Geldanlage

Mit der „Watchlist“ zur Börsenerfahrung


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Die zurückliegenden Finanzkrisen haben es bewiesen: Die Geldanlage ist nicht einfach. Nur wer die Märkte richtig einschätzen kann, wird in der Hausse Gewinne machen und in der Baisse Verluste vermeiden. Doch ohne entsprechende „Vorarbeiten“ wird der Erfolg meist ausbleiben.

Geht es um die Zusammensetzung von Medikamenten, um Wirkung, Neben- und Wechselwirkungen, ist ein Apotheker die erste Anlaufstelle. Beipackzettel und Hinweise im Internet können zwar hilfreich sein, die langjährige Berufserfahrung eines pharmazeutischen Experten lässt sich jedoch nicht so leicht ersetzen. Nicht anders ist es bei der Geldanlage: Finanzprodukte gibt es – ebenso wie Medikamente – in unüberschaubarer Vielfalt, ohne genauere Fachkenntnisse lassen sich jedoch weder die Eignung für ein bestimmtes Ziel noch die Chancen und Risiken beurteilen.

Das Problem jedoch: Während es dem Apotheker in erster Linie darum geht, die Gesundheit des Menschen zu fördern, hat sich die Finanzbranche von der Kundenorientierung inzwischen weitgehend entfernt. Anlageberatern geht es – mit wenigen Ausnahmen – in erster Linie darum, die eigenen Produkte zu verkaufen und damit hohe Erträge zu erzielen. Der Kundennutzen steht bestenfalls an zweiter Stelle.

Wenn es aber an fachkundigem Rat mangelt, ist Eigeninitiative gefragt. Wer etwa nach sorgfältiger einstündiger Recherche für 10.000€ die „richtige“ Aktie kauft und damit in einem Monat 20% Kursgewinn erzielt, hat 2.000€ verdient – ein nicht zu verachtender Stundenlohn.

Ganz so leicht ist es freilich nicht, das „richtige“ Papier auszuwählen. Denn wie bei Medikamenten gibt es auch bei der Auswahl von Aktien nicht den mathematisch geraden, sauberen Weg. Manche Arzneien wirken bei manchen Patienten besser als bei anderen, bei vielen sind Wechsel- oder Nebenwirkungen zu berücksichtigen. Ebenso ist es bei Wertpapieren: Auch hier gibt es chancenreiche und eher problematische Produkte, auch hier sind Wechsel- und Nebenwirkungen zu beachten, z.B. bei der Depotzusammensetzung.

Zeit für Erfahrungen

Doch welche Möglichkeiten gibt es, sich zumindest ein solides Grundwissen aufzubauen? Zum einen bietet der Buchhandel eine ganze Reihe von Fachbüchern, in denen man sich über die Fachbegriffe der Geldanlage, die Chancen und Risiken der wichtigsten Finanzprodukte und die Beurteilung der Marktlage informieren kann. Meiden sollte man dabei allerdings alle Titel, die – in oft marktschreierischer Manier – einzelne Themen herausgreifen, z.B. „Morgen kommt der große Crash“. Denn hier werden oft Horrorszenarien beschrieben, die meist nur der Promotion einzelner Produkte – etwa der Anlage in Gold – dienen. Eine weitere Möglichkeit zum Sammeln von Erfahrungen ist das Lesen und – vor allem – die kritische Auseinandersetzung mit Finanzzeitungen und Börsenmagazinen. Eine nette Übung ist es etwa, die dort genannten Anlagevorschläge einschließlich der Begründung zu notieren und das Ergebnis nach einem halben Jahr zu überprüfen – was oft überraschende Ergebnisse bringen wird.

Gut geeignet sind für den Finanzlaien aber auch „Trockenübungen“, die sich mithilfe des Internets heute problemlos durchführen lassen: Die meisten Banken und Sparkassen, aber auch Börsenbetreiber bieten im Internet die Möglichkeit zur kostenlosen Eröffnung einer Watchlist oder eines Muster-Portfolios. Legt man sich z.B. ein – fiktives – Kapital von 100.000€ bereit, kann man dafür Wertpapiere „kaufen“ oder „verkaufen“, die einem interessant erscheinen. Beobachtet man nun dieses „Depot“ in regelmäßigem Turnus, lassen sich schnell die Einflussfaktoren auf die Kursentwicklung erkennen. Bereits nach sechs bis zwölf Monaten wird man in der Lage sein, die Finanzprodukte wesentlich besser zu beurteilen. Der „Lohn“ dieses Zeitaufwands wird nicht lange auf sich warten lassen: Mit der richtigen Auswahl des passenden Produkts zum optimalen Zeitpunkt ist man nicht nur unabhängig vom Bank„verkäufer“, sondern kann auch durchaus solide Erträge erzielen.

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2014; 39(21):14-14