Ute Jürgens
Wie oft, hatte auch in diesem Fall der ältere Vorgänger aus Gesundheitsgründen seine Arbeitszeit schon längere Zeit auf 20 Wochenstunden heruntergefahren. In der Konsequenz haben die Mitarbeiter eine Reihe typischer Chef-Aufgaben übernommen. Personal wurde aufgestockt, die Lohnkosten sind überdurchschnittlich, während die Umsätze knapp gehalten wurden.
Der Inhaberwechsel findet von einem Tag auf den anderen statt. Der recht junge Nachfolger, Herr Dr. Macher, kennt weder die Angestellten, noch die Abläufe und Zuständigkeiten.
Da der neue Chef Personalkosten sparen will, bietet er allen Mitarbeiterinnen nach dem Rasenmäherprinzip eine Stundenreduktion an. Einige möchten tatsächlich weniger arbeiten, sodass insgesamt 30 Wochenstunden eingespart werden. Die Approbierte steht kurz vor der Rente und ist einverstanden, nur noch die Notdienste und die Urlaubsvertretung zu übernehmen. Im normalen täglichen Ablauf ist sie nicht mehr eingeplant.
„Tabula rasa“
Die Mitarbeiter müssen sich in der Folge erheblich umstellen. Das fällt ihnen sehr schwer. Denn rasch wird klar, dass sämtliche Arbeiten neu verteilt werden sollen. Um den Umsatz wieder zu steigern, werden die Öffnungszeiten an die der umliegenden Geschäfte angepasst und deutlich erweitert.
Zudem beschließt Kollege Macher, forcierte Präsenz bei der Kundschaft zu zeigen. Fortan möchte er grundsätzlich als erster in den HV, wenn sich ein Kunde sehen lässt. Erst danach folgen die PTA in festgelegter Reihenfolge. Sie sollen sich auf die nachgelagerte Kundenberatung und die Rezeptur konzentrieren. Die PKA sind für das Routine-Bestell- und Wareneingangswesen sowie die Schaufensterdekoration in enger Absprache mit ihm verantwortlich.
Alle anderen, spezielleren Arbeiten wie Direktbestellungen, Rücksprachen mit den Ärzten, die gesamte Verwaltung, ja selbst Reparaturen aller Art übernimmt der neue Inhaber.
Surprise, surprise...
Das Team reagiert mit Erstaunen, Bestürzung, Enttäuschung und Zweifel. Jeder Einzelne hat mehr Erfahrung im Berufsleben als Herr Dr. Macher und alle fragen sich, wie er diesen Berg an selbst aufgeladener Arbeit schaffen will. Die Mitarbeiterinnen haben früher sehr selbstständig gearbeitet, da der alte Apotheker sich zunehmend weniger kümmern konnte. Aus Gewohnheit arbeiten sie an vielen Stellen so weiter, werden aber immer wieder von Herrn Dr. Macher zurechtgewiesen, wenn sie ihre Zuständigkeiten überschreiten.
Als er im Büro ein längeres Gespräch mit einem Großhandelsmitarbeiter führt, möchte die PTA, Frau Pfiffig, nicht stören und erledigt geschickt, effektiv und kostensparend die Bestellung mit einem Pharmavertreter, den sie seit 10 Jahren kennt. Wie gewohnt räumt er ihr besonders großzügige Konditionen ein.
Ein paar Tage später wird sie ins Büro von Herrn Dr. Macher gerufen. Er hält die Bestellbestätigung in der Hand und fragt mit mühsam unterdrückter Wut, wie sie dazu kommt, ihre Befugnisse zu überschreiten und derartige Mengen zu bestellen, bzw. überhaupt eine Direktbestellung vorzunehmen. Ihren Einwand, dass sie nicht stören und ihm Arbeit ersparen wollte, lässt er nicht gelten. Sie muss die Firma anrufen, die Bestellung annullieren und bereits entstandene Kosten selbst bezahlen.
Das Team bekommt das natürlich mit, es entsteht Getuschel, es wird diskutiert. Besonders eine jüngere PTA, Frau Neidisch, ergreift Partei für Herrn Dr. Macher und versucht nun stets, Frau Pfiffig bei Übertretungen der Regeln beim Chef anzuschwärzen. Als er mit einem Infekt und hohem Fieber zwei Tage lang nur im Notdienstzimmer bleibt, schickt Frau Pfiffig turnusgemäß Rezepte an das Rechenzentrum ein, die das Team kontrolliert hatte. Wieder genesen, erfährt er davon und schreibt eine Abmahnung, die er so formuliert, dass sie nach den offiziellen Regeln gültig ist. Nun ist das ganze Team in Aufruhr, hält sich aber von Stund an an die Vorgaben von Herrn Dr. Macher. Das hat Folgen.
Die schiefe Ebene
Der Apotheker hat jetzt so viel zu tun, dass er abends noch länger bleibt, um Dinge, die er tagsüber liegen lassen musste, aufzuarbeiten. Dadurch ist er oft übermüdet, sein Privatleben leidet und im Betrieb wird der Stau an Unerledigtem immer größer. Herr Dr. Macher verpasst es mehrmals, Rezepte rechtzeitig einzusenden, weil er es nicht geschafft hat, sie zu kontrollieren. Pharmavertreter fertigt er kurz ab, er handelt nicht um Konditionen, sondern kauft mehr und mehr wahllos ein, da er den Überblick verloren hat und sich keine Zeit nimmt, sich auf angekündigte Besuche vorzubereiten. Nach einiger Zeit stellt er den gesamten Einkauf auf den Großhandel um und bestellt gar nicht mehr direkt, da er sich grundsätzlich belästigt fühlt.
Den Kunden gegenüber verhält sich Herr Dr. Macher zunehmend unfreundlich, die Kundenzahl sinkt, Einbußen sind unübersehbar. Das Team trinkt schon seit Jahren nachmittags zusammen Kaffee. Da Dr. Macher immer noch als erster nach vorne geht und immer häufiger nur ein Kunde da ist, dehnt das Team die gemeinsame Zeit vermehrt aus und unterhält sich im Sozialraum.
Alle beobachten das Geschehen mit Sorge, einige bieten ihrem Chef vorsichtig an, ihm Arbeiten abzunehmen, was er aber weiterhin rigoros ablehnt. Er geht seinen Vorsätzen nach, meint, dass nur er alles richtig macht und realisiert nicht, dass sein Team über Jahre hinweg den größten Teil der Aufgaben, die er von Anfang an für sich beansprucht, bestens erledigt hat!
Signale sehen
Dr. Macher ist zunehmend erschöpft und gestresst, sein Blutdruck geht durch die Decke. Endlich geht er zum Arzt. Dieser möchte ihn sofort in eine Klinik einweisen, da mehrere Werte im hochroten Bereich liegen.
Er verweigert dies, steht doch in den nächsten Tagen der Austausch des Computersystems an. Der Arzt warnt ihn noch, aber Herr Dr. Macher will „eben noch schnell“ die Einführung und die ersten Wochen mit dem System hinter sich bringen. Er hat die Software-Umstellung auf ein Wochenende terminiert, das Team hat frei, er will ihnen alles Wissenswerte selbst beibringen.
Dann geschieht es an diesem Wochenende: Herr Dr. Macher hat starke Atembeschwerden, gerät in Panik und ruft den Notarzt. Als der Softwarecoach eintrifft, kann er ihm nur noch die Telefonnummern der Angestellten geben und bitten, dort zu fragen, ob jemand kommen kann. Er selbst wird ins Krankenhaus gebracht. Die Katastrophe ist eingetreten. Schlimmstenfalls ist jetzt niemand zu erreichen, und falls keine approbierte Vertretung greifbar ist, muss die Apotheke sogar temporär geschlossen werden – der Super-GAU!
Dr. Macher hat Glück. Die Mitarbeiter springen ein, die Vertretungs-Approbierte kann einige Tage kommen. Doch wird es beim nächsten Mal nochmals so ausgehen? Der Kollege und alle in ähnlicher Lage sollten somit dringend über die folgenden Punkte nachdenken!
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Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(02):12-12