Prof. Dr. Reinhard Herzog
Der Kooperationsgipfel thematisierte u. a. die „Clan-Apotheken“, welche sich immer größere Stücke vom Kuchen abschneiden. Man kann auch provokativ von neofeudalen Erbhofstrukturen sprechen. Einen Schönheitsfehler haben diese Konstruktionen im Gefolge des heutigen Apothekenrechts: Sie stehen und fallen mit dem familiären Zusammenhalt! Wehe, eine Scheidung kommt dazwischen, der Nachwuchs bleibt aus oder orientiert sich anders. So zeichnen sich vermehrt wieder menschliche Dramen am Horizont ab, die wir ansonsten vor allem aus den Geschichtsbüchern kennen.
Das ändert nichts an der Tatsache, dass das Motto „Grow or Die“ schon seit Jahren in unserer Branche hochaktuell ist. Niedrigzinsen, ein förmlicher Bauwahn und völkerwanderungsähnliche Zustände (im Übrigen schon länger auch bei den Einheimischen ganz unabhängig von der Zuwanderung, Stichwort Landflucht) eröffnen neue Chancen und Perspektiven, lassen andererseits aber an dieser Stelle viele Verlierer zurück. Es gehen in der Tat viele Rucke durch die (Apotheken-)Gesellschaft.
Es herrscht tatsächlich unabhängig von der öffentlichen Jammerei fast eine Art Goldgräber- und Jagdstimmung wie lange nicht, allerdings eben beschränkt auf kapitalkräftige, zumindest aber sehr mutige Kolleginnen und Kollegen. Das „Oberhaus“ setzt sich ab. Auch wird nicht mehr jede Filiale kritiklos übernommen, nur um im Club der Filialisten mitspielen zu können.
Unternehmerisch investieren!
Tatsächlich wirft die Investition in eigene unternehmerische Aktivitäten zuverlässig die höchsten Kapitalrenditen ab – sofern man das Investment nicht „vor die Wand fährt“. Aber nehmen wir an, Sie nehmen eine stramme dreiviertel Million Euro in die Hand, und erzielen einen nachhaltigen Gewinn daraus von jährlich 150.000 € (was für eine (Filial-)Apotheke mit diesem Preis kein so hohes Ziel ist ...). Das sind dann stolze 20 % Rendite. Diese Rechnung geht freilich nur auf, wenn auch der Firmenwert halbwegs erhalten bleibt. Zehren Sie ihn auf (weil z. B. in einem Center der Anschlussmietvertrag nach zehn Jahren auf wackeligen Füßen steht), sieht das anders aus. Aber selbst wenn sich nach zehn Jahren der Wert weitestgehend verflüchtigt, bliebe immer noch eine durchschnittliche Rendite von rund 10 %. Die muss man andernorts erst einmal erwirtschaften (das ist möglich, verlangt aber nach vielen „Klimmzügen und ist keineswegs risikoarm). Gegen diese Renditen können Sie zudem die Mickerzinsen, die zurzeit für Kredite entrichtet werden müssen, geradezu vergessen.
„Think big“ und mehr?
Tatsächlich wissen viele gar nicht wohin mit dem Geld. Gute Investitionsgelegenheiten zu annehmbaren Preisen sind rar. Das ist ein echtes Problem. Grundsätzlich gibt es ja zwei Wege, sein Investitionskapital unter die Leute zu bringen:
Sie wachsen durch Zukauf. Sie kaufen schlicht Marktanteile und Umsätze zu (Filialen, Aufkauf von Konkurrenz und Schließung, Zukauf neuer Geschäftsbereiche). So produziert man am schnellsten Wachstum – oft aber mehr beim Umsatz als beim Gewinn. Das ist das Modell „Think big“, hoffentlich nicht „too big“.
Organisches Wachstum. Die bestehenden Betriebe wachsen intrinsisch durch eine höhere Attraktivität, bessere Kundenangebote oder den Aufbau (nicht Zukauf!) neuer Geschäftsbereiche – „think quality“. Das Ziel ist hier, Bester im unmittelbaren Konkurrenzumfeld zu werden („best in class“). Das kann im Einzelfall ebenfalls ganz beachtliche Investitionen und somit ein Denken in größeren Dimensionen erfordern. Meist ist es aber die überschaubarere, risikoärmere Variante, falls indes überhaupt genügend Umverteilungsmasse vorhanden ist. Das ist insbesondere bei abgelegenen Standorten nicht immer der Fall.
Welle Wahnsinn?
Man kann die Wachstumsphilosophie ins Groteske steigern, gemäß dem Motto: Genie und Wahnsinn liegen nah beieinander. Vabanque-Spiel pur. Zum einen bekommen Sie heute leichter mehrere Millionen als hunderttausend Euro (wenn Sie überzeugend mit einem gut ausschauenden Geschäftskonzept auftreten können, denn als Millionenkunde sind Sie auch für große Geschäftsbanken interessant, als „kleiner Krauter“, der seinen niedrig sechsstelligen Umbau finanziert haben will, nicht). Zum anderen ist es für Sie als Unternehmer, der mit fremdem Geld agiert, ziemlich egal, ob Sie im Worst case mit einer dreiviertel Million Euro pleite gehen oder mit fünf Millionen. Klingt kaltschnäuzig, ist aber so. Dafür winken umso größere Chancen, ein großes Rad zu drehen, ganz weit oben mitzumischen.
Das Problem: Es mangelt meist an Fantasie und Kreativität, mündend in durchdachte, echt neue Geschäftsideen, die zuerst die Kapitalgeber und dann sinnvollerweise die adressierten Kunden begeistern: „Think new“ statt allein „Think big“. Damit bleiben dann doch für die meisten wieder die Klassiker „fette Filialen“, gern in Kombination mit Immobilien, bisweilen angereichert mit allerlei „Schmankerln“ wie Spezialversorgung, Versand u.a.m. Diese „Schmankerl“ sind oft die Mühlsteine um den Hals, werden aber von Kapitalgebern oft nicht als solche erkannt. Deshalb sind solche Abenteuer immer noch möglich, vor allem, wenn es anfangs „unter dem Strich“ noch rosig aussieht.
Instabil trotz Top-Zahlen
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Wie instabil eine solche Konstruktion sein kann, zeigt unsere Tabelle, die alle Erträge, Kosten und Schulden segmental aufgliedert. Auf den ersten Blick eine Traumkonstellation:
Drei Apotheken, fast 10 Mio. € Umsatz, über 700.000 € Cashflow, viele Standbeine, es wird die gesamte Klaviatur gespielt: Filialen, Speziallabor (Parenteralia), eine hochentwickelte Heimversorgung mit Verblisterung (daher dort die beträchtlichen Schulden). Auf den ersten Blick also eine perfekte Risikostreuung. Nach Tilgungen – wir nehmen hier an, dass Tilgungen und Abschreibungen etwa eins zu eins aufgehen und insoweit vor Steuer verrechnet werden können – bleibt immer noch über eine halbe Million Vorsteuereinkommen. Traumhaft!?
Ein Wermutstropfen: 1,8 Mio. € Schulden, bei diesem Cashflow aber nicht so ein richtig großes Problem, wenn, ja wenn da nicht ein gewaltiges „Klumpenrisiko“ wäre. Preisfrage: Wo liegt es, was kann passieren?
Der ganze Apparat kommt ins Straucheln, wenn das Speziallabor wegfallen sollte! Aufgrund der Abhängigkeitsverhältnisse in diesem Bereich ist das kein so unwahrscheinliches Szenario. Dann bricht das Vorsteuereinkommen schlagartig auf ca. 170.000 € ein. Steigt jetzt noch der Wareneinsatz z. B. um 2 % (Rabattkürzungen), wird es absolut kritisch, je nach privaten Verpflichtungen. Und hier ist schon idealerweise unterstellt worden, dass Personal und Kosten kurzfristig abgebaut werden können. Rückgänge im Hauptgeschäft (z. B. bei den Filialen) oder im Heimgeschäft kann dieses Konstrukt hingegen ganz gut wegstecken. Dieses Beispiel zeigt, welche Schlagseite selbst solch hochrentablen Betriebe haben können.
Die Lösung: Eine konsequente segmentale Wertschöpfungsrechnung! Auf welchen Standbeinen ruht das ganze Konstrukt, wo wird überhaupt Geld verdient, wo versenkt, wo wird selbiges de facto nur „gewechselt“, sprich, viel Aufwand und Umsatz ohne nennenswerten Gewinn getätigt? Was passiert, wenn man einfach mal das eine oder an-dere Segment rechnerisch „ausknipst“? Am Rechner tut es noch nicht weh! Interessanterweise verfügen selbst etliche Top-Apotheken nicht über solche Kontrollmechanismen...
Grenzen des Wachstums
Grenzenloses Wachstum gibt es nicht, und gesundes Wachstum stößt noch viel eher auf zahlreiche Grenzen: Unter Risikoaspekten (siehe oben), im Sinne der Beherrschbarkeit und Übersicht (nicht wenige haben schon, u.a. aufgrund mangelnder Controllingwerkzeuge, weitgehend die Übersicht verloren und sind in größte Probleme geschlittert) oder infolge persönlicher Limitierungen hinsichtlich Leistung und Belastbarkeit. Ungesundes Wachstum kann dann regelrecht toxisch sein und nicht nur die Bilanzen, sondern das ganze Leben vergiften, persönliche Dramen (Scheidung, Entfremdung von den Kindern etc.) inbegriffen.
Der vorausschauende Unternehmer weiß daher auch: Schrumpfen kann im Einzelfall ebenfalls Wachstum bedeuten – nämlich bei der Lebensqualität und nicht selten sogar beim Gewinn. Eine „Desinvestitionsstrategie“ gehört daher in jede langfristige Unternehmensplanung gerade bei großen Konstruktionen als ein mögliches Szenario eingepreist. Nicht wenige Filialisten, gern am Ende ihres Berufslebens und ohne familiären Nachfolger, wissen ein Lied davon zu singen.
Hamstern, hamstern ...
Aber nehmen wir den positiven Fall an. Es wird gehamstert und die Geldspeicher füllen sich. Nur: Was damit anfangen? Wenn Sie es nicht gerade in verschiedenen Kapitalanlagen wieder versenken, sollten Sie stets überlegen, wie Sie Ihr Vermögen sichern können. Insbesondere, wenn Sie einen recht „heißen Reifen“ fahren (Beispiel oben), ist das essenziell, doch nicht trivial. Aber es hilft nichts: Als rechtlich alleinhaftender Inhaber einer Apotheke sollten Sie sich darum rechtzeitig (!) Gedanken machen. Nehmen Sie sich die besten Berater und warten Sie nicht, bis sich eine Schieflage oder gar Insolvenz abzeichnet! Dann ist es nämlich zu spät, weil Vermögensübertragungen noch etliche Jahre später (wie das im Einzelfall aussieht, sollten Sie sich individuell erläutern lassen) revidiert werden können. Ggf. können eigens gegründete weitere Firmen, Stiftungen etc. das Vermögen wirksam schützen.
Die Sinnfragen
Fernab der Zahlenrealität können persönliche Sinnfragen ganze Unternehmenskarrieren ins Wanken bringen: Für wen das alles? Wer dankt es mir? Vor solchen Sinnfragen sind übrigens die allermeisten Menschen nicht frei, irgendwann holt es sie ein. Da kann man dann noch so schön gerechnet und geackert haben: Die Emotionen werfen alles über den Haufen! Und wenn dann noch Schicksalsschläge oder eine schwere Erkrankung hinzukommen, können selbst größte, hochrentable Betriebe in ernste Krisen rutschen. Allenfalls typische „Raubtiernaturen“ agieren auch hier noch ziemlich schmerz- und emotionslos an nüchternen Fakten orientiert.
Deshalb: Behalten Sie auch dieses persönliche Umfeld im Auge. Lohnt der ganze Aufwand überhaupt? Lauern hier nicht gar die größten „Risikopositionen“? Mit wie hoher Wahrscheinlichkeit schaffen Sie nur eine hübsche Beschäftigung für die Scheidungsanwälte? Wer kauft Ihnen eines (vielleicht altersbedingt gar nicht mehr so fernen) Tages Ihr so tolles, großes Lebenswerk ab? Müssen und können Sie es noch sinnvoll stückweise zerlegen und verkaufen? Sollen Sie persönliche Dramen in der Familie riskieren und Sohn bzw. Tochter aus solchen wirtschaftlichen Überlegungen heraus zu ihrem Glück zwingen – was allzu oft nicht klappt?
An dieser Stelle kehren wir zum Titel des Beitrags zurück: Geld spielt dann auf eine bisweilen geradezu dramatisch-groteske Art und Weise keine Rolle (mehr), und mühsam geschaffene Werte lösen sich im Nu auf!
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2016; 41(05):4-4