in May and go away“ – so lautet eine alte Börsenregel, die häufig ihre Berechtigung gefunden hat. Denn während die Kurse in den ersten Monaten des Jahres meist deutlich steigen, beginnt im Juni oft eine Flaute, die sogar in beträchtliche Rückschläge münden kann. Eine andere Börsenregel besagt, dass ein weiterer Kurssturz meist im September oder Oktober droht. Und in der Tat: Alle bedeutenden Rückschläge – vom Börsenkrach 1929 bis zu den Crashs 1987 oder 2001 – waren am Übergang zwischen dem dritten und vierten Quartal zu verzeichnen. Markant zudem: Während in Ländern mit ausgeprägtem jahreszeitlichem Wechsel erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Börsenmonaten nachweisbar sind, finden sich weitaus weniger markante Ausschläge in äquatornahen Regionen.
Saisonale Stimmungswechsel
Betrachten wir die einzelnen Perioden einmal genauer: Besonders auffällig ist die Börsenentwicklung in Europa in den ersten Monaten eines Jahres. Hier wird das Börsengeschehen nicht nur von der generellen Aufbruchstimmung in ein neues Jahr und den damit verbundenen guten Vorsätzen geprägt, vielmehr geraten – dies wurde wissenschaftlich nachgewiesen – viele Anleger aufgrund der wieder länger werdenden Tage in eine Art Euphorie. Besonders an den ersten „echten“ Frühlingstagen geht es häufig aufwärts, während ein sich lange hinziehender Winter manchmal negativen Einfluss haben kann. Unterstützt wird die insgesamt jedoch meist freundliche Entwicklung dadurch, dass in den ersten Kalendermonaten viele Anleihen ihre Zinstermine haben und zudem die Konzerne ihre Aktiendividenden ausschütten, weshalb ein entsprechender Bedarf zur Wiederanlage besteht. Ihren Höhepunkt erreicht diese Entwicklung meist im April/Mai, sodass damit auch die eingangs erwähnte Börsenregel bestätigt wird.
Denn im Juni/Juli beginnt sich die Stimmung der Börsianer zu ändern: Man hat sich an das Tageslicht gewöhnt, oft belasten Hitze und Gewitter die Psyche, hinzu kommt die Urlaubszeit. Aktienkäufe werden zurückgestellt, manche Handelstage sind von extrem niedrigen Umsätzen geprägt. Dies hat auch die Deutsche Börse AG erkannt, die neben dem ganzjährig im Sekundentakt aktualisierten Deutschen Aktienindex DAX den „DAXplus Seasonal Strategy“ berechnet, der in den Monaten August und September ausgesetzt wird. In den vergangenen 30 Jahren entwickelte er sich regelmäßig deutlich besser als sein „großer Bruder“ DAX. Mit der Rückkehr der Urlauber im August/September beginnt ein neuer Stimmungswechsel: Jetzt will man sich wieder engagieren. Meist können die Märkte nochmals deutlich zulegen. Doch dann beginnt der Herbst: Die Tage werden kürzer, die Hochstimmung schwindet. Spätestens mit dem Aufziehen der ersten Nebel macht sich an der Börse Ernüchterung breit. Nicht selten kommt es zu einem markanten Kursrückgang, manchmal sogar zu einem Börsenkrach.
In den letzten Monaten des Jahres ist dann eine eher undifferenzierte Entwicklung zu beobachten: Einerseits herrscht weiterhin Lustlosigkeit, andererseits sorgt das Weihnachtsgeschäft mit seiner allgemeinen Kauf- Euphorie auch bei Aktien oftmals noch für eine „Weihnachts-Rallye“. Nach Schwankungen im November sind die letzten Wochen eines Jahres häufig von Kurssteigerungen geprägt.
Gut beraten sind Anleger mithin, wenn sie sich auch an diesen psychologischen Effekten orientieren. Denn eines ist sicher: Selbst die besten fundamentalen Daten kommen gegen eine negative Grundstimmung nicht an, ebenso werden – siehe das Boomjahr 1999 – katastrophale Unternehmensergebnisse nur allzu schnell von einer Kauf-Euphorie überdeckt, die steigende Kurse mit sich bringt.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(20):12-12