Zukunft der Apotheke

Drei Fragen an Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Oberender


Dr. Christine Ahlheim

Professor Peter Oberender ist Direktor der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth, Geschäftsführer des Instituts für angewandte Gesundheitsökonomie (IaG) sowie Partner der Unternehmensberatung „Oberender & Partner“.

AWA: Wie beurteilen Sie aus ökonomischer Sicht das beim diesjährigen Deutschen Apothekertag in München verabschiedete Perspektivpapier „Apotheke 2030“?

Oberender: Von der Standesvertretung der Apotheker ist es richtig und wichtig, sich Gedanken zur Apotheke im Jahre 2030 zu machen. Wichtig ist es auch, dass hier versucht wird, ein realistisches Szenario zu entwickeln. Allerdings hat man häufig den Eindruck, dass alter Wein in neue Schläuche gefüllt wird. Wirklich neue kreative Ideen fehlen.

Wünschenswert wäre es aber gewesen, neben den Aspekten, dass der Verbraucher ein größeres Bewusstsein entwickeln wird und er gestiegene Erwartungen an seine Lebensqualität und damit auch an den Apotheker haben wird, auch die zukünftigen Herausforderungen zu berücksichtigen. So werden die Digitalisierung und die Globalisierung im Gesundheitswesen und damit auch der Wettbewerb weiter zunehmen.

Dies wird nicht ohne Konsequenz für die öffentliche Apotheke bleiben. Wichtig wäre es deshalb gewesen, nicht nur den Aspekt des Heilberufs des Apothekers als Experte für Arzneimittel in den Vordergrund zu stellen, sondern auch angesichts der zunehmenden Ökonomisierung unserer Welt und insbesondere auch des Gesundheitswesens darauf abzustellen, dass Apothekern in ihrem Studium neben den naturwissenschaftlichen und heilberuflichen Inhalten insbesondere auch ökonomisches Grundwissen vermittelt wird. Denn es ist absehbar, dass neben der fachlichen Qualifikation zunehmend der freiberuflich tätige Apotheker auch Unternehmer sein muss, wenn er in Zukunft in einer sich verändernden Welt überleben will.

Deshalb sollte dieses Perspektivpapier ergänzt werden um Überlegungen, die von einem Szenario ausgehen, das auf einem wachsenden Wettbewerb unter Leistungserbringern und auf einer zunehmenden Autonomie der Verbraucher basiert.

AWA: In welchen konkreten Projekten zum Thema „Polymedikation“ sind Sie involviert?

Oberender: Die Bayerische Staatsregierung, insbesondere das Wirtschaftsministerium, ist seit Jahren bemüht, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. Seit 2013 existiert deshalb das Projekt „Modellregion für digitale Gesundheitswirtschaft Franken“. Ziel dieser Initiative ist es, Projekte zu fördern, die auf einer digitalen Basis zunächst für eine sehr begrenzte Zahl von Patienten in der Metropolregion Nürnberg-Erlangen Lösungen aufzeigen, die dann letztlich auch auf andere Gebiete übertragen werden können.

Im Rahmen dieses Projektes existieren fünf Projekte, die durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft gefördert werden, die sich mit der Polymedikation aus einer unterschiedlichen Sicht beschäftigen. Wichtig ist, dass jedoch immer der Apotheker die „Spinne im Netz“ ist. Ziel dieser Projekte ist es nämlich, die Arzneimitteltherapiesicherheit zu erhöhen sowie die Arzneimittelkosten zu senken.

Eines dieser Projekte wird durchgeführt mit der Ärztegenossenschaft Mittelfranken, der Astrum IT GmbH, dem Klinikum Fürth sowie dem Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. Hier stehen die Verbesserung der Arzneimittelsicherheit sowie der Aufbau einer fach- und sektorenübergreifenden Wissensdatenbank im Mittelpunkt.

Bei einem weiteren Projekt, bei dem insbesondere ein Apotheker die „Spinne im Netz“ ist, wird eine sektorenübergreifende Vernetzung im Medikationsmanagement zwischen Arzt, Pflege und Apotheke vorangetrieben.

Bei einem anderen Projekt geht es um ein integriertes System für die Dauerverordnung. Hierbei soll eine Effizienzsteigerung bei der wiederholten Bereitstellung von Rezepten und den dazugehörigen medizinischen Gütern im Rahmen einer Dauerverordnung realisiert werden. Ziel ist es, eine Qualitätsverbesserung der Versorgung von Patienten, die dauerhaft bestimmte Medikamente oder andere medizinische Güter benötigen, sowie die Senkung des organisatorischen Aufwandes und der Kosten bei der dauerhaften Verordnung zu erreichen.

Ein weiteres Projekt hat das Ziel, eine Begrenzung der Verordnung von Arzneimitteln auf wenige Spezialitäten mit einer nachgewiesenen guten Wirksamkeit und reduzierten Nebenwirkungen bei Hochrisikopatienten zu erreichen.

Schließlich wird ein Projekt gefördert, das die Versorgung häuslich gepflegter Patienten mit Medikamenten und Hilfsmitteln im ländlichen Raum zum Gegenstand hat. Durch eine Vernetzung der Beteiligten Arzt – Patient – Apotheke – Sanitätshaus – Pflegedienst – Krankenkasse sollen eine verbesserte Kommunikation und damit eine Verbesserung der Arzneimittelsicherheit für den Patienten sowie beträchtliche Einsparungspotenziale für alle Beteiligten realisiert werden.

Diese Projekte zeigen u.a., welche aktive Rolle der Apotheker in einem zukünftigen Gesundheitswesen spielen kann.

AWA: Welches sind aus Ihrer Sicht die zentralen Punkte, um die Zukunft der öffentlichen Apotheke langfristig zu sichern?

Oberender: Der Wettbewerb wird in Zukunft im Gesundheitswesen im Allgemeinen und im Apothekenbereich im Besonderen weiter zunehmen. Hierbei wird es wichtig sein, sich auf die Kernkompetenz im Sinne des Perspektivpapiers „Apotheke 2030“ zu konzentrieren. Entscheidend wird sein, dass es dem Apotheker gelingt, eine vertrauensvolle Kundenbindung zu den einzelnen Kunden herzustellen. Er muss das Vertrauen des Kunden gewinnen, vor allem auch angesichts der zunehmenden Arzneimittelfälschungen im Internet. Für die Apothekerschaft ist es relevant, die Apothekenvertriebsbindung aufrechtzuerhalten. Über die anderen Standesregeln kann man durchaus diskutieren. Allerdings sollten sie nicht kampflos, d.h. nicht ohne Gegenleistung, aufgegeben werden.

Alles in allem wird entscheidend sein, ob es der Apothekerschaft gelingt, sich den Erfordernissen der Zeit – Globalisierung und Digitalisierung – sowie dem zunehmenden Gesundheitsbewusstsein und der zunehmenden Konsumentenautonomie erfolgreich anzupassen. Dabei genügt es nicht, auf die Veränderungen zu reagieren, sondern entscheidend wird es sein, selbst aktiv bei diesen Veränderungen mitzuarbeiten. Es ist also ein Agieren statt ein Reagieren erforderlich.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(21):3-3