Preisspiralen drehen immer schneller

Droht eine inflationäre Auszehrung?


Prof. Dr. Reinhard Herzog

Die Inflation ist zurück und könnte sich als langlebiger erweisen, als noch kürzlich gedacht. Manche sehen bereits ein inflationäres Jahrzehnt wie seinerzeit die 1970er Jahre heraufziehen. Doch welche Konsequenzen müssen dann speziell die Apotheken fürchten?

Die viel gepriesene Stabilität des Euro hat sich in den letzten zwei Jahren angesichts der hohen Inflation in Rauch aufgelöst... (© AdobeStock/photoschmidt)

Inzwischen mehren sich Stimmen, die uns am Beginn einer längeren inflationären Phase wähnen. Schauen wir daher an dieser Stelle, wo die Inflation speziell in den Apotheken zuschlagen würde.

Ganz allgemein kann der Wertverzehr bereits über ein Jahrzehnt hinweg beträchtlich ausfallen, wie die Abbildung 1 zeigt. Raten um 4% bis 5% sind denkbar. So waren die 1970er Jahre durchgängig von Anstiegen der Verbraucherpreise im Bereich von 2,7% bis 7,1% gekennzeichnet, im Schnitt 5,0% [1]. Heute sind diverse makroökonomische Faktoren noch schwieriger als damals. Zehn Jahre Verbraucherpreisanstieg um jährlich 5% lassen übrigens die Kaufkraft auf etwa 61% des Ursprungswertes schrumpfen.

Doch was würde ein 1970er-Revival an der Preisfront bedeuten, nämlich eben jene 5% jährliche Inflation über ein Jahrzehnt hinweg?

Eine Modellrechnung für eine Durchschnitts-Apotheke gibt Aufschluss. Der Betrieb mache gut 2,8 Mio. € Jahresnettoumsatz bei 640.000 € Rohertrag. Dafür setze er 40.000 Rx-Packungen ab, das sonstige Absatzprofil entspreche etwa dem statistischen Schnitt. 30.000 € Ertrag sollen zudem ab 2022 mit Zusatzhonoraren (Not-, Botendienste, neue Dienstleistungen, Rezepturen etc.) erwirtschaftet werden.

Der Betrieb wachse umsatzmäßig wie im bisherigen Branchenschnitt mit gut 4% p.a. Das ist realistisch, weil aufgrund zahlreicher Restriktionen (Festbeträge, Rabattverträge, Preismoratorium etc.) insbesondere Rx-Preisanpassungen vielfach nicht möglich sind. Umverteilungseffekte durch schließende Apotheken sind hier bewusst nicht berücksichtigt.

Auf der Kostenseite wird insbesondere die Lohnentwicklung der Inflation gemäß mit +5% p.a. angenommen. Doch damit eine ledige PTA mit einem Bruttogehalt von 36.000 € jährlich netto 5% mehr in der Tasche hat, müssten Sie das Bruttogehalt sogar um 6,2% erhöhen, für eine verheiratete Apothekerin mit 60.000 € p.a. um 5,5%. Andere Kostenpositionen werden etwas niedriger steigend angenommen (wie z.B. Mieten). Insgesamt sollen die operativen Kosten um 4,5% steigen, Zinsen und Abschreibungen aber gleich bleiben.

Als Schmankerl soll die Politik ein Einsehen haben und der unübersehbaren inflationären Auszehrung mit einer Anpassung des Rx-Fixhonorars auf 10,00 € netto nach fünf Jahren begegnen (= ein Plus von 19,7%).

Modell-Ergebnisse

Die Abbildung 2 zeigt die Verheerungen langandauernder Inflation, wenn man keine Preissetzungsmacht hat und von der Politik abhängig ist.

Zwar steigt in diesem Jahrzehnt der Umsatz (nicht abgebildet) von 2,8 Mio. € auf stolze 4,3 Mio. €, und auch der Rohertrag legt von 640.000 € auf achtbare gut 850.000 € (unterproportional) zu.

Doch die Kosten-Ertrags-Schere schließt sich, es bleibt Jahr für Jahr weniger Gewinn. Und dieser wird weiter durch die Inflation entwertet. Selbst die beträchtliche Honorarerhöhung schafft da nur eine Zwischenerholung.

Ganz augenfällig wird dies bei den modellhaften Netto-Verfügungsbeträgen, die sich nicht nur nominal ungünstig entwickeln (von 8.400 € auf 6.400 € monatlich nach 10 Jahren), sondern sich in heutiger Kaufkraft (also inflationsbereinigt) förmlich pulverisieren – im Modell von 8.400 € monatlich netto auf knapp 4.000 €, trotz hübscher Zwischenaufbesserung. Ohne diese würde das Einkommen gar auf gut 1.000 € zusammenschnurren (real würden Sie natürlich versuchen, gegenzusteuern).

Inflation führt übrigens auch zum gern übersehenen Effekt einer Scheingewinn-Besteuerung. Der Grund liegt in den Abschreibungen (AfA), die ebenfalls inflationiert werden. Nach Ablauf der AfA-Dauer hat sich der Preis für eine Ersatzinvestition soweit erhöht, dass eine mehr oder weniger große Lücke klafft.

Eigene Gegenmaßnahmen

Als Gegenmaßnahmen blieben Ihnen die OTC-Preise sowie Sortimentsgestaltung (inklusive möglicher Spezialisierung), doch angesichts deren Umsatzbedeutung von oft deutlich unter 20% ist die Wirkung limitiert. Dennoch: Klug angegangen und je nach Konkurrenzumfeld, sind jährlich 5.000 € bis 10.000 € auf der Ertragsseite für eine Durchschnittsapotheke zusätzlich ohne Weiteres denkbar, was die "Auszehrung" immerhin mindert. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt (Indikatorprodukte, Versandkonkurrenz), aber es ist einiges möglich.

Darauf folgt der Evergreen "Kostenkontrolle". So sind gerade in einer Inflation preisindexbasierte Mietverträge kritisch. Wer heute (neu) mietet, sollte sich dieses enorm wichtigen Themas (und der Feinheiten der Indexierung) bewusst sein. Es steht weiter zu befürchten, dass sich mehr und mehr Anbieter weitergehende Preisanpassungen in ihren Verträgen offenhalten werden, oder sie schlicht "mit der Brechstange" durchzusetzen versuchen.

Am Ende dürfte eine hohe Inflation die Konsolidierung auch in unserer Branche weiter befeuern. Wer nicht aufpasst, wird von der Dynamik überrannt.

Über die Inflation hinauswachsen wird daher eine weitere Strategie sein, so u.a. durch (sinnvolle) Betriebsübernahmen oder auch alternative "Schließungsprämien". Hier nicht weiter vertieft werden sollen die Implikationen auf die private Vermögensbildung, die ja ebenfalls massiv von der Inflation tangiert ist.

Fazit

Es wäre für alle besser, die Finanzpolitik bekäme die Preisdynamik in den Griff [2]. Inflation macht nämlich die meisten langfristig arm. Gerade preisregulierte Geschäftsmodelle wie unsere Apotheken sind davon besonders betroffen. Kluge Unternehmer versuchen, "vor die Welle" zu kommen, und ihr nicht hinterherzulaufen. Nutzen Sie alle Ihre Spielräume!

Literatur

[1] Statistisches Bundesamt, Verbraucherpreisindizes für Deutschland – Lange Reihen ab 1948
[2] Hans-Werner Sinn, Die wundersame Geldvermehrung, Verlag Herder GmbH, Freiburg 2021

Prof. Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, 72076 Tübingen, E-Mail: Heilpharm.andmore@t-online.de

Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(02):4-4