Gerd Reimann
Im Mai 2021 wurde eine Apotheke im rheinland-pfälzischen Burgbrohl überfallen. Der Täter – mit einem Messer bewaffnet – bedrohte eine Mitarbeiterin, bediente sich in der Kasse und verschwand. Wenige Tage vorher, am Osterwochenende, kam es zu einem Überfall auf eine Mainzer Apotheke. In diesem Fall konnte der Täter samt Beute wenig später festgenommen werden. Überdies gab es in Berlin diverse Überfälle im Nachtdienst.
Das sind nur einige Meldungen aus dem letzten Jahr, die eines belegen: Das Risiko eines Raubüberfalls ist für Apotheken kein rein theoretisches. Ganz im Gegenteil: Raubüberfälle passieren – und zwar deutlich öfter, als gemeinhin angenommen wird.
Mitarbeiter von Geschäften mit Bargeldverkehr sind grundsätzlich dem Risiko ausgesetzt, Opfer von Raubüberfällen zu werden. Das gilt für Apotheken in besonderem Maße, weil hier neben Bargeld auch Medikamente, Betäubungsmittel und möglicherweise technische Geräte erbeutet werden können. Opfer von Raubüberfällen fühlen sich den Tätern oft ausgeliefert, auch weil sie den üblicherweise bewaffneten Kriminellen eine professionelle Planung unterstellen. Hinzu kommt, dass die Taten sehr brutal sein können. Häufig drohen Täter mit dem Einsatz von Waffengewalt. Das verstärkt das Gefühl der Hilflosigkeit auf der Opferseite zusätzlich. Darüber hinaus haben sich die wenigsten auf mögliche Überfälle vorbereitet. Eingeübte Verhaltensregeln für den Fall der Fälle sind wenig verbreitet.
Aus diesen Gründen können bei Betroffenen nach solchen Gewalterfahrungen – in Einzelfällen sofort oder zeitverzögert – Reaktionen starker psychischer Belastung wie Angst- und Panikattacken, Schlafstörungen, Alpträume, innere Anspannung, gedrückte Stimmung, Flashbacks und Konzentrationsprobleme auftreten.
Wie kann geholfen werden?
Zur Unterstützung betroffener Mitarbeiter hat sich eine notfallpsychologische Betreuung bewährt. Neben der Unterstützung nach Überfall- und Einbruchserfahrungen sind weitere Einsatzgebiete hinzugekommen, z.B. die Betreuung nach Unfällen, Naturkatastrophen und Terrorakten.
Psychische Reaktionen auf traumatische Erlebnisse lassen sich in drei zeitlich aufeinander folgende Abschnitte einteilen:
- Akut- oder Schockphase (Extremereignis und unmittelbare Zeit danach): Ein bis zwei Tage nach dem Ereignis.
- Stabilisierungs- oder Einwirkphase (auch Übergangsphase): Hier setzen Maßnahmen zur psychologischen Stabilisierung bis zu sechs Wochen nach dem Vorfall an.
- Konsolidierung und Wiederaufbau (auch Langzeitphase): individuelle Weiterbetreuung, Trauma- oder Psychotherapie, eventuell auch Begleitung von Gruppen.
Notfallpsychologen kommen vor allem in den ersten beiden Phasen zum Einsatz. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, dass sie eine Überleitung in eine psychotherapeutische Regelversorgung für die Langzeitphase managen.
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In den ersten 48 Stunden nach dem Vorfall – also in der Akutphase – können Notfallpsychologen eine Krisenintervention leisten, die erfahrungsgemäß einen bis drei Termine von jeweils 30 bis 60 Minuten umfasst. Im Vis-à-vis-Dialog können Belastungsthemen analysiert, Lösungsszenarien reflektiert und weitere Vorgehensschritte konkretisiert werden.
Für die daran anschließende Stabilisierungsphase bieten sich insbesondere Vor-Ort-Interventionen im Einzel- oder Gruppensetting an. Der Umfang der Vor-Ort-Gespräche liegt zwischen ein und fünf Terminen, die jeweils eine bis drei Stunden dauern können. Diese Gespräche sollten unmittelbar nach der Akutphase beginnen. Diese Form der Betreuung kann bis sechs Wochen nach dem Ereignis angeboten werden.
In der Stabilisierungsphase werden folgende Ziele verfolgt:
- Betroffene stabilisieren und neu orientieren,
- Ressourcen vermitteln bzw. aktivieren,
- Wiederherstellung der Arbeits- und Leistungsfähigkeit,
- Verarbeitung des Extremereignisses ermöglichen und
- die Ausprägung einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) verhindern.
Um diese Ziele zu erreichen, arbeiten Notfallpsychologen mit verschiedenen Techniken - unter anderem sind dies Gesprächstechniken, die aktive Nutzung der "Habituation" sowie "Reframing" und Neubewertung.
Hilfe für Angestellte ist Unternehmerpflicht
Für Apothekeninhaber ist die Bereitstellung therapeutischer Angebote keine freiwillige Leistung: Vielmehr gehören sie zu den Unternehmerpflichten, wie sie im SGB VII und seit April 2021 auch in der Regel 115-003 der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) definiert werden.
Neben Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen wird explizit die Verhinderung von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren genannt. Diese schließt psychische Belastungen nach traumatisierenden Ereignissen â Raubüberfälle zählen zweifellos dazu - mit ein. Dazu sollten Notfallpläne, Gefährdungsbeurteilungen und Qualitätsmanagement-Konzepte zusammengeführt, regelmäßige Schulungen zur Prävention angeboten und nach traumatisierenden Ereignissen eine notfallpsychologische Betreuung angeboten werden.
Hilfestellungen für eine sinnvolle Prävention gibt es von verschiedenen Stellen. Die Polizei bietet oft Schulungen an. Von Berufsgenossenschaften und dem Arbeitsmedizinischen Dienst werden Broschüren und Vordrucke für die Gefährdungsbeurteilung bereitgestellt. Aber auch private Dienstleister bieten entsprechende Schulungen und Notfallunterstützung an. Last but not least gehören diese zum Leistungsspektrum professioneller QMS-Berater für Apotheken.
Ziel all dieser Angebote ist es, mögliche Gefahrensituationen mit Hilfe von Gefährdungsbeurteilungen präventiv zu analysieren und angepasst an die Arbeitsplätze regelmäßig Schulungen für Mitarbeiter und Notfallpläne zu entwickeln, damit sich diese gewappnet fühlen und eben nicht in Hilflosigkeit verfallen, sobald Krisensituationen auftreten. Wichtig ist, dass Sie als Apothekeninhaber Ihr Team regelmäßig auf die geltenden Sicherheitsrichtlinien und Neuerungen hinweisen. Erst im letzten Jahr wurde in den Sicherheitsrichtlinien (SiRiLi) festgelegt, dass eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen nach §5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) vorausgesetzt wird.
Mitarbeiter sollen geschult werden, sicherheitsbewusst zu handeln und dem Entstehen möglicher Gefahrensituationen so wenig wie möglich Raum zu geben. Die Sicherheitsrichtlinien, die bisher nur für Banken und Sparkassen Vorschrift waren, gelten nun auch für viele andere Unternehmen - darunter Apotheken.
Dipl. Psych. Dr. Gerd Reimann, Geschäftsführer Gideon GmbH, 72076 Tübingen, E-Mail: gideon@gideon-potsdam.de
Ralf Kellner, Geschäftsführer B.i.G. Ges. für Beratung und Zertifizierung im Gesundheitswesen, E-Mail: kellner@big-beratung.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(02):12-12