Dr. Hubert Ortner
Michael Dörr: "Eine Quersubventionierung des Kerngeschäfts kann ein Unternehmen schnell in Schieflage bringen, deshalb halte ich eine solche für brandgefährlich. Das gilt sowohl für den Verkauf der Daten an die Versorgungsforschung als auch für das Finanzierungsgeschäft."
Das E-Rezept hat das Potenzial zum Gamechanger in mehrerlei Hinsicht. So wird ein erheblicher Teil des Aufwands – das Scannen und Digitalisieren der Muster-16-Vordrucke – wegfallen. Löst sich das Kerngeschäft der Apothekenrechenzentren (ARZ) mittelfristig im digitalen Nirwana auf?
Michael Dörr: Die Digitalisierung ist mit Sicherheit nicht der größte Teil des Aufwands, den wir betreiben. Die Hauptaufgabe und Kernkompetenz der ARZ liegt im Clearing. Zudem wird der Aufwand für die Verarbeitung von Muster-16-Vordrucken und E-Rezepten deutlich ansteigen: Dieser parallele Hybridbetrieb, für den ich mindestens fünf Jahre veranschlagen würde, verursacht bei den ARZ sogar deutliche Mehrkosten. Solange wir auch nur eine kleine Restmenge an Muster-16-Rezepten zu verarbeiten haben, brauche ich das Personal mit den entsprechenden Fachkenntnissen.
Vor diesem Hintergrund sowie angesichts der stark gestiegenen Lohn- und Energiekosten sehe ich wenig Spielraum für Preisnachlässe.
Die Rezeptabrechnung folgt seit Jahrzehnten demselben Schema. Welche neuen Akzente wollen und können Sie mit der genossenschaftlich organisierten ARZsoftware eG setzen?
Michael Dörr: Wir sind ein Zusammenschluss von sieben mittelständischen Abrechnungszentren, die alle über langjährige Erfahrung verfügen. Das macht uns sehr flexibel: Wir sind direkt an der Front und haben einen klaren Fokus auf das Kerngeschäft – Verbandspolitik und andere Nebenkriegsschauplätze überlassen wir den Mitbewerbern. Deshalb können wir auch viel schneller reagieren und damit unseren Kunden einen flexiblen Top-Service bieten, den diese sehr schätzen. Wir sind die Kümmerer für unsere Apothekenkunden!
Und wir setzen in unserer Genossenschaft auf eine klare Arbeitsteilung und haben dafür sogenannte "Center of Excellence" etabliert: Diese haben sich auf die unterschiedlichen Kernkompetenzen spezialisiert – vom Scannen der Rezepte samt OCR-Erkennung bis hin zum Datenmanagement und der Kryptographie.
Wie sieht es in punkto IT- und Software-Know-how in Neu-Isenburg aus? Können Sie da ressourcentechnisch mit den großen "Wölfen der Branche mitheulen"?
"Wir sind direkt an der Front und haben einen klaren Fokus auf das Kerngeschäft. Deshalb können wir auch sehr schnell reagieren – gerade auch bei der Auszahlung – und damit unseren Kunden einen flexiblen Top-Service bieten. Wir sind die Kümmerer für unsere Apothekenkunden!"
Michael Dörr: Definitiv, denn Größe alleine ist ja kein Qualitätskriterium. Im Gegenteil ist die hohe IT- und Software-Kompetenz sogar eine besondere Stärke von uns. Durch die Bündelung unserer Entwicklungs-Ressourcen verfügt die ARZsoftware eG über 15 erfahrene Software-Ingenieure, die tief im Thema sind – deutlich mehr als jedes andere Abrechnungszentrum.
Das ist insofern sehr wichtig, als dass die großen Software-Anbieter wie SAP bekanntlich keine Branchenlösungen für Apothekenrechenzentren bieten. Deshalb müssen wir alle Lösungen für die OCR-Verarbeitung der Muster-16-Vordrucke, das Clearing etc. individuell programmieren.
Unser Ziel ist die Entwicklung einer Cloud-basierten, mandantenfähigen Software, die alle relevanten ERP-Prozesse im ARZ abbilden kann.
Insbesondere die Abrechnung von Kassenabschlägen und Herstellerrabatten wird vonseiten der ARZ gerne als Herkulesaufgabe beschrieben. Was ist daran so immens aufwendig, Rabatte zu berechnen und einzutreiben – genau dafür gibt es doch Software-basierte Prozessroutinen?
Michael Dörr: Die Kassenabschläge sind nicht das Problem. Dafür ist das Forderungsmanagement zum Teil extrem aufwendig: Es gibt ja nicht nur die großen Krankenkassen, sondern auch kleine Kostenträger bis hin zu den Sozialämtern. Beim Herstellerrabatt wickeln manche Hersteller die Zahlungen über Unternehmen im Ausland ab – da wird es dann mit dem Inkasso zum Teil sehr schwierig. Erst recht bei einer Rückabwicklung des Rabattes. Diese Nacharbeit braucht viel Expertise und ist sehr zeitintensiv.
Die Direktabrechner suggerieren den Apotheken, dieser Aufwand wäre gar nicht so hoch: Sie stellen ihnen ein Software-Portal zur Verfügung und überlassen sie dann weitgehend sich selbst. Ich glaube nicht, dass das funktionieren kann.
"Schon seit Jahren drängen neue Anbieter mit hohem Kapitaleinsatz in den Markt. Insofern sind die 10 Mio. €, die die Gedisa gerade für das DAV-Portal einsammelt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem hätte ein gemeinsames Apotheken-Branchenportal schon vor zehn Jahren entwickelt werden müssen, um vorne mitzuspielen."
Apropos Direktabrechner: Diese umwerben Apotheken mit einer Kommunikation in Echtzeit mit den Krankenkassen sowie einem häufigeren Auszahlungsturnus (bis hin zur Sofortauszahlung). Das hat doch einen gewissen Charme – oder?
Michael Dörr: Die ARZ sind ja nur Auftragsverarbeiter, die sich an die Vorgaben der Verträge halten müssen – das gilt auch für die Zahlungsmodalitäten. Vorfällige Zahlungen gelten als Kreditvergabe, mit weitreichenden Konsequenzen. Sollten die Verträge geändert werden, werden wir das natürlich auch abbilden können – inklusive Sofortauszahlung.
Sie haben es eben schon angedeutet: Die Zwischenfinanzierung bei der Rezeptabrechnung gilt formal als Kreditvergabe und erfordert deshalb eine Banklizenz. Wie gehen Sie und Ihre Mitbewerber damit in der Praxis um? Der Mehraufwand ist sicher enorm.
Michael Dörr: Wenn man den Auszahlungsbetrag der Rezepte zwischenfinanziert, wie das die meisten ARZ tun, dann erfordert das in der Tat eine Banklizenz bei der BaFin. Zum Teil reicht auch eine Teilbank-Lizenz fürs Factoring – aber auch eine solche ist mit hohen Compliance-Anforderungen verbunden. Daneben gibt es noch die Möglichkeit einer "Freistellung vom Kreditwirtschaftsgesetz": Mit einer solchen darf man Geld auch ohne Banklizenz verleihen – vorausgesetzt, dass es sich dabei nicht um das Kerngeschäft, sondern eine Nebentätigkeit handelt.
Uns kommen hier unsere Flexibilität und schnellen Reaktionszeiten zugute: Weil wir es bei der ARZsoftware zeitlich hinbekommen, bis zum Ersten eines Monats alle Rechnungen an die Kostenträger rauszuschicken, sind die Zahlungen bis zum Zehnten alle eingegangen. Damit verteilen wir nur die vertraglich festgelegten Abschläge der Kostenträger an die Apotheken, also das Geld, das ihnen aus der Rezeptbelieferung zusteht. Das hat mit Finanzierung bzw. Kreditvergabe nichts zu tun. Insofern benötigen wir weder das eine (Banklizenz) noch das andere (Freistellung).
"Mittlerweile werden Rezeptabrechnungen bereits für 0,07% bis 0,09% angeboten. Dass das nicht kostendeckend sein kann, lässt sich übrigens auch im Bundesanzeiger ablesen: Dort weisen manche ARZ in ihren Bilanzen Einnahmen für den Datenverkauf aus, die deutlich höher ausfallen als das Gesamt-Nettoergebnis."
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Gebühren für die Rezeptabrechnung schon länger nicht mehr kostendeckend sind und durch den Verkauf der Daten an die Versorgungsforschung sowie das Finanzierungsgeschäft quersubventioniert werden. Haben sich die ARZ verkalkuliert oder wie kommt es, dass man sich ohne Not die Preise kaputt gemacht hat? In oligopolen Märkten tut man sich normalerweise nicht gegenseitig weh.
Michael Dörr: In der Tat sind die Preise, die manche Anbieter im Markt aufrufen, höchst fragwürdig. Vor zwei Jahren war in vielen Verträgen noch eine Abrechnungsgebühr von 0,3% festgeschrieben – in der Praxis wurde diese dann oft auf einen Wert von 0,15% bis 0,17% gekappt. Nehmen wir beispielhaft einen Abrechnungssatz von 0,16% und eine Apotheke mit einem typischen Rezeptumsatz von 2,38 Mio. € p.a.: Die bezahlt ca. 3.770 € für ihre Rezeptabrechnung.
Das war 2020, doch mittlerweile werden Abrechnungen bereits für 0,07% bis 0,09% angeboten. Dass das nicht kostendeckend sein kann, lässt sich übrigens auch im Bundesanzeiger ablesen: Dort weisen manche ARZ in ihren Bilanzen Einnahmen für den Datenverkauf aus, die deutlich höher ausfallen als das Gesamt-Nettoergebnis. Das spricht für sich.
Verraten Sie uns, wie es die ARZsoftware unter diesen unerquicklichen Rahmenbedingungen dennoch schafft, schwarze Zahlen zu schreiben?
Michael Dörr: Wir bieten unseren Kunden, wie schon erwähnt, ein hohes Maß an Flexibilität und einen Top-Service. Wir kümmern uns um alle Belange rund um die Rezeptabrechnung. Das hat natürlich einen gewissen Preis. Und ich habe von Anfang an sehr darauf geachtet, dass wir die Kosten im Griff haben. Unsere "Center of Excellence" sind ein wichtiger Baustein in diesem Kontext. So haben wir zum Beispiel die Scanner zur Digitalisierung der Muster-16-Vordrucke gemietet und nicht gekauft. Das ist nur ein Beispiel von vielen.
Der Verkauf der Daten an die Versorgungsforschung sowie das Finanzierungsgeschäft sind doch ein schönes "Zubrot", wenn schon das Kerngeschäft so margenschwach ist. Was spricht aus Ihrer Sicht dagegen?
Michael Dörr: Eine Quersubventionierung des Kerngeschäfts kann ein Unternehmen schnell in Schieflage bringen, deshalb halte ich eine solche für brandgefährlich. Niemand kann voraussagen, ob die Marktforschungs- und Beratungsunternehmen auch in den kommenden Jahren so viel Geld für die Versorgungsdaten in die Hand nehmen werden, wie sie es heute tun oder die Politik wieder weitere Einschränkungen in die Gesetze schreibt. Und bei der BaFin deutet vieles darauf hin, dass man seine Kontrollfunktion in Zukunft deutlich ernster nehmen wird – auch hier sehe ich erhebliche Risiken für Anbieter, bei denen die Finanzierung sich vom Rand- zum Kerngeschäft entwickeln könnte …
"Laut Lobbyregister hat die ABDA 2020 ganze 2,55 Mio. € für Lobbyarbeit ausgegeben. Wie effizient dieses Geld eingesetzt wurde, das lasse ich lieber meine Kunden beurteilen. Beobachter behaupten, dass die Apothekerschaft bei den Politikern in Berlin nicht besonders gelitten ist, weil ihre Standesvertretung zu allen Vorschlägen und Reformen erst einmal ‚Nein‘ sagt … "
Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die aktuelle Marktentwicklung: Hat es die Branche versäumt, rechtzeitig die längst überfällige Strukturreform der Apothekenvergütung in Berlin durchzusetzen?
Michael Dörr: Ja, definitiv. Betrachten wir nur die steigenden Personalkosten und Energiepreise auf der einen Seite sowie die sinkenden Großhandelsrabatte und angedrohte Erhöhung der Kassenabschläge auf der anderen Seite, dann wird eines schnell klar: Die Kostenschere geht gerade massiv auseinander.
Wenn da nicht schnell gegengesteuert wird, dann dürfte die wenig erfreuliche Prognose, dass in den nächsten Jahren 4.000 Apotheken vom deutschen Markt verschwinden werden, leider in Erfüllung gehen. Ich denke, die Politik nimmt das billigend in Kauf.
Wie bewerten Sie in diesem Kontext die Performance der ABDA, die Interessen der Vor-Ort-Apotheken in dem 460 Milliarden Euro schweren Haifischbecken namens Gesundheitsmarkt effizient zu vertreten?
Michael Dörr: Laut Lobbyregister hat die ABDA 2020 ganze 2,55 Mio. € für Lobbyarbeit ausgegeben. Wie effizient dieses Geld eingesetzt wurde, das lasse ich lieber meine Kunden beurteilen. Politische Beobachter in Berlin behaupten, dass die Apothekerschaft bei den Politikern in Berlin nicht besonders gelitten ist, weil ihre Standesvertretung zu allen Vorschlägen und Reformen erst einmal "Nein" sagt …
Digitalisierung bedeutet immer auch Diversifizierung, was den Wettbewerbsdruck auf die etablierten Player zwangsläufig erhöht. Sehen Sie die deutschen Vor-Ort-Apotheken gut vorbereitet auf die neue digitale Konkurrenz durch Online-Plattformen & Co.?
Michael Dörr: Um ehrlich zu sein, nein. Ein russischer Diplomat hat gesagt: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Das gilt in besonderem Maß für die Digitalisierung, die die Branche radikal verändern wird: Schon seit Jahren drängen neue Anbieter mit hohem Kapitaleinsatz in den Markt. Wenn man sich nur einmal bewusst macht, wie viele zig Millionen an Werbegeld die großen Versandapotheken und Online-Plattformen investiert haben, dann wird eines schnell klar: Die 10 Mio. €, die die Gedisa gerade für das DAV-Portal einsammelt, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Zudem hätte ein gemeinsames Apotheken-Branchenportal schon vor zehn Jahren entwickelt werden müssen, um vorne mitzuspielen. Um jetzt noch auf den immer stärker Fahrt aufnehmenden Digitalzug aufzuspringen, bräuchte man ein immens hohes Investment.
Das Interview führte Dr. Hubert Ortner
Dr. Hubert Ortner, Biochemiker, Chefredakteur AWA, E-Mail: hortner@dav-medien.de
Aktueller Wirtschaftsdienst für Apotheker 2022; 47(09):6-6