Prof. Dr. Reinhard Herzog
„Die XY AG hat ihren Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr um 14% auf 453 Mio.€ gesteigert und damit die Analystenerwartungen übertroffen“ – eine Meldung, wie sie derzeit fast täglich zu Hunderten über die Ticker der Nachrichtenagenturen und Börseninformationsdienste läuft. Neu daran ist jedoch der Urheber: Nicht ein Journalist „aus Fleisch und Blut“ hat die Nachricht verfasst, sondern ein Computer. Seine Quelle sind die elektronisch übermittelten Ergebnisdaten des Unternehmens, die – angereichert mit entsprechenden Bausteinen und bereits abgespeicherten Informationen – in verständliche Sprache umgesetzt wurden.
Elektronischer Börsenticker
Der Finanzinformationsdienst Thomson Reuters setzt bereits in vielen Bereichen auf den Computereinsatz. Auch beim Wirtschaftsmagazin Forbes arbeitet längst „Quill“, ein „elektronischer Reporter, der aus Zahlen und Prognosen konkrete Nachrichten gestaltet. Während ein Journalist kaum unter zehn Minuten benötigt, um einen entsprechenden Text zu verfassen, erledigt der Computer dieselbe Arbeit in weniger als einer Sekunde. Ein weiterer Pluspunkt: Der Computer macht – sofern mit den richtigen Zahlen „gefüttert“ – keine Fehler.
Gerade im Bereich der Finanzinformationen sehen Software-Entwickler ein riesiges Potenzial. Zu den Zukunftsvisionen gehört, dass die Unternehmensergebnisse dank standardisierter Aufbereitungsmethoden bereits wenige Tage nach Ende des Berichtszeitraums in elektronischer Form zur Verfügung stehen und vom Unternehmensvorstand nur noch kurz „abgenickt“ werden. Nach der Datenübermittlung an die Rechner der Nachrichtenagenturen werden die Meldungen nicht nur in Sekundenbruchteilen umgesetzt, sondern auch direkt in die Auswertungsprogramme der Finanzdienstleister übermittelt. Und diese können dann – so die „Traumvorstellung“ – selbst entscheiden, welche Aktien gekauft oder verkauft werden sollen.
Die schnelle Information mit aktuellem Zahlenmaterial ist zwar sicherlich auf den ersten Blick ein Vorteil. Je stärker jedoch die Elektronik in der Branche Einzug hält und den klassischen Journalismus ersetzt, umso geringer ist ihr eigentlicher Nutzwert. Denn jeder erfahrene Börsianer weiß, dass Zahlen allein – die noch dazu jedem offenstehen – längst noch keinen Trend ausmachen. Erforderlich sind vielmehr ausführliche Analysen der Märkte, bei denen auch computertechnisch nicht greifbare Fakten wie etwa die „Stimmung“ der Börsianer eine Rolle spielen. Hier ist es – zumindest bisher noch – die Aufgabe erfahrener Journalisten, aus dem Zahlenwerk ein komplexes Bild aufzubauen.
Das Problem jedoch: Je mehr Möglichkeiten die Software bietet, umso mehr neigen die Verlage dazu, ihren Personalbestand auszudünnen und mit dem Einsatz unerfahrener Praktikanten die Kosten zu senken. Auch wird – und dies nicht nur in der Finanzpresse – zunehmend kostengünstig gearbeitet. Statt eigener Berichte werden Agenturmeldungen übernommen, die individuelle Meinung wird durch Mainstream-Denken ersetzt. Und wenn man schon beim Einsparen von Kosten ist, wird auch die Ertragsseite unter die Lupe genommen: Die im Pressekodex festgeschriebene strenge Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung findet man immer seltener, vielmehr werden gute Anzeigenkunden gerne auch mit einer passenden „positiven Berichterstattung“ umworben.
Für Anleger besteht mithin die Notwendigkeit zum Umdenken: Berichte sollten nicht nur daraufhin untersucht werden, welchen Nutzwert sie für die eigene Geldanlage bieten, sondern auch, welche Interessen möglicherweise dahinterstehen. Zunehmend erforderlich wird also eine kritische Distanz, verbunden mit dem Aufbau eigener Erfahrungen, die für Anleger ohnehin unverzichtbar sind.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(12):15-15