Dr. Hubert Ortner
Liebe Leserinnen und Leser,
Hochmut kommt vor dem Fall, lehrt uns schon das biblische Buch der Sprüche (16, 18). Leider hat bei aller historisch bedingten Zerknirschtheit das Gefühl von Überlegenheit unsere Volksseele nie ganz losgelassen. Heute werben wir darum, dass sich die Welt ein Vorbild an deutscher Klimapolitik nimmt. Oder an unseren Vorstellungen von Disziplin, Dosenpfand und Datenschutz. Deutschland als Vorreiter – welch prächtiges Narrativ!
Dumm nur, dass die normative Kraft des Faktischen viel stärker wiegt als derlei Wunschgedanken. Beispiel Digitalisierung: Während die US-amerikanischen Tech-Konzerne die Marschrichtung vorgeben, reiht sich Deutschland irgendwo zwischen Mittelmaß und Bananenrepublik ein. Flächendeckende Breitbandabdeckung – Fehlanzeige. Digitales Impfregister – nicht vorhanden. Kein Wunder: Im Bermuda-Dreieck zwischen kleinkarierter Gründlichkeit, lähmender Bürokratie und Datenschutz made in Teutonia mag vieles gedeihen – mutige Weichenstellungen für die Zukunft sicher nicht!
Genau diese Defizite hat der Corona-Expertenrat unlängst scharf gerügt: Dass Deutschland auch nach zwei Jahren Corona-Pandemie "noch immer keinen Zugang zu wichtigen Versorgungsdaten hat" und bei der Einschätzung der Omikron-Welle "fast ausschließlich auf Daten aus dem Ausland angewiesen ist", berge erhebliche Risiken. Das nennt man wohl Euphemismus. Tatsächlich ist es ein Skandal, dass wir nicht imstande sind, valide eigene Daten zu erheben, zumal die Übertragung aus anderen Ländern stets fehlerbehaftet ist. Da wäre dann doch etwas mehr Demut angesagt. Und die Bereitschaft, das destruktive Bermuda-Dreieck endlich aufzubrechen und schleunigst seine digitalen Hausaufgaben zu machen.
Es grüßt Sie herzlichst
Ihr
Dr. Hubert Ortner
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(04):2-2