Prof. Dr. Reinhard Herzog
Die meisten Geldanleger haben keine konkreten Pläne, sondern kaufen z.B. Aktien, die ihnen in Medienberichten, in Internetkommentaren oder von Freunden empfohlen werden. Das Ergebnis ist oft fatal: Derart aufgebaute Depots bestehen vielfach aus einem bunten Sammelsurium unterschiedlichster Papiere, es werden nur unterdurchschnittliche Wertentwicklungen erzielt, manche Positionen landen tief in den roten Zahlen. Erfahrene Anleger wissen jedoch: Nur wer sich mit seinen Aktien auseinandersetzt und sie laufend beobachtet, wird auch Erfolg haben.
Eine der wichtigsten Methoden hierbei ist die Fundamentalanalyse. Untersucht werden insbesondere Kennzahlen aus dem Jahresabschluss und der Bilanz. Hierzu zählen die Dividende und die daraus resultierende Dividendenrendite, die Hinweise auf die Ertragskraft eines Unternehmens liefern. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang aber auch der vom Unternehmen erwirtschaftete Gewinn, der auf die Zahl der Aktien umgelegt wird (Gewinn pro Aktie) und aus dem sich das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) errechnen lässt. Je niedriger diese Kennzahl, umso billiger ist das ausgewählte Papier. Zu nennen sind weiterhin der Buchwert und das Kurs/Buchwert-Verhältnis, das aussagt, wie hoch ein Unternehmen in Relation zu seinem realen Wert an der Börse bewertet wird. Zunehmend wird inzwischen auf Vergleiche gesetzt: Eine über die Jahre steigende Dividendenrendite und ein kontinuierlich rückläufiges Kurs/Gewinn-Verhältnis gelten als Indizien dafür, dass ein Papier kaufenswert ist. Stagnierende Kennzahlen oder gar ein steigendes KGV sind indes Warnhinweise.
Innerer Wert
Ziel der Fundamentalanalyse ist es also, den inneren Wert einer Aktie zu ermitteln und festzustellen, ob ein Papier im Vergleich zu ähnlichen Titeln „billig“ oder „teuer“ ist. Ein zusätzliches Kriterium sind die Zukunftsperspektiven, basierend auf der Branchenentwicklung und den angebotenen Produkten bzw. Dienstleistungen. Je attraktiver diese sind, umso eher werden mittelmäßige Kennzahlen akzeptiert.
Vorteil der Fundamentalanalyse ist ihre Aussagekraft: Alle Zahlen sind quasi „Tatsachen“. Nachteilig ist das Alter der Zahlen: Abschlüsse werden erst Monate nach dem Ende des Geschäftsjahrs erstellt, auch Zwischenbilanzen und Quartalsveröffentlichungen beruhen meist auf veraltetem Zahlenmaterial. Manche Unternehmen steuern die Kennzahlen sogar nach eigenen Vorstellungen, was die Vergleichbarkeit weiter erschwert.
Hier setzt die Chartanalyse an: Dabei wird der bisherige Kursverlauf nach recht einfachen Regeln ausgewertet bzw. in die Zukunft fortgeschrieben. Grundgedanke ist, dass bestimmte Unternehmensentwicklungen – etwa ein deutlich steigender Gewinn – längst in den Börsenkursen eskomptiert sind und daher das Kursbild ausreicht, um die künftige Entwicklung vorherzusagen.
Gern gearbeitet wird hierbei etwa mit den Gleitenden Durchschnitten, d.h., die Kurskurve wird mit einer gleitenden Durchschnittslinie unterlegt. Aber auch Trendkanäle und andere Signalgeber sollen dem Anleger zeigen, ob z.B. ein Aufwärtstrend intakt ist oder ein Absturz droht.
Pluspunkt der Chartanalyse ist ihre Schnelligkeit: Während eine Fundamentalanalyse für den privaten Anleger heute allenfalls mithilfe moderner Computertechnik und den entsprechenden Datenquellen möglich ist, können Charts innerhalb weniger Minuten nach eventuell interessanten Formationen durchsucht werden. Doch auch bei der Chartanalyse kommt es zu Fehlprognosen, sodass Anleger gut beraten sind, beide Methoden zu berücksichtigen. „Stimmt“ dann auch noch die Psychologie der Börse, also die Stimmung der Börsianer, dann steht einer erfolgreichen Aktienanlage nur noch wenig im Wege.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(06):13-13