Prof. Dr. Reinhard Herzog
Seit Jahrzehnten gilt der Schweizer Franken als „sicherer Hafen“, wenn es um internationale Währungsentwicklungen geht. So legte er im Zuge der Finanzkrise zwischen 2007 und 2011 zeitweise um mehr als 50 % zu. Doch diese Entwicklung war der Schweizer Regierung und der Notenbank ein Dorn im Auge: Da ein hoher Frankenkurs die Wirtschaft lähmte, wurde im Jahr 2011 ein Mindestkurs von 1,20 € je Franken festgelegt, der mit entsprechenden Interventionen verteidigt wurde. Kursschwankungen hielten sich seitdem in engen Grenzen.
Die Probleme begannen mit den jüngsten Euroturbulenzen. Denn die Gemeinschaftswährung verlor nicht nur gegenüber dem US-Dollar an Wert, auch die Belastung gegenüber dem Schweizer Franken wurde immer größer. Am 15. Januar kam es dann zum Eklat: Unter dem Druck ihrer Milliarden-Interventionen gab die Schweizer Notenbank bekannt, den Mindestkurs nicht mehr weiter zu unterstützen. Die Märkte reagierten rasch: Innerhalb von Minuten verlor der Euro zunächst mehr als 1 0%, bis zum Abend lag das Minus bei 20 %. Damit erreichte der Franken Parität zum Euro, d.h. 1 Franken = 1 Euro.
Mit Bestürzung reagierte der Schweizer Aktienmarkt: Mehr als 10 % Minus verzeichneten insbesondere die exportorientierten Unternehmen allein am Tag der Notenbankentscheidung, über 100 Mrd. Franken wurden innerhalb weniger Stunden an der Börse „verbrannt“. Denn für viele Unternehmen ist die Stärke des Franken ein wahres Debakel: Die bisher schon teuren Produkte verteuerten sich um einen Schlag um 20 % – und sind international kaum noch wettbewerbsfähig.
Panik bei Schweizer Hoteliers
Auch unter Schweizer Hoteliers herrscht Panikstimmung, da sich der ohnehin schon kostspielige Schweiz-Urlaub um weitere 20 % verteuert, sodass viele Interessenten der Eidgenossenschaft den Rücken kehren werden. Hinzu kommt, dass auch die bisher stützende Nachfrage aus Russland in diesem Winter aufgrund der Sanktionsmaßnahmen um mehr als 50 % eingebrochen ist.
Betroffen sind jedoch nicht nur die Urlauber: Wer z.B. – wie in den vergangenen Jahren durchaus üblich – seine Immobilie in Schweizer Franken finanziert hat, muss jetzt 20 % mehr zurückzahlen, gleichzeitig erhöhten sich auch seine Zinsraten um diesen Satz. Das „billige Geld aus der Schweiz“ ist mithin extrem teuer geworden. Besonders trifft dies einige osteuropäische Staaten: Ein Drittel aller Immobilien in Polen ist statt in Zloty in Franken finanziert – mit den entsprechenden Folgen für das ganze Land. Freuen dürfen sich dagegen die Schweizer Verbraucher: Urlaube in der Eurozone sind jetzt ebenso günstiger geworden wie der Einkaufsbummel in grenznahen Geschäften. Zufrieden sein können aber auch deutsche Sparer mit Schweiz-Engagements: Anleihen-Investments verzeichnen entsprechende Kurssprünge, bei Aktien wurden die Verluste an der Börse durch Gewinne beim Franken ausgeglichen.
Niemand kann heute die weitere Entwicklung zuverlässig prognostizieren, denn auch in den kommenden Monaten ist mit Turbulenzen zu rechnen. Anleger sollten daher eher abwartend agieren und Franken-Engagements nicht übergewichten. Wer in Franken finanziert hat, sollte spätestens jetzt an einen „geordneten Rückzug“ denken, sofern ihm seine Bank nicht ohnehin Druck macht, auf den Euro umzusteigen.
Zwar ist nicht auszuschließen, dass wir in den kommenden Wochen erst einmal eine Gegenbewegung, d.h. einen Rückgang des Franken-Kurses gegenüber dem Euro erleben werden. An der Tendenz wird sich jedoch so lange nichts ändern, wie es in den Euroländern kriselt und der Euro zu Schwäche neigt.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(03):15-15