Prof. Dr. Reinhard Herzog
In der Tat korreliert die aktuelle, durchaus gemischte und in Teilen skeptische Lagebewertung nicht mit den Börsenkursen, die immer noch eine erstaunliche Zuversicht ausstrahlen. Da steht der Nahe Osten in Flammen, die Terrorangst erfasst Europa, die bizarre Flüchtlingspolitik speziell in Deutschland ist noch keinesfalls eingepreist, und vielen exportlastigen Unternehmen bläst der Wind im Zuge der nachlassenden Dynamik in einstigen Wachstumsländern kälter ins Gesicht. Schließlich sind die aufstrebenden Schwellenländer gute Abnehmer unserer hochpreisigen, technologisch führenden Ausrüstungsgegenstände, Maschinen und Fahrzeuge.
Ausgerechnet der Konsum stützt dagegen inzwischen die Wirtschaft, erstaunlich in der „Geiz ist geil“-Republik. Und tatsächlich befördern die zahlreichen Flüchtlinge diese Konjunktur erst einmal weiter, auch wenn sie nicht solide unterfüttert ist.
Dennoch: Lebensmittler, Bekleidungsläden und insbesondere die Bau- und Handwerksbranchen profitieren. Bezahlen werden es am Ende aber die Bürger. Wenn die Rechnung absehbar in Form von Steuer- und Abgabenerhöhungen präsentiert wird und wohl auch wieder steigende Arbeitslosenzahlen zu vermelden sind, kippt die Konsumstimmung ganz schnell. Angesichts der derzeitigen globalen Lage (siehe Auflistung) überwiegen insgesamt die Abwärtsrisiken, gerade an der Börse.
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Vom einstigen Höchststand trennen den DAX nur gut 10%, und falls eine „Jahresendrallye“ die Kurse sogar wieder in Richtung dieses Allzeithochs treiben sollte, ist das erst recht Grund für eine gesunde Skepsis. Hier gilt dann der alte Spruch: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand gestorben“. Der vorausschauende Anleger orientiert sich daher eher an bereits stark gefallenen Werten, bei denen jetzt vieles eingepreist ist.
Auf der Beobachtungsliste stehen deshalb Rohstoffaktien aus den Schwellenländern wie Brasilien (Petrobras, Vale) oder die britische BHP Billiton. Ins Blickfeld geraten wieder das geschmähte Russland sowie das 1,3 Mrd.-Volk Indien. In China läuft der Konjunkturmotor zwar gedämpft. Mittelfristig stehen die Zeichen auch hier weiter auf Wachstum, vor allem bei Konsum und Gesundheit. Werte wie Haier Electronics (Haushaltsgerätehersteller und Elektronikhändler, Produkte auch hier erhältlich) erscheinen „mit längerem Atem“ recht attraktiv.
Der Blick nach USA lohnt ebenfalls nach wie vor, Stichwort Technologie. Hier werden immer noch viele Zukunftsstorys geschrieben, zunehmend in der uns benachbarten Medizintechnik und an den Schnittstellen Elektronik – Pharmazie – Biotechnologie – Diagnostik.
Neuer Immobilien-Höhenflug?
Nicht zuletzt die lang anhaltende Niedrigzinsphase hat mangels „sicherer“ Anlagealternativen die Flucht in Immobilien besonders in gefragten Metropolregionen und jetzt auch in den Städten aus der „zweiten Reihe“ beflügelt. Die Börse scheidet ja für viele Zeitgenossen aus und „sichere“ Anleihen sind noch keine realistische Alternative.
Die Flüchtlingskrise hat jetzt das Potenzial zum weiteren „Game-changer“, vor allem, falls der Zustrom nur näherungsweise anhalten sollte und wir absehbar einige Millionen Menschen (man denke nur an den Familiennachzug) neu und zumindest auf einige Jahre unterbringen müssen.
Demografie auf den Kopf gestellt!?
Einige ernst zu nehmende Prognosen gehen gar von zehn Millionen zumindest temporärer Neubürger bis 2020 aus, ganz überwiegend junge oder sehr junge Menschen unter 35. Genau in diesem möglicherweise „temporär“ steckt jedoch eine Menge Sprengstoff, legt dies doch die Basis für eine veritable Blasenbildung. Verlassen nämlich viele dieser Menschen die Republik mangels Perspektiven hierzulande und infolge einer möglichen Befriedung der Heimat dann doch wieder, droht Leerstand dieser mutmaßlichen Billigunterkünfte in nicht unbedingt bevorzugter Wohnlage. Dies sollte man klar im Auge behalten.
Dennoch: In Deutschland haben wir knapp 42 Mio. Wohnungen bzw. Wohnhäuser mit im Schnitt etwa 91 qm Wohnfläche je Einheit, das macht insgesamt 3,8 Mrd. qm Wohnraum. Statistisch hat jeder Bundesbürger 47 qm zur Verfügung (um 1965: 22 qm!). Setzt man den vorläufigen Flächenbedarf je Neubürger mit lediglich 25 qm an, dann müssten bereits je Million Personen theoretisch 25 Mio. qm geschaffen werden. Bei Baukosten von „nur“ 2.000 € je qm entspricht das Investitionen von 50 Mrd. €. Bei 10 Mio. Menschen bewegen sich die Investitionen in neuen Wohnraum im hoch dreistelligen Milliardenbereich. Eine bundesweite Leerstandsquote von etwa 4% dämpft das etwas, indes sind die Leerstände sehr ungleich verteilt und können daher den Wohnraummangel vielfach konkret vor Ort nicht abfangen. Diese Zahlen illustrieren die Herausforderungen, aber auch die durchaus beachtlichen Umsatzpotentiale. Die Kosten des einen sind bekanntermaßen die Einnahmen des anderen!
Zulieferer und Ausrüster profitieren
Gemäß dem Motto: „Beim Goldrausch verdient der Verkäufer der Schaufeln am meisten“ besteht die Chance darin, die wirklichen Gewinner in der Wertschöpfungskette zu identifizieren, also Bauzulieferer, Hersteller von Sanitäreinrichtungen oder diverse Dienstleister. Schauen Sie mal auf Firmen wie Geberit, Villeroy & Boch oder die (relativ kleine) Westag & Getalit.
Nicht zuletzt lohnt ein Blick auf die Immobilien-Aktien und REITS mit oft attraktiven Dividenden. Der Fokus der Gesellschaften sollte jetzt auf Wohnraum oder hochwertigen Laden- und Praxisimmobilien liegen, wobei auch das Management von Ladenflächen beherrscht sein will, wirbelt doch die Online-Versandhandelswelt die Ladenlandschaft kräftig durcheinander.
Vorteil: Anders als bei geschlossenen Fonds (oder gar gänzlich eigenen Objekten) können Sie hier mit kleinem Geld ein- und auch jederzeit wieder zum täglichen Börsenkurs aussteigen. Risiken lassen sich so besser streuen. Diese Anlagegattung ist heute die Alternative zu den ehemals sehr beliebten offenen Immobilienfonds, die aber im Gefolge der Finanzkrise, eigener Fehler und gesetzlicher Restriktionen einen Großteil ihrer Bedeutung eingebüßt haben.
Zu erwähnen sind, nach Börsenwert sortiert, Gesellschaften wie Vonovia (ehemals Deutsche Annington, mit 14 Mrd. € Marktkapitalisierung am weitaus größten und heute ein DAX-Wert), LEG Immobilien, Patrizia Immobilien, TAG Immobilien, DIC Asset oder der Hamborner REIT. In jedem Fall ist ein Blick auf die Bestandsstruktur zu werfen (Geschäftsberichte auf den Firmen-Webseiten). Und Vorsicht! Spätestens bei deutlich steigenden Zinsen wird hier viel Luft aus den Ballons entweichen, finanzieren sich diese Gesellschaften doch gern über reichlich Kredite. Schuldenstand und -struktur sind daher weitere wichtige Beurteilungskriterien!
Manche Immobilien werden jedoch auch kräftig leiden, falls lokal eine Ghettoisierung und soziale Brennpunktbildung drohen. Nicht jeder wird daher über neue Nachbarn glücklich sein – selbst nicht als Kapitalanleger.
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2015; 40(23):15-15